Hollywood im Sparwahn Dann geh doch nach drüben

Um Kunst geht es in Hollywood vielleicht endgültig nicht mehr. Wer kluge Filme machen will, muss eben nach Europa ausweichen.

Von S. Vahabzadeh

In Hollywood hat die Oscar-Saison begonnen - und man gibt sich einstweilen, als wäre die Filmindustrie von der Krise gebeutelt. Um fünfzig bis sechzig Prozent seien die Ausgaben für die Empfehlungs-Kampagnen in diesem Jahr gedrosselt worden, hat das Branchenblatt Variety in der vergangenen Woche berichtet. Die Parties und Zeremonien stünden, heißt's dort, sozusagen unter einem Öko-Motto: Deko-Recycling und ansonsten alles ein bisschen kleiner als sonst.

Hollywood spart an allen Ecken und Enden. Auch "A serious Man" (mit Fred Melamed und Michael Stuhlbarg) war keine rein amerikanische Finanzierung.

(Foto: Foto: Filmverleih)

Die Preise des National Board of Review haben in der vergangenen Woche den Beginn der Saison eingeläutet, in der nächsten werden die Nominierungen für die Golden Globes bekanntgegeben, erst im Januar dann die für die Oscars. Bei der ersten Runde haben sich klare Favoriten durchgesetzt: "Invictus" von Clint Eastwood mit Morgan Freeman als Nelson Mandela, wurde mit dem Regiepreis ausgezeichnet, und als bester Film "Up in the Air" mit George Clooney als Vielflieger und Workaholic, inszeniert vom "Juno"-Regisseur Jason Reitman, der Hauptdarstellerpreis wurde auf beide aufgeteilt.

Diese Filme galten als Favoriten, als sie noch gar nicht abgedreht waren. Die meisten Filme, die von ihren Machern als Oscar-Material eingeschätzt werden, kommen erst in diesen Wochen in die US-Kinos. James Cameron mit "Avatar" gilt als aussichtsreich, Peter Jackson mit "In meinem Himmel", die Coen-Brüder mit "A Serious Man". Auch Kathryn Bigelows "The Hurt Locker" gilt als potentieller Oscar-Kandidat, Jane Campion mit "Bright Star".

Vor allem die beiden letzten sind festivalerprobte Arthouse-Favoriten, genau wie in den vergangenen Jahren die Siegerfilme "No Country for Old Men" oder "Slumdog Millionaire". Diese Filme kosten weniger als Camerons 3-D-Spektakel "Avatar", oft rentieren sie sich erst so richtig, wenn sie in Europa gut laufen - weswegen wohl schon vor der Krise der Trend dahin ging, die Europäer diese Filme, wenn sie sie denn unbedingt wollen, auch selbst bezahlen zu lassen: Es kam für Kathryn Bigelows uramerikanischen Irakkriegsfilm "Hurt Locker" keine rein amerikanische Finanzierung zustande, das gleiche gilt für "Männer, die auf Ziegen starren", den das "Good Night, and Good Luck"-Team Grant Heslov/George Clooney gemacht hat, für "A Serious Man" und "Bright Star".

Hollywood spart an allen Ecken und Enden - und das obwohl, was die Ticketverkäufe betrifft, 2009 ein grandioses Jahr war. Erstmals soll die Zehn-Milliarden-Umsatzmarke überschritten werden, bisher liegt der Rekordumsatz auf dem amerikanischen Markt bei 9,7 Milliarden. Kein Grund zur Sorge also, wären da nicht die rückläufigen Einnahmen aus der DVD-Auswertung der Filme. Und dieser Teil der Einnahmen war in den letzten Jahren oft höher als die Kino-Einspielergebnisse. Es werden nun also weniger Filme gedreht, und zwar mit möglichst wenig Mut zum Risiko. Filmemacher wie Steven Soderbergh erwarten die Einebnung des Geschmacks: "Die Rezession wird die Entscheidungen noch konservativer machen als vorher.

Wenn man heute in ein Meeting geht, darf man bestimmte Worte einfach nicht aussprechen. Sag nicht, der Film soll klug werden, sie gucken dich an mit diesem Blick: Oh Gott, er ist wieder im Arthouse-Modus. Ich glaube wir können uns auf einige Jahre einstellen mit Filmen, die wirklich nicht gut sind." Einer ganz bestimmten Art von Filmen würde da zuerst der Garaus gemacht - denen, die in den letzten Jahren als oscar-tauglich galten.

Hollywood macht sich selbst manövrierunfähig

Marshall Herskovitz, Präsident der amerikanischen Produzentengewerkschaft, sieht mit genauso wenig Optimismus in die Zukunft wie manche Filmemacher: "Die Studios haben sich aus dem 20- bis 30-Millionen-Dollar-Business zurückgezogen. Sie meinen, man kommt mit ein paar Produzenten klar, wenn man 100-Millionen-Dollar-Filme macht. Das Problem dabei ist, dass man sich so den Umständen nicht mehr anpassen kann."

Als schlechtes Beispiel nennt er die Autoindustrie - die das größte Geschäft bei den Riesenautos vermutete und sich so selbst manövrierunfähig machte. Ob "Avatar" (geschätztes Produktionsbudget: 220 Millionen Dollar) wirklich ein sicheres Vehikel auf dem Weg zum Profit ist im Vergleich zu "A Serious Man" (geschätztes Produktionsbudget: sieben Millionen Dollar), das darf man bezweifeln. Um Kunst - ja, um Kunst geht es in Hollywood vielleicht endgültig nicht mehr, seit man die erfolgreichen Indies der Neunziger aufgekauft - und dann wegen mangelnder Rentabilität abgewrackt hat. Die Abteilungen der Studios, in denen abhängig Filme produziert wurden, die früher "Indies" genannt worden wären, wurden entweder verkleinert oder ganz geschlossen.

Mainstream, das sind Filme, bei denen man auf die allergrößte Zielgruppe hoffen kann und die einzige, die Merchandising-Produkte kauft - die Kids, die aber doch immer öfter am Computer sitzen bleiben. Kleine Filme für wenig Geld und kleine Zielgruppen - die passen nicht in die Geschäftspläne, wer die drehen will, muss dann eben nach Europa ausweichen.

Die von manchen Filmemachern geäußerten Hoffnungen, die neue Nominierungstaktik bei den Oscars - als bester Film werden in diesem Jahr erstmals zehn, nicht mehr wie in allen anderen Kategorien fünf Filme ausgewählt - könne das Verfahren für kleinere Produktionen öffnen, sind ziemlich unbedarft: Das Verfahren wurde eigentlich geändert, um die Außenseiterchancen zu verringern.

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