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Hokusai-Ausstellung in Berlin:Höhere Ordnung des Fuji

Japan bleibt den Deutschen fremd. Eine Berliner Schau mit Bildern Katsushika Hokusais erlaubt nun, Vorurteile über liebliche japanische Kunst auszuräumen.

Stephan Speicher

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Japan bleibt den Deutschen fremd. Eine Berliner Schau mit Bildern Katsushika Hokusais erlaubt nun, Vorurteile über liebliche japanische Kunst auszuräumen.

Hokusai ist ein merkwürdiger Fall. Er ist der einzige Künstler des alten Japan, dessen Name den Deutschen bekannt ist - den Deutschen, die gelegentlich Museen und Ausstellungen besuchen. Sein Farbholzschnitt "Die große Welle bei Kanagawa" ist verbreitet wie wahrscheinlich sonst nur die Mona Lisa. Woher kommt diese unvergleichliche Popularität? Offenbar ja nicht aus dem vergleichendem Urteil. Ist Hokusai vielleicht der japanische Spitzweg? Ein Mann mit Verdiensten, von sozialgeschichtlichem Interesse, besser als oft gedacht und doch nicht zur ersten Reihe gehörig?

So haben Kenner in der frühen Phase europäischer Japanbegeisterung tatsächlich geurteilt. Otto Kümmel, Begründer der Berliner Ostasiensammlungen und bis heute bewunderte Autorität, sah in der Hokusai-Begeisterung nichts als Ahnungslosigkeit. Ein Aufsatztitel "L'art japonais avant Hok'sai", das heiße ins Deutsche übersetzt etwa: "Die deutsche Kunst vor Oberländer - wenn die Zusammenstellung dem deutschen Künstler nicht Unrecht täte". Und Kümmel schrieb 1921 nicht aus Feintuerei. Er versuchte, die europäischen Betrachter auf die Maßstäbe Japans einzustimmen. In Japan aber galt Hokusai als eine zweite Größe, seine Farbholzschnitte, die in Europa so populär waren und sind, als Massenware.

Bild: "Kajikazawa in der Provinz Kai". Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji" (Detail). Datierung: um 1831. Malperiode: Iitsu. Maße: 24,7 x 36,7 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

Text: Stephan Speicher/SZ vom 26.08.2011

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Hokusai lebte von 1760 bis 1849, am Ende der Edo-Zeit, in einer friedlichen, prosperierenden Phase des alten Japans. Der Wohlstand sickerte in breitere Kreise und die Städte, es entstand ein Markt für eine neue Kunst, ukiyo-e, Genrebilder der "vergänglichen Welt". Vergängliche Welt, das waren die Vergnügungsviertel der großen Städte, vor allem Edos, des heutigen Tokyo. Auch spielende Kinder oder das Arbeitsleben konnten Gegenstand werden.

Das nun war es nicht, was die alte Führungsschicht, der Schwertadel, sehr schätzte, er hielt an den großen Gegenständen und den tradierten Formen fest. Nun wäre es ein Fehler, Hokusai auf einen Stoff- und Formenkreis festzulegen. Er hat in den siebzig Jahren seiner künstlerischen Arbeit die verschiedensten Dinge probiert. Aber Ansehen und Erfolg - er besaß ein genaues Gefühl für das, was gefragt war und fand auch einzelne Förderer in höchsten Kreisen -, blieben angefochten.

Bild: "Onikojima Yatarô und Saihôin Akabôz". Datierung: um 1830-34. Malperiode: Iitsu. Maße: 37,2 x 25,4 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

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So hatte die kennerschaftliche Geringschätzung Hokusais ernste Gründe. Inzwischen aber hat sich das Bild in Japan gewandelt. Das hat mit europäischem Einfluss zu tun, weniger vielleicht mit der Hokusai-Popularität selbst als mit den europäischen Kunstideen, die Japan seit dem späten 19. Jahrhundert kennenlernte. Die große Hokusai-Ausstellung, die Japan nun im Berliner Gropius-Bau zeigt (Anlass ist der Abschluss des preußisch-japanischen Freundschaftsvertrags vor 150 Jahren) ist also weit mehr als Zucker für den deutschen Affen.

Natürlich sind die "36 Ansichten des Berges Fuji" mitsamt der "Welle vor Kanagawa" vertreten. Riesig wölbt sich die Welle über zwei Booten, die Wellenkämme scheinen wie Tatzen mit Krallen nach den Seeleuten zu greifen. Doch die beiden Boote wirken nicht wie Opfer der Seenot. Das hintere gleitet auf seiner Woge, das vordere durchschneidet eine andere wie ein Messer. Im Hintergrund als Bild der Beständigkeit der Fuji in seiner klaren Dreiecksform. Das Dramatische und das Sichere fließen hier zusammen, das macht die Posterqualität für den deutschen Haushalt aus. Doch lässt sich das Bild auch als Chiffre des japanischen Naturverständnisses lesen. Das hat in einem Vortrag der Japanologe Ulrich Wattenberg beschrieben. Er zitiert den Essayisten Terada, die Erde sei gleichzeitig "strenger Vater und barmherzige Mutter".

Bild: "Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa". Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji". Datierung: um 1831. Malperiode: Iitsu. Maße: 25,2 x 37,6 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

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Die "Ansichten des Fuji" zeichnen sich durch eine ruhige und klare Komposition aus. Auch eine erregte Situation oder die oft wilde Farbfreudigkeit werden so zum Teil einer höheren Ordnung. Dass der Künstler die Technik der europäischen Zentralperspektive aufgriff, die er auf holländischen Drucken studiert hatte, erleichterte dem hiesigen Publikum den Zugang. Zugleich wusste es auch das landeskundliche Moment zu schätzen, die Sittenbilder Japans mit seinen Tee-, Bade- und Freudenhäusern, Theatern, mit Arbeit und Familienleben. Besonders kostbar die Rollbilder auf Seide mit ganz verschiedenen Sujets, Blüten, Vögeln, Landschaften, aber auch grotesken Szenen.

Bild: "Der Suwa-See in der Provinz Shinano". Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji". Datierung: um 1831. Malperiode: Iitsu. Maße: 25,3 x 37,3 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

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Vielleicht das schönste sind die Manga, bei denen man nur kurz an Comics denken sollte. Es sind Skizzenbücher zu allen erdenklichen Dingen, Menschen bei der Arbeit und beim Vergnügen, Kinder beim Spiel, Tiere, Pflanzen, Landschaften, Haus- und nautisches Gerät. Hier hat die Detailfreudigkeit des Künstlers ihr Feld, er zeigt seinen Schülern, wie man aus elementaren Formen eine Gestalt aufbaut, aus zusammengeschobenen Kreisen etwa ein liegendes Rind.

Das alles macht Freude. Aber viele Blätter wecken den Verdacht, man werde ihnen nicht gerecht. Wenn wir in älteren kritischen Darstellungen lesen, Hokusais Frauen hätten die "plunderhafte Eleganz der Schießbude", seine Helden "die Kraft des Jahrmarktsathleten", so wird das ein längst überholtes Urteil sein. Aber wie viele von uns sind überhaupt so weit, angesichts der Fremdartigkeit eine Nähe zu hiesigen Jahrmarktsfiguren festzustellen oder eben für unsinnig zu halten und aus gewonnener Vertrautheit einen besseren Vergleich zu wagen?

Bild: "Kohada Koheiji". Aus der Serie "Hundert Erzählungen". Datierung: um 1831-32. Malperiode: Iitsu. Maße: 26,2 x 18,7 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

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1921 sprach Otto Kümmel vom unsicheren Gefühl der Europäer gegenüber der Kunst Ostasiens. Hier sei "kein Urteil unmöglich". Neunzig Jahre später sind wir kaum weiter. Alexander Hofmann, der Kurator der japanischen Abteilung in den Ostasiatischen Sammlungen von Berlin-Dahlem, hat damit zu kämpfen. Er glaubt, wir seien sogar zurückgefallen. Bis in die dreißiger Jahre gab es eine Reihe von Sammlern moderner Kunst, die sich zugleich mit Ostasiatica beschäftigten, diese Tradition sei in Deutschland weitgehend abgerissen. Jetzt gibt es in Berlin die schöne Gelegenheit, etwas gegen diese Verarmung unserer Augen zu tun.

Bild: "Der Ono-Wasserfall an der Kisokaidô". Aus der Serie "Reise zu den Wasserfällen in den verschiedenen Provinzen". Datierung: um 1833. Malperiode: Iitsu. Maße: 38,6 x 26 cm. Technik: Mehrfarbendruck.

"Hokusai", Berlin, Martin-Gropius-Bau, bis 24. Oktober. Der Katalog (Nicolai Verlag) kostet in der Ausstellung 22 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro.

© SZ vom 26.08.2011/cris/pak
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