Hollywood ohne Hollywood Und bitte noch 100 Kilometer geradeaus laufen

Große Crews, große Ablenkung: Die meisten Leute seien dann nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Herzog plädiert für möglichst kleine Crews, wie hier am Set seiner Doku "Grizzly Man" im Jahr 2005.

(Foto: Fotex/Target)

Wer das Filmemachen in einer Online-Masterklasse mit Regisseur Werner Herzog lernen will, den erwarten spezielle Geduldsproben - und eine Pflichtlektüre über Vögel.

Von David Steinitz

Eine bislang eher unbekannte Wahrheit über die Kinokunst lautet: Um ein guter Filmemacher zu werden, muss man wissen, wie viel ein Dromedar kostet - und wann es Rabatt gibt.

Nur so, sagt die deutsche Regielegende Werner Herzog, könne man ein romantisches Wüstenepos à la "Lawrence von Arabien" zu einem Bruchteil des üblichen Hollywood-Budgets inszenieren. Für sein Melodram "Königin der Wüste" habe er sich vorab persönlich über die Dromedar-Mietpreise in Marokko informiert und herausgefunden, dass es ab 50 Stück deutlich günstiger wird.

Der Wahlamerikaner Herzog hat in Hollywood aber nicht nur einen guten Stand, weil er mit kleinen Budgets aufwendige Filme dreht, sondern weil die Stars ihn lieben. In den letzten Jahren hat er Filme mit Nicole Kidman, Christian Bale und Nicolas Cage inszeniert. Welch besonderen Stellenwert er dadurch in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie bekommen hat, kann man seit letzter Woche auch auf der Website masterclass.com begutachten. Dort bieten Superstars verschiedener Kunstsparten Online-Meisterklassen an. Zum Beispiel gibt Christina Aguilera Gesangsunterricht, Kevin Spacey lehrt Schauspieltricks, Annie Leibovitz verspricht Nachhilfe in Fotografie. Und im neuesten Fernkurs der Firma philosophiert Werner Herzog auf Englisch über die Kunst des Filmemachens: 27 Videolektionen für 90 Dollar, inklusive Hausaufgaben. Das implizite Versprechen dieser Digitalseminare: Warum sechs Jahre eine Kunsthochschule besuchen, wenn es mit den Stars auch in sechs Stunden geht?

Sensationeller Stoizismus

Dieses Versprechen muss man natürlich nicht ernst nehmen, weil künstlerisches Genie sich eher nicht im Kompaktstudium erwerben lässt, wenn es denn überhaupt erlernbar ist. Trotzdem ist Herzogs Online-Klasse eine famose Sache, und zwar nicht nur wegen der Anekdote mit den Dromedaren, die aus Lektion fünf stammt. Sie zeigt, dass auch der Regisseur von allen Dingen am Set den Preis kennen sollte, um Kosten zu minimieren.

Herzog nimmt durch seine Präsenz als bayerischer Regiedinosaurier im US-Showbusiness schon durch seine Erscheinung eine Sonderstellung ein. Er ignoriert sämtliche Kategorien des Cool und der Ironie mit einem sensationellen Stoizismus. In den Masterclass-Videos ist er gekleidet wie ein Gymnasiallehrer kurz vor der Pension: humanistengraues Hemd und Sakko mit braunen Flicken am Ärmel, dazu spielt er beständig mit seiner Lesebrille. Aber der größte Exzentriker-Trumpf ist seine germanische Märchenonkelstimme, die in den USA längst Kult ist und über die er zu Beginn des Kurses sagt: "Ich weiß, mein Akzent ist schrecklich. Aber ich weiß auch, dass meine Stimme eine gewisse hypnotische Qualität hat."

Mit diesem Herzog-Sound erläutert er die verschiedenen Arbeitsbereiche des Filmemachens, vom Drehbuch über die Finanzierung, die Schauspielführung und den Schnitt. Ob seine Weisheiten sich zur Nachahmung eignen, muss jeder interessierte Studierende für sich selbst entscheiden. Denn das Ergebnis nach 27 Lektionen Herzog-Didaktik ist weniger, dass man zum frei agierenden Regisseur erzogen wird, als zum getreuen Vertreter der puren Herzog-Ideologie - und die bleibt freilich Geschmackssache. Aber all die wilden Anekdoten und die teils sehr skurrilen Hausaufgaben am Ende der einzelnen Blöcke geben einen wunderbaren Einblick in seine Sicht des Kinos und der Welt, wie man ihn so lustig und ausführlich noch nicht bekommen hat. Diese Masterclass ist letztlich vor allem eine sechsstündige Selbstanalyse des Meisters, wie sie ein Interview mit einem dazwischengeschalteten Filmkritikerbesserwisser kaum leisten kann.

Wenn man zum Beispiel weiß, dass Herzog jedes Mal, bevor er sich an ein neues Drehbuch setzt, möglichst laut Beethoven hört und dazu Verse von Vergil oder isländische Lyrik rezitiert, dann wundern einen die Filme, die hinterher dabei rauskommen, kein bisschen mehr.

Herzog sagt, dass er nie länger als fünf Tage an einem Drehbuch schreibt, damit die Geschichte eine Dringlichkeit bekommt. Und dass er die gängige Dreiaktstruktur, wie sie in Filmhochschulen gelehrt wird, "lächerlich und hirnlos" findet. Vielmehr müsse man sich in eine "Raserei der Sprache" versetzen, niemals korrigieren, sondern im Rausch runterschreiben.