Holland - Deutschland Die Versteckte Sprache

Die Tragödie der versteckten Sprache - eine holländische Schriftstellerin hat sich in deutsche Wörter verliebt.

Von Von Connie Palmen

Der Zug fädelt mich durch einen Flickenteppich aus Feldern in knalligem Gelb und zartem Grün. Deutschland im Frühling. Ich reise von Stadt zu Stadt wie eine Handelsreisende für Literatur im Allgemeinen und die meine im Besonderen. An der Dauer der Reisen, auch am Umfang der Felder lese ich ab, wie immens groß dieses Land ist. Es ängstigt mich nicht. Überall, wohin ich komme, spricht man Deutsch, finde ich Gerichte, die ich kenne, bezahle ich in Euro. Wie Amerika wird dieses Land von der Sprache, dem Essen und dem Geld zusammengehalten.

Es ist Spargelzeit und daher reise ich auch von einem Spargelgericht zum nächsten, von der Cremesuppe zum Auflauf und weiter zur Kombination mit neuen Kartoffeln und Sauce hollandaise. Der Spargel ist mein Gemüse, ich bin damit aufgewachsen, in der niederländischen Provinz Limburg. In dem Land, aus dem ich komme, nennt man ihn auch das weiße Gold, weil man in kurzer Zeit viel Geld damit verdienen kann.

Das Limburg meiner Kindheit hängt, wie Italien einem Wurmfortsatz gleich, am niederländischen Körper, zu dem es gehört, nur hängt es nicht im Wasser, sondern ist von anderen Ländern, von Belgien und Deutschland, umgeben. Wenn ich als Kind früher die Arme ausbreitete, konnte ich auf der einen Seite Belgien berühren und auf der anderen Deutschland. Über mir war noch Limburg und unter mir war auch Limburg und Holland war eigentlich das Land, das am weitesten von mir entfernt lag. Auch die Sprache, die man in Holland sprach, war nicht die meine.

Die ersten Jahre unseres Lebens wuchsen wir mit dem Limburger Dialekt des Südens auf, einem Dialekt, dessentwegen ich nach wie vor in alle deutschen Wörter verliebt bin, die mit sch beginnen: Schmalz, Schmutz, schwer, schroff, Schnulze, schreiben. In meiner ersten Sprache hatten Wörter, die mit einem s und einem oder mehreren darauf folgenden Konsonanten begannen, wie etwa sj, einen weichen, fast tröstenden Klang, nicht zu vergleichen mit den schon eher schneidenden Lauten derselben Buchstabenkombination im Hochniederländischen, im Algemeen Beschaafd Nederlands.

Verrückterweise wäre deshalb das Schibboleth, mit dem die Niederländer die Feinde des Volkes zu überführen suchten, nämlich das nur von Holländern richtig auszusprechende Wort Scheveningen, im Krieg für mich tödlich gewesen, denn ich habe die niederländische Aussprache dieses Lauts nie in den Griff bekommen ­oder bekommen wollen, das kann auch sein.

Irgendetwas in mir hat sich immer dagegen gesträubt, die weichen Laute meiner ersten Sprache verloren gehen zu lassen. Was ich, jeder Deutsche und jeder Jude dagegen tadellos aussprechen können, ist ebendas wundervolle Wort für die Feuerprobe, anhand derer Freunde von Feinden unterschieden werden: das hebräische Wort Schibboleth. Genau das wäre nun ein Schibboleth für Holländer. Sie hätten große Schwierigkeiten mit dem weichen Anlaut, weil sie es nicht gewöhnt sind, in der kleinen Grube zwischen unterer Zahnreihe und hochgewölbter Zunge Laute zu bilden.

Die Tragödie der versteckten Sprache

Und gerade hier, in der Benutzung oder Vernachlässigung einer Höhlung im Mund, in dem Vermögen, ein Wort aussprechen zu können, verbirgt sich die Tragödie jener nahezu untergegangenen Sprache, die neben aramäischen und hebräischen vor allem deutsche Wörter enthält. Und gerade im Deutschen sind noch die stärksten Erinnerungen an das Jiddische verankert.

Es kommt durch das Buch, das ich in meinem Koffer habe, das Buch, mit dem ich diese Reise durch das Land mache, Ganz der Ihre, dass ich im Verlauf meiner Reise vor allem nach dieser Tragödie forsche, der Tragödie der versteckten Sprache.