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"Holländer"-Regisseur Jan Philipp Gloger:Nikitin passte gut

Gerade dabei sei ihm die spezifische Probensituation in Bayreuth entgegen gekommen. Denn hier hatte er nicht die Zeit, wochenlang kontinuierlich etwas zu entwickeln, wie etwa in Mainz, wo er die Probenpläne selbst bestimmen kann und so ganz behutsam mit vier Darstellerinnen zusammen einen Text wie etwa Elfriede Jelineks "Winterreise" untersuchen kann.

Wobei es nicht seine Sache sei, tagelang am Tisch mit den Schauspielern über ein Stück zu grübeln. Lieber sei ihm gleich zu Beginn eine Setzung, die auch eine Bewegung, eine Choreografie, ein Angebot sein könne. Darauf könne er aufbauen.

In Bayreuth hatte er dafür acht Tage, gleich am Anfang der Probenzeit. Acht Tage, in denen er auf der Bühne mit dem "Holländer" durchkommen musste, alles gestellt, im Raum und im Bühnenbild verankert haben musste. Erst dann ging es auf die Probenbühne für die Details. Also dachte er sich ein Konzept aus, und sprach dann, lange vor Beginn der Proben, mit jedem einzelnen Sänger.

Er wollte keine Figuren gegen den Charakter ihres Darstellers entwickeln - dementsprechend indigniert dürfte er reagiert haben, als er erfuhr, dass ihm sein Hauptdarsteller kurz vor der Premiere abhanden kommt. Das Gespräch mit Gloger fand zwei Wochen vor der Premiere statt, zu diesem Zeitpunkt konnte er über Evgeny Nikitin nur sagen, dass er diesen mit seiner Rocker-Attitüde als sehr passend für seine Idee von einem Holländer empfand.

Gloger wirkt für seine jungen Jahre ungemein ernsthaft und vorsichtig - auch die Antwort auf die Frage, ob er den "Holländer" inszenieren wolle, musste er sich zwei Wochen lang überlegen. Und so ist dann auch das Stocken im Gespräch überwunden, weil er schnell aus der Falle der persönlichen, unmittelbaren Empfindungen hinausgelangt, einfach indem er Beobachtungen aus dem Leben anderer beschreibt. Eben die Beschleunigung des Lebens. Des Lebens seiner Umwelt.

Konstatieren, dann reagieren

Er selbst empfindet die Welt als eine Ansammlung ständig aufblitzender Möglichkeiten, was insofern zu einem Defizitgefühl führe, weil man nicht alle Angebote wahrnehmen kann. Vermutlich geht es Gloger als Regisseur überhaupt nicht darum, seine eigene Gefühlswelt im Einklang mit einer auf der Bühne zu erschaffenden zu bringen, auch wenn er einmal meinte, eine Oper, mit deren Geschichte er nichts anfangen kann, könne er nicht inszenieren. Es geht ihm darum, zu konstatieren. Und dann zu reagieren.

So, wie er als Jugendlicher zu Hause Beethoven hörte, weil er die musikalischen Vorlieben seiner Mutter, Neue Deutsche Welle, nicht mehr ertrug. In Gießen studierte er dann angewandte Theaterwissenschaft, kam dort zum ersten Mal mit Musiktheater, freilich nicht unbedingt mit den Formen des Repertoirebetriebs, in Berührung. Dann folgte noch ein Regiestudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Von dort ging es schnurstracks zum Bayerischen Staatsschauspiel. Und weiter. Aber nicht wie ein wilder Holländer, sondern stets wägend, grüblerisch, klug.

© SZ vom 25.07.2012/pak

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