Hohenzollern-Streit:Der royale Narr

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Kronprinz Wilhelm, 1935

Kronprinz Wilhelm von Preußen in NSDAP-Uniform und Hakenkreuzbinde auf einem bunten Abend des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) am Zoo in Berlin, 1935.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Ein neues Buch führt mitten hinein in den Streit um die Entschädigungsforderungen der Hohenzollern.

Von Joachim Käppner

An einem nebeligen Herbstmorgen verließ Kaiser Wilhelm II. das Große Hauptquartier in Spa und setzte sich sang- und klanglos nach Holland ins Exil ab. Es war der 10. November 1918, der Kaiser, der erheblich dazu beigetragen hatte, Deutschland und die Welt in den Ersten Weltkrieg zu stürzen, und seine Dynastie waren endlich Geschichte - auch wenn viele Hohenzollern noch lange auf eine Rückkehr an die Macht hofften.

Vom "Aberwitz der Hohenzollern" handelt die Biografie, die der Bremer Historiker Lothar Machtan über den ältesten Sohn Kaiser Wilhelms II., ebenfalls Wilhelm genannt (1882 - 1951), verfasst hat: "Der Kronprinz und die Nazis. Der blinde Fleck der Hohenzollern". Selten kommt historischen Stoffen so große aktuelle Bedeutung zu, und das ist auch der Grund, warum Wirtschaftsminister Peter Altmaier an diesem Mittwoch zur Buchpräsentation in Berlin ein nicht ohne Spannung erwartetes Grußwort sprechen wird. Teile der Familie Hohenzollern nämlich fordern die deutsche Republik heraus. Sie wollen Entschädigungen für Immobilien und Wertgegenstände, die einst in der Sowjetischen Besatzungszone enteignet wurden. Gesetzlich sind aber alle von derlei Ansprüchen ausgeschlossen, die dem Nationalsozialismus "erheblichen Vorschub" geleistet haben. Bund und Länder lehnen das Ansinnen ab. Das ist die Substanz des "Hohenzollernstreits".

Wie im Vater manifestierte sich der Aberwitz auch im Sohn, dem Kronprinzen Wilhelm. Und wie es ein guter Historiker tun sollte, untersucht Lothar Machtan das Treiben des Prinzen ab 1931, in den letzten beiden Jahren der Weimarer Republik, aus ihrer Zeit heraus, nicht aus dem Wissen der Nachgeborenen um Auschwitz, Vernichtungskrieg und die Zerstörung Europas. Machtan, der Zugang zu den Hohenzollern-Archiven erhielt, schreibt sachkundig und gut lesbar, seinen "Antihelden" beschönigt er nicht - und doch werden seine Thesen wohl einigen verständlichen Widerstand in der Historikerzunft provozieren.

Kronprinz Wilhelm hielt den Faschismus für "ein fabelhaftes Instrument"

Anders als der Vater durfte Wilhelm von Preußen 1923 heimkehren - nur um dort zu seinem Verdruss festzustellen, dass der Monarchie nur noch wenige nachtrauerten. Selbst für die erstarkende Rechte waren Könige und Kaiser von gestern, die Feinde der Republik dachten längst extremer. "Der Kronprinz", schreibt Machtan, "wollte partout nicht wahrhaben, dass auch für ihn selbst kaum mehr Aussicht bestand, eine politische Rolle zu spielen. Es sei denn, er griffe selbst beherzt nach dem Mantel der Macht."

Diesen Griff versucht er mit Hilfe der Nazis zu bewerkstelligen, was für Wilhelm kein moralisches Problem darstellte, da er den Faschismus ohnehin, wie er nach einem Treffen mit Italiens Diktator Mussolini schrieb, für "ein fabelhaftes Instrument" hielt. Dem Duce bescheinigte er: "Kommunismus, Sozialismus, Demokratie sind ausgerottet, und zwar mit Stumpf und Stiel, eine geniale Brutalität hat dies zuwege gebracht."

Obwohl seine Gattin Cecilie und Wilhelm sich im Grunde nicht sonderlich gut leiden konnten, betrieben sie gemeinsam den Versuch, an die Spitze des Reiches zu gelangen, etwa über eine "Reichsverweserschaft" für den Kronprinzen. Adolf Hitler, der in Wahrheit keinerlei Absicht hegte, die Macht mit verpeilten Preußenprinzen zu teilen, ließ Wilhelm 1932 weiter an derlei Luftschlössern basteln und nahm dessen Unterstützung dankend an. Hitler selbst sagte im kleinen Kreis freilich: "Ich schere mich nicht um die Fürsten; ich habe mich selber gemacht, sogar gegen deren Willen."

Lothar Machtan zeichnet Wilhelm als politischen Idioten

Dagegen hatte, so Machtan, der Kaisersohn "keine Bühne, kein Drehbuch und keinen Regisseur. Er ist kein Star, noch nicht einmal ein prince charming." Taktisch ein Tölpel, persönlich ein verprahlter Lebemann, strategisch ohne echte Verbündete: Der Kronprinz, so ließe sich Machtans These etwas verkürzt zusammenfassen, war ein royaler Narr und politisch ein solcher Idiot, dass er zum Aufstieg Adolf Hitlers an die Macht nichts Wesentliches beitragen konnte. Er wurde nicht gebraucht, 1933 dann erst recht nicht mehr. Aus "Torschlusspanik" machte er sich dann, wie Machtan schreibt, "unaufgefordert zum royalen Aushängeschild des Dritten Reiches".

Es erklärt sich freilich leicht, warum die These vom Gescheiterten so brisant ist. Ob die Hohenzollern am Ende entschädigt werden müssen, entscheidet eben auch die Antwort auf die Frage, ob und wie stark sie der Nazityrannei, juristisch betrachtet, jene "erhebliche Vorschubleistung" gebracht haben. Machtans Buch nähert sich damit der Position der Hohenzollern an, dass dem nicht so sei.

Kronprinz Wilhelm von Preußen beim Stahlhelmtag in Hannover, 1933

Kronprinz Wilhelm bei der Reichsführertagung des "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten" 1933 in Hannover.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Er ist damit deutlich zurückhaltender als sein Kollege Stephan Malinowski, der Ende September sein Buch "Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration" herausbringen wird. Machtan wirft, ganz im Gestus des über ideologischen Gegenwartsdebatten stehenden Fachwissenschaftlers, anderen Historikern vor, sie hätten sich als Gutachter im Hohenzollernstreit "mit unnötigen Zugeständnissen an ihre Auftraggeber" keinen Gefallen getan. Und die Frage nach der justiziablen "erheblichen Vorschubleistung" der Hohenzollern für die Hitlerbewegung hält er ohnehin für falsch, weil zu politisch motiviert gestellt.

Die Schlussfolgerung, der "eigentliche Sündenfall" des Prinzen sei nach dem 30. Januar 1933 zu verorten, klingt nicht überzeugend

Selbst wenn Machtan jedoch recht haben sollte, dass des Prinzen Hilfe für die Nazis den Lauf der Geschichte sehr wenig beeinflusste: Ist das die entscheidende Frage? Ein Steigbügelhalter der deutschen Faschisten war Wilhelm doch ohne Zweifel, auch wenn diese es nicht nötig hatten, sich den Bügel von ihm halten zu lassen. Ja, viele haben dem Nationalsozialismus in den Sattel geholfen, die Reichswehr, einflussreiche Industrielle, Konservative und Deutschnationale, sogar Teile der evangelischen Kirche. Der Playboy-Kronprinz spielte dabei bloß eine Nebenrolle - aber eben doch eine Rolle. Und kommt es bei dieser Mittäterschaft wirklich nur darauf an, wie groß oder klein diese Rolle war? Oder doch auch auf den unbestreitbaren Versuch?

Hohenzollern-Streit: Lothar Machtan: Der Kronprinz und die Nazis. Hohenzollerns blinder Fleck, Duncker&Humblot, Berlin 2021. 300 Seiten, 24,99 Euro.

Lothar Machtan: Der Kronprinz und die Nazis. Hohenzollerns blinder Fleck, Duncker&Humblot, Berlin 2021. 300 Seiten, 24,99 Euro.

Nicht überzeugend ist daher Machtans Schlussfolgerung, der "eigentliche Sündenfall" des Prinzen habe erst nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 begonnen, als er mit seinem berühmten Namen heftig für das neue Regime warb. Dies wäre dann ja keine Vorschubleistung mehr gewesen, sondern nur das nachträgliche und törichte Anbiedern eines politisch Verirrten, der sich davon Vorteile erhofft: "So wird Wilhelm quasi zur politischen Gratisressource des angehenden Diktators, aus der sich das Regime eine Zeit lang gern bedient, ohne sich damit zu irgendetwas zu verpflichten."

Aber warum soll der "Sündenfall" des Prinzen erst zu dem Zeitpunkt begonnen haben, als Hitler schon herrschte? Offenbar hat Wilhelm von Preußen selbst sich ja schon vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus 1933 als Förderer des späteren Führers betrachtet. An Hitler schrieb der Prinz einmal: "Lange bevor die nationalsozialistische Bewegung die Mehrheit des Volkes erfasste, stand ich mit Ihnen in persönlichem Gedankenaustausch und setzte mich für Sie und Ihre Bewegung mit warmem Herzen ein. Ich bin in Wort und Schrift für Sie und Ihre großen Ideen eingetreten, wo mir dazu nur irgendwie Gelegenheit gegeben wurde."

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