So hatte die kennerschaftliche Geringschätzung Hokusais ernste Gründe. Inzwischen aber hat sich das Bild in Japan gewandelt. Das hat mit europäischem Einfluss zu tun, weniger vielleicht mit der Hokusai-Popularität selbst als mit den europäischen Kunstideen, die Japan seit dem späten 19. Jahrhundert kennenlernte. Die große Hokusai-Ausstellung, die Japan nun im Berliner Gropius-Bau zeigt (Anlass ist der Abschluss des preußisch-japanischen Freundschaftsvertrags vor 150 Jahren) ist also weit mehr als Zucker für den deutschen Affen.

Natürlich sind die "36 Ansichten des Berges Fuji" mitsamt der "Welle vor Kanagawa" vertreten. Riesig wölbt sich die Welle über zwei Booten, die Wellenkämme scheinen wie Tatzen mit Krallen nach den Seeleuten zu greifen. Doch die beiden Boote wirken nicht wie Opfer der Seenot. Das hintere gleitet auf seiner Woge, das vordere durchschneidet eine andere wie ein Messer. Im Hintergrund als Bild der Beständigkeit der Fuji in seiner klaren Dreiecksform. Das Dramatische und das Sichere fließen hier zusammen, das macht die Posterqualität für den deutschen Haushalt aus. Doch lässt sich das Bild auch als Chiffre des japanischen Naturverständnisses lesen. Das hat in einem Vortrag der Japanologe Ulrich Wattenberg beschrieben. Er zitiert den Essayisten Terada, die Erde sei gleichzeitig "strenger Vater und barmherzige Mutter".

Bild: "Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa". Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji". Datierung: um 1831. Malperiode: Iitsu. Maße: 25,2 x 37,6 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

26. August 2011, 13:262011-08-26 13:26:21 © SZ vom 26.08.2011/cris/pak