Hollywood Genug gekillt

Vertrautes Bild: Liam Neeson (rechts) und zukünftige Leiche.

(Foto: Studiocanal)

Der Actionfilm "Hard Powder" ist ein Remake fürs US-Publikum. Wird es der letzte Rache-Feldzug von Liam Neeson sein?

Von Jan Jekal

Stoisch steuert Nels Coxman durch die mächtigen Schneemassen, teilt sie wie einst Moses das Rote Meer, macht das malerische Wintersportgebiet von Kehoe, Colorado, mit seinem Schneepflug für Anwohner und Touristen befahrbar. Die Gemeinde dankt ihm seinen Einsatz, wählt ihn zum "Bürger des Jahres". Auf die Preisverleihung hat der wortkarge Hüne natürlich keine Lust, er mache nur seinen Job, die Aufmerksamkeit sei ihm peinlich. Nur ungern legt er für einen feinen Anzug seine Leuchtstreifen-Outdoorjacke ab.

Dass es sich bei diesem Nels Coxman nicht um einen braven Durchschnittsbürger handelt, ahnt man sogleich. Denn er wird von Liam Neeson gespielt, der sehr gern Figuren spielt, die zu Rachefeldzügen mit zweistelligem Body Count aufbrechen. Sein Coxman wird nicht lange unbescholtener "Bürger des Jahres" bleiben.

Um seinen ermordeten Sohn zu rächen, legt sich Coxman, zunächst ohne es zu ahnen, mit einem Drogenkartell an, arbeitet sich mit seiner abgesägten Jagdflinte von unten nach oben durch, bis die sich häufenden Todesfälle dem Drogenzaren auffallen. Der verdächtigt dann jedoch eine rivalisierende Gang, und es bricht ein Bandenkrieg los. Im weiteren Verlauf wird so viel gestorben, dass die Figuren im Abspann nicht wie üblich in der Reihenfolge ihres Auftretens aufgeführt werden, sondern: "in order of disappearance".

Der norwegische Regisseur Hans Petter Moland hat mit "Hard Powder" selbst das US-Remake seines Films "Einer nach dem anderen" von 2014 gedreht. Er hält sich nicht nur eng an das Original, er hat es in Teilen Einstellung für Einstellung noch einmal gedreht. Das amerikanische Publikum schaut in der Regel keine nicht englischsprachigen Filme, da werden kommerziell vielversprechende Stoffe schon einmal durch eine Neuauflage markttauglich gemacht. Der lakonische Tonfall, die trockene Inszenierung grotesker Gewalt haben es unverdünnt in die Hollywood-Fassung geschafft. Der größte Unterschied zwischen den beiden Versionen ist, dass der Protagonist im Original, von Stellan Skarsgård gespielt, nicht Nels Coxman heißt, sondern Nils Dickman. Im Ernst.

"Hard Powder" solle sein letzter Actionfilm werden, hat Neeson schon vor Längerem verkündet. Als hätte er sichergehen wollen, dass künftig wirklich kein Produzent auf die Idee käme, ihn noch einmal als Rächer zu besetzen, erzählte er in einem Interview davon, wie er als junger Mann einmal mit einer Keule bewaffnet durch die Straßen zog, auf der Suche nach einem schwarzen Mann, irgendeinem, um eine Freundin zu rächen, die von einem Schwarzen vergewaltigt worden war. Dieser Versuch, vor Rachefeldzügen im wirklichen Leben zu warnen, ging nach hinten los. Es hagelte Rassismusvorwürfe, die Premiere wurde abgesagt. Auch dem Film selbst hat Neeson keinen Gefallen getan: Dessen comichafte Gewalt, in der Szenen nicht selten mit einem Mord als Pointe beschlossen werden, funktioniert nur im Rahmen einer stilisierten Fiktion. Mit seiner Beichte verleiht Neeson ihr den bitteren Beigeschmack realer Brutalität.

Cold Pursuit, 2019 - Regie: Hans Petter Moland. Buch: Frank Baldwin. Kamera: Philipp Øgaard. Mit Liam Neeson, Tom Bateman. StudioCanal, 118 Min.