Hollywood in Not:Angst fressen Kino auf

Im US-Kino ist der Sommer eigentlich das größte Geschäft - doch die Besucher bleiben aus. Warum Remakes und 3D-Technik keine Kreativität ersetzen.

Susan Vahabzadeh

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Twilight - Biss zum Abendrot

Quelle: Verleih

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Im US-Kino ist der Sommer eigentlich das größte Geschäft - doch die Besucher bleiben aus. Warum Remakes und 3D-Technik keine Kreativität ersetzen. Die Bilder.

In Hollywood herrscht Katerstimmung. Man erkennt das daran, wenn sich anstelle des üblichen Rekordgrößenwahns plötzlich ein Unterton von Bescheidenheit in die Ankündigungen der Filmbranche schleicht. Ende des Monats kommt in Amerika der dritte Teil der Twilight -Saga, Eclipse: Bis zum Abendrot ins Kino, und das Branchenblatt Hollywood Reporter hat als erwartetes Einspielergebnis die Zahl von 125 Millionen Dollar ins Spiel gebracht - das ist viel Geld, aber es sind doch zwanzig Millionen Dollar weniger, als der zweite Teil in seiner ersten Woche im vergangenen Jahr eingespielt hat.

Text: Susan Vahabzadeh/SZ vom 15.6.2010/sueddeutsche.de/fris

Foto: Szene aus Twilight- Bis(s) zum Abendrot

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Quelle: SZ

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Twilight ist dennoch der Hoffnungsträger, auf die Fans der Vampir-Reihe soll einigermaßen Verlass sein, nachdem die letzten Wochen - im US-Kino ist der Sommer das größte Geschäft - beängstigend schlecht gelaufen sind. Schon das Memorial-Day-Wochenende war desaströs, Sex and the City 2 ging an den Start und wurde von Shrek abgehängt ...

Foto: die Hauptdarstellerinnen aus "Sex and the City"

Shrek

Quelle: Dreamworks

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... aber der war ein Sieger unter Verlierern: Weniger Tickets als an diesem Wochenende wurden zuletzt 1993 verkauft. Im Mai 2010 wurden 19 Prozent weniger Tickets verkauft als im Mai letzten Jahres, in der vergangenen Woche - da gab es gar keinen spektakulären Filmstart - waren es sogar 25 Prozent. Bislang hat das ganze Sommerprogramm nicht so recht funktionieren wollen - auch wenn die 183 Millionen Dollar, mit denen sich Shrek (Foto: Szene aus Shrek) drei Wochen an der Spitze der Charts halten konnte, sehr viel Geld sind: Bei dem, was die Studios in ihre großen Filmereignisse, die Blockbuster, investieren, ist ein Einbruch von 25 Prozent eine Katastrophe.

Karate Kid

Quelle: Verleih

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Leichte Entspannung brachte am vergangenen Wochenende endlich Jackie Chan, dessen Karate Kid die Charts anführt. Nun wird also Ursachenforschung betrieben bei den Hollywood-Studios und in den Branchenblättern. Wie konnte es passieren, dass ein grüner Oger vier Frauen, die angeblich alle lieben, abhängen konnte?

Foto: Jaden Smith (links) und Jackie Chan in ihrem aktuellen Film Karate Kid.

Iron Man 2

Quelle: Verleih

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Die Krankheit, die dabei diagnostiziert wurde, heißt abwechselnd "Sequelitis" und "Sequel Burn-out". Iron Man 2, Sex and The City 2, Für immer Shrek (der im Titel verschweigt, dass er ein vierter Teil ist) sind Sequels, Prince of Persia basiert auf einem Videospiel, Karate Kid ist ein Remake. Das sind zu viele Fortsetzungen, viel zu viel uninspirierte Routinearbeit, mit der sich das Publikum nicht vom Sofa weglocken ließ. Es gibt natürlich einen guten Grund, warum Shrek dann doch noch der Sieger unter Verlierern war: Der Film ist in 3D, und im Moment reicht das noch, um Filme interessanter zu machen, als sie sind. Auch Shrek ist immerhin der vierte Aufguss, und eigentlich ein Paradebeispiel dafür, wie enervierend 3D sein kann, es schwirren einem permanent so viele kleine Hexen um die Nase herum, dass die angemessene Ausrüstung für den Film nicht nur eine 3D-Brille, sondern auch eine Fliegenklatsche wäre.

Foto: Scarlett Johansson in Iron Man 2 als "Schwarze Witwe".

"Ocean's Eleven"

Quelle: sz.sonstige

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Die Hoffnung, die Zukunft der Kinoindustrie auf den Reiz dieser Technik aufbauen zu können - sie ist eine Schimäre. Interessant ist 3D nur für eine bestimmte Art von Kino, und selbst dort nutzt der Effekt sich ab. Schlimmer noch: Inzwischen sind die ersten 3D-Fernsehgeräte im Handel. Die sind im Moment noch sehr teuer, mit vielen Kinderkrankheiten behaftet und man kann damit noch nicht allzu viel anschauen außer dem Astra-3D-Testbild. Aber die letzten technischen Allerweltsneuerungen, der Siegeszug der Mp3-Player zum Beispiel, hat ja gezeigt, wie schnell so was gehen kann. Dem Kino verschafft die neue Technik vielleicht drei, vier Jahre Aufschub. Wenn sich dann nicht nur jeder Film nach einer gewissen Zeit auch auf dem heimischen Sofa anschauen lässt, sogar in 3D - dann steht das Kino vor genau derselben Frage wie vorher: Was macht einen Kinobesuch zu einem einzigartigen Erlebnis? Durch Routine und Wiederholungen lässt sich Einzigartigkeit jedenfalls nicht erzielen.

Foto: Das Traum-Trio Hollywoods: George Clooney, Julia Roberts und Brad Pitt in Oceans Eleven, dem ersten Teil der Oceans Triologie.

Oceans Thirteen

Quelle: Verleih

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Es gibt natürlich immer viele Fortsetzungsfilme, im Moment sind es besonders viele, weil sich Filmproduzenten verhalten wie Alchemisten: Sie hätten gerne das Rezept, aus dem Gold gemacht wird, und was einmal funktioniert hat an den Kinokassen, könnte doch übernächsten Sommer noch mal viel Geld bringen. Aber Kreativität hat und hatte immer schon mit Risikobereitschaft zu tun - und in Hollywood ist man seit Beginn der Finanzkrise wieder in einer Phase, in der alle Risikofaktoren ausgeschaltet werden sollen. Aber Kino ist kein reines Industrieprodukt, an Filmen, die nach dem Baukastenprinzip erzählen, verliert das Publikum das Interesse.

Ende der neunziger Jahre hatte das Blockbuster-Kino schon einmal eine Krise - da funktionierte nicht mal mehr die Batman-Reihe, George Clooney zum Trotz, und wurde erst mal versenkt. Danach sah es eine Weile so aus, als hätte sich die Erkenntnis tatsächlich durchgesetzt, dass es nicht genug ist, ein paar am Schreibtisch errechnete Ingredienzien zusammenzukippen, um einen Erfolg zu haben.

Foto: Matt Damon, Brad Pitt und George Clooney in einer Szene aus Oceans Twelve, dem zweiten Teil der Oceans Triologie.

SPIDERMAN

Quelle: ag.ap

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Damals hat Hollywood begonnen, junge europäische Filmemacher und das amerikanische Independent-Kino zu vereinnahmen. Steven Soderbergh drehte die Ocean's-Reihe, Sam Raimi machte die Spider-Man-Filme mit Tobey Maguire (siehe Foto), Chris Nolan hat Batman reanimiert. Inzwischen wurde Raimi gefeuert, Guillermo del Toro zog sich genervt aus dem Hobbit zurück, und Soderbergh kündigt alle paar Monate seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft an.

Batman

Quelle: Verleih

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Das Marketing, die Zugkraft von ein paar Namen oder einer eingeführten Serie, der Bezug zu einem Videospiel sollen die besseren Garanten sein für Erfolg als der unberechenbare Faktor Kreativität. Was aber, wenn ein künstlich durch Werbung geschaffenes Interesse im Zeitalter des Internets seine Wirkung verliert?

Foto: Szene aus der Comicverfilmung Batman Begins, 2005.

Gemma Arterton, Jake Gyllenhaal

Quelle: ap

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Die Ausgaben für Werbung sind drastisch gestiegen im letzten Jahrzehnt - aber ihre Wirkung scheint nachzulassen. Jeder großen Kampagne können Twitter und Blogs heute wesentlich mehr destruktives Potential entgegensetzen, als sie die traditionelle Filmkritik je hatte. Die Kampagne zu Prince of Persia hat laut Hollywood Reporter zusätzlich zum Produktionsetat von 200 Millionen Dollar 75 Millionen Dollar gekostet. In den USA hat er inzwischen erst das Geld eingespielt, das die Werbung gekostet hat.

Dabei müsste ausgerechnet Jerry Bruckheimer, der Gigant unter den amerikanischen Produzenten und Macher von Prince of Persia, kein Risiko fürchten - und schon gar nicht die Konkurrenz des Fernsehens, weil Bruckheimer (CSI) auch das dominiert. Der Variety-Kolumnist Peter Bart attestiert Bruckheimer, er sei in gelangweilte Monotonie verfallen.

Foto: Jake Gyllenhaal und Gemma Arterton in einer Szene aus "Prince of Persia".

Fluch der Karibik

Quelle: Verleih

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Nun war Bruckheimer immer schon der König der Alchimisten. Aber als er vor einigen Jahren den ersten Fluch der Karibik Film produzierte, hatte Disney große Bedenken. Wegen der Figur des Captain Sparrow, die Regisseur Gore Verbinski und Johnny Depp geschaffen hatten - ein versoffener Keith-Richards-Pirat. Sparrow blieb Sparrow, und Fluch der Karibik, eigentlich nicht als Fortsetzung konzipiert, geht inzwischen in die vierte Runde - er hat alle Erwartungen übertroffen. Angst ist eben selten ein guter Ratgeber.

Foto: Johnny Depp und Orlando Bloom in einer Szene aus Fluch der Karibik Teil 1.

© SZ vom 15.6.2010/fris
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