Hohe Klasse amerikanischer TV-Serien Mörderischer Alltag

Gegen amerikanische Fernsehserien wie "The Sopranos", "The Wire" oder "Breaking Bad" können deutsche TV-Produktionen einpacken.Wer wissen will, warum das so ist, muss das Buch "Homicide - Ein Jahr auf mörderischen Straßen" von David Simon lesen.

Von Jan Füchtjohann

Neulich wurde im Radio einer jener Schauspieler interviewt, die in der ewig beliebtesten deutschen Krimi-Fernsehreihe "Tatort" einen jener austauschbaren Ermittler spielt. Ob er sich manchmal mit echten Polizisten unterhalte, wurde er gefragt. Natürlich nicht, antwortete der Mann: Echte Polizeiarbeit sei doch langweilig. Die Leute wollten Geschichten, keine Akten.

Szene aus der amerikanischen Fernsehserie "The Wire": "Die wahren großen Erzählungen des 21. Jahrhunderts"

(Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi)

Dass das ein fataler Trugschluss sein könnte, zeigt das nun endlich auch auf Deutsch erschienene Buch "Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Strassen" (Verlag Antje Kunstmann, 829 Seiten, 24,90 Euro). Denn das stammt also aus einer völlig anderen Welt. Und zwar nicht nur, weil es in Baltimore, Maryland spielt, das manche nuschelnd "Body more, Murderland" aussprechen, also "Mörderland mit noch mehr Leichen". Dieser Kontrast - dort eine untergehende amerikanische Großstadt mit über 200 tödlichen Gewaltverbrechen im Jahr, hier Saarbrücken, Ludwigshafen und Wiesbaden - ist bloß geografisch.

Viel wichtiger ist die grundlegend andere Herangehensweise. "Homicide" wurde von David Simon geschrieben, dem Erfinder von "The Wire", der besten Fernsehserie aller Zeiten. Das sagen zumindest Kritiker von links bis rechts und von oben bis unten, vom seriösen britischen Guardian bis zum Sex-, Drogen-, und Gewaltmagazin Vice. "In fünfzig Jahren", erklärte der Schriftsteller Gary Shteyngart in dieser Zeitung, "wenn die Historiker sich fragen, wie Amerika so abstürzen konnte, werden sie 'The Wire' mit chinesischen Untertiteln ansehen, dann wissen sie Bescheid." Und es war gerade "The Wire", das neben Fernsehsendungen wie "The Sopranos", "Mad Men" und "Breaking Bad" den Ruf der amerikanischen Serien als die wahren großen Erzählungen des 21. Jahrhunderts begründete.

In der Langzeitreportage "Homicide" kann man also einem der wichtigsten Erzähler der Gegenwart ins Notizbuch sehen. Und dabei vielleicht erkennen, was den Unterschied zum deutschen Provinzbeamtenfernsehen ausmacht. Nicht die Provinz oder die Beamten, die gibt es in Maryland auch. Sondern der seltsame Umstand, dass es in einer wirklich guten Geschichte eben doch zuerst einmal um Akten geht.

Reportage von der Front der Straße

David Simon war 12 ganze Jahre lang Polizeireporter in Baltimore. Das war in den achtziger und neunziger Jahren, als man sehr viel Arbeit, die früher noch von Amerikanern geleistet wurde, computerisierte oder ins Ausland verlagerte. Als aus den alten Fabriken in Baltimore Lofts wurden und durch den alten Hafen die Touristen schlenderten, um ein bisschen die Luft der aufgegebenen Docks zu atmen und danach Krabben zu essen. Es war ein Traum - der Traum vom postindustriellen Amerika. In den Vierteln um das sanierte Downtown herum begann jedoch der Albtraum.

Denn im Rest der Stadt wohnten die Überflüssigen. Hier fand sich jenes andere, arbeitslos gewordene und verwahrloste Amerika, das entweder von Wohlfahrt lebt oder Drogen verkauft. Kokain, Crack, Heroin und Marihuana waren in den nach dem Ende der Industriegesellschaft entstehenden Ghettos die einzigen Wachstumsbranchen. Die Regierung erklärte den Drogen den Kampf - und begann damit einen unmoralischen und sinnlosen Krieg gegen die eigene Unterschicht.

In "Homicide" berichtet David Simon direkt von der Front. 1988 ließ er sich ein Jahr lang als Reporter bei der Mordkommission einbetten. Später verbrachte er ein weiteres Jahr an einer Straßenecke, an der Drogen verkauft wurden. Auch daraus wurde ein Buch und genau wie "Homicide" wurde auch "The Corner: Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt" später fürs Fernsehen adaptiert (das Buch erscheint auf Deutsch kommenden März im gleichen Verlag).

Die in "Homicide" geschilderten Polizisten arbeiten am Fließband. Damals gab es alle drei Tage zwei Morde, in einer Stadt von der Größe Stuttgarts. Ein Kriminalbeamter hatte ungefähr eine halbe Woche Zeit, um einen Fall aufzuklären. In der zweiten Wochenhälfte bekam er dann schon den nächsten. Baltimore war kein Schauplatz für einen klassischen Kriminalroman. Es gab dort keine Züge, in denen reiche Erbinnen ihre Rubine verlieren, keine verdächtigen Adligen, keine Gentlemangauner und keine Detektive mit Schnurrbart und einem Sinn für verblüffend logische Gedankenketten. Es gab auch keine Hi-Tech-Spurensicherung oder Psychologen, die aus winzigen Gesten die Absichten der Verdächtigen lesen. Ja nicht einmal Melancholiker in schäbigen Büros, die auf die Frage, wie sie ihren Brandy am liebsten trinken, antworten: "Aus einem Glas."

Stattdessen gab es Akten, Zahlen und eine sich immer schneller um sich selber drehende Bürokratie. Der brutale Sexualmord an dem elfjährigen Mädchen wird nie aufgeklärt. Zeugen bleiben stumm. Geschworene entscheiden nach Hautfarbe, nicht nach Faktenlage. Mörder, die nicht mal ihren eigenen Namen schreiben können, lassen sich den Schneid, die Rechte und ein Geständnis abkaufen - für ein paar nette Worte, eine Cola und einen Burger. Dann wird wieder der Haushalt gekürzt. "Shit always rolls downhill", heißt es, und die ganz unten auf der Leiter kriegen es ab.

"Eindruck von Authentizität"

Der Leser verliert sich erst einmal in dieser Welt, zwischen Ortsangaben und Abkürzungen, Namen und Verfahren, Dialekten und Slangs, die auch die deutsche Übersetzung leidlich bewahrt. Er wird überfordert, fühlt sich wie ein junger Reporter, und versteht doch Seite für Seite besser, wie die Stadt Baltimore funktioniert. Das erzeugt einen starken Eindruck von Authentizität. Das haben nicht nur Fans David Simon bestätigt, sondern auch die eigentlichen Experten, die Junkies, Dealer und Polizisten. David Simon beschreibt die Welt, wie sie wirklich ist.

Als der vielleicht größte Fan der amerikanischen Großstadt sammelt Simon einfach alles, was sie zu bieten hat - auch die Falschaussagen, ihre Unhöflichkeit und das Idiotische. Und sogar die Akten. Aber er sammelt diese Dinge als Indizien. Simon glaubt an das Muster unter dem Chaos, an einen Sinn, auch wenn das nur der kaputte und korrupte Sinn eines stürzenden Imperiums ist, das Licht der verglühenden Zivilisation. Aber dieses Licht ist auch eines der Erkenntnis. Es beginnt in dem Buch "Homicide" zu leuchten und überstrahlt in der Fernsehserie "The Wire" schließlich alles.

Und nicht nur dort. Eben das macht die Anziehungskraft der großen amerikanischen Serien aus: Sie haben mit dieser Welt zu tun. Irgendjemand ist tatsächlich raus gegangen auf die Straße, in die Archive oder zu den Treffen ehemaliger Mafiosi oder alter Werber, und hat erst einmal jahrelang Material gesammelt. Oft war es ein ganzes Team, das die Geschichten danach hundertmal überarbeitet und noch einmal gedreht hat. Und erst ganz am Ende standen dann "Boardwalk Empire", "Mad Men" und "The Sopranos" - oder eben "The Wire". Und damit gibt es dann doch noch Hoffnung: So lange es Leute gibt, die Akten lesen wollen - um daraus Geschichten von solcher Wucht zu machen, wie es David Simon schon in seinen frühen Büchern vorführte.

Buch: "Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Strassen", Verlag Antje Kunstmann, 829 Seiten, 24,90 Euro

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