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"Holländer"-Regisseur Jan Philipp Gloger:Mechaniker der Gefühle

Er hat erst zwei Opern inszeniert, doch nun eröffnet der junge Regisseur Jan Philipp Gloger mit seinem "Holländer" die Bayreuther Festspiele. Auf der Bühne interessiert ihn in erster Linie der Umgang mit Gefühlen, nicht deren pure Darstellung.

Es gibt einen Moment im Gespräch mit Jan Philipp Gloger, da geraten seine sonst sorgsam gewählten Worte in Unordnung, stockt der Fluss seiner Sprache. In diesem Moment geht es um seine Sicht auf die Geschichte von Wagners "Fliegendem Holländer", darum, was die uns heute noch zu sagen hat.

Protagonisten der Bayreuther Eröffnungspremiere

Jan Philipp Gloger, Jahrgang 1981 und schon sehr erwachsen.

(Foto: dpa)

Zunächst beschreibt Gloger die Situation, dass da zwei, Senta und eben der Holländer, sich aus ihren jeweiligen Lebenswelten befreien wollen, dass das Leben total durchökonomisiert ist, dass jede Beziehung einem ökonomischen Zwang unterworfen ist - schließlich verschachert Daland seine Tochter Senta sozusagen meistbietend an den Holländer. Dazu käme die Rastlosigkeit des Holländers als Metapher auf unsere beschleunigte Lebensrealität. Dann fragt man Gloger, ob er die wirklich empfinde, unsere angeblich so schnell gewordene Realität, wenn er in Bayreuth auf dem weltabgeschiedenen Hügel inszeniere. Da kommt er ins Stocken.

Jan Philipp Gloger, 1981 in Hagen geboren, hat vor dem "Holländer" zwei Mal eine Oper inszeniert, Mozarts "Figaro" in Augsburg und Händels "Alcina" in Dresden. Beide Male durchaus mit einem milde-beherzten Zugriff. Den "Figaro" verlegte er in den Heizungskeller des Almaviva-Schlosses, bei der "Alcina" packte er eine Arie aus der Mitte des letzten Akts an dessen Ende, um die Einsamkeit der Titelfigur am Schluss der Oper noch stärker zu verdeutlichen - ein Eingriff übrigens, den er sich bei Wagner nie erlauben würde.

Überhaupt ließ er bei der "Alcina" nichts unerklärt, operierte mit Doubles für die Figuren, schuf choreografierte Bilder in ständig wechselnden Räumen, die jede psychologische Feinheit der Vorgeschichte der Figuren erklärten und so jede Empfindung einer fast gnadenlosen Mechanik unterwarfen. Gloger meinte einmal, mehr als die pure Darstellung von Gefühlen interessiere ihn der Umgang mit ihnen.

Das er den beherrscht, hat er wiederholt bewiesen. Weniger bislang auf der Opernbühne, sondern im Sprechtheater. Gloger ist seit dieser Saison leitender Regisseur am Theater in Mainz. Davor arbeitete er wiederholt am Bayerischen Staatsschauspiel unter Dieter Dorn, ja zuletzt war er dort der einzige Regie-Gast, der regelmäßig neben dem Hausherrn arbeiten durfte - zwischen 2007 und 2011 gab es jeden Jahr einen Gloger.

Immer sehr in Sorge um die Schauspieler

Darunter war ein entzückender Marivaux, fast zu lieb für einen, der die Liebe untersucht, "Viel Lärm um Nichts" als wirklich perfektes, intelligentes Unterhaltungstheater, aber auch, am Ende seiner Münchner Phase, Camus' "Missverständnis" als eine Art eisig-analytische Vorstufe zu dem, was er dann in der "Alcina" fortsetzte.

Dennoch ist Gloger keiner, der einem Konzept alles andere unterordnet, der alles was links und rechts drüber hinaus steht, einfach absäbelt. Im Gegenteil hatte man bei fast allen seinen Schauspielarbeiten den Eindruck, auch wenn er vielleicht nicht immer dahin gelangte, wohin er letztendlich wollte, habe er nie die Schauspieler verraten, sondern sich immer sehr um sie gesorgt, zumindest in Teilen mit ihnen zusammen die Inszenierung entwickelt.