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Hohenzollern-Streit:Historiker wehren sich

Prinz Georg Friedrich von Preußen

Klagefreudig: Das Hohenzollern-Familienoberhaupt Georg Friedrich Prinz von Preußen.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Parallel zu den quälenden Entschädigungsverhandlungen überzieht die Adelsfamilie Kritiker mit Klagen.

Von Jörg Häntzschel

Als im Herbst 2019 bekannt wurde, dass Berlin, Brandenburg und der Bund seit Jahren in zähen, bis heute nicht entschiedenen Verhandlungen mit der Familie der Hohenzollern über umfangreiche Entschädigungsforderungen stecken, war die Öffentlichkeit konsterniert. Und sie ist es bis heute. Die für die Verhandlungen zentrale Frage - hat der enteignete Kronprinz Wilhelm von Preußen dem Nationalsozialismus "erheblichen Vorschub" geleistet? - ist inzwischen ein wenig in den Hintergrund getreten. Intensiver wird diskutiert, warum die Politik zu Beginn der Weimarer Republik den Ex-Monarchen jene Zugeständnisse machte, auf die diese nun ihre Forderungen stützen.

Doch es ist nicht einfach, darüber zu sprechen und zu schreiben. Die Familie der Hohenzollern nämlich überzieht Journalisten, Wissenschaftler und Verlage im großen Stil mit Klagen. Bekannt sind bisher mindestens 80 Fälle. Sophie Schönberger, Rechtsprofessorin an der Universität Düsseldorf, kann sich an kein historisches Thema erinnern, das eine derartige Klage- und Abmahnlawine ausgelöst hätte. Inzwischen ist die juristische Kampagne zu einem eigenen Thema der Hohenzollernfrage geworden.

Schönberger war es auch, die auf die Idee kam, diese Fälle zu sammeln, um sie aus der Sphäre der Rechtsabteilungen und schlaflosen Nächte in die Öffentlichkeit zu bringen. Am Dienstagabend stellte der deutsche Historikerverband die Website "Hohenzollern-Klage-Wiki" bei einer Online-Konferenz vor. Sie soll helfen, die juristische Strategie erkennbar zu machen, und die ermutigen, die sich beschämt oder aus Angst aus dem Thema zurückziehen. Und sie dient zur Mahnung, bei diesem Thema mit größter Genauigkeit vorzugehen, um sich nicht angreifbar zu machen, ein Appell, dem sich der Deutsche Journalisten-Verband am Mittwoch anschloss.

Das Ziel scheint zu sein, die Debatte nach Kräften zu unterdrücken

Bei den meisten Klagen geht es weder um Beleidigung oder Verleumdung, noch um den strittigen Punkt, das Verhältnis zum Nationalsozialismus, so der Historiker Eckart Conze. Stattdessen verfolgen die Anwälte der Hohenzollern vor allem wenig relevante Unrichtigkeiten. Die Kläger, so Schönberger, seien auch deshalb so erfolgreich, weil sie praktisch alle Fälle durch das Berliner Landgericht verhandeln lassen, wo dieselben drei Richter oft, wenn auch nicht immer, zu ihren Gunsten entscheiden. Ziel der Strategie sei es, darin waren sich die Wissenschaftler einig, die Debatte nach Kräften zu unterdrücken.

Für Stephan Malinowski, einen der Autoren der vier Gutachten, der selbst Beklagter ist, hat dieses Vorgehen eine lange Tradition. Adelsfamilien seien seit Jahrhunderten geübt in Techniken der Selbstdarstellung und des Spins, der Manipulation und des Brandings zugunsten der Machtsicherung. Möglicherweise werde die Marke gerade wieder justiert. Nachdem Georg Friedrich Prinz von Preußen seinen Vorfahren bis vor Kurzem gerne zu einer Art verkapptem NS-Widerständler verklärt hatte, sagte er der Welt nun in einem Interview, "die Jahre von 1930 bis 1935" seien "in politischer und moralischer Sicht der Tiefpunkt unserer fast 1000-jährigen Familiengeschichte" gewesen. Der eigentliche Konflikt schwelt derweil weiter und könnte bald auch vor Gericht weitergehen.

© SZ/jsl
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