Hörspiel-Heldin Karla Kolumna "Hallöchen!"

Immer einen schlagfertigen Spruch auf den Lippen lässt sich Karla nicht vom Geschwafel windiger Investoren und Politiker blenden.

(Foto: Kiddinx Studios)
  • Karla Kolumna ist als rasende Reporterin aus den Hörspiel-Reihen Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg bekannt.
  • Vielen Journalisten diente sie dereinst als berufliches Vorbild - und vermittelt Kindern bis heute einen ersten Eindruck von journalistischer Arbeit.
Von Christiane Lutz

Die Sport Bild hat einen Karlo Kolumna als stellvertretenden Chefredakteur. Der Bayerische Rundfunk, die Stuttgarter Zeitung und der Kölner Stadtanzeiger beschäftigen Karla Kolumnas. Hinzu kommen viele freie Journalisten, die sich so nennen: Frau Kolumna. Sarah, Katrin, Kalle Kolumna. Die Kolumna im Twitter- und Facebook-Namen haben sich all diese Journalisten von Karla Kolumna geklaut, seit beinahe 40 Jahren rasende Reporterin der Hörspielreihen Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg . Ein frühes Vorbild also, dabei haben Journalisten in Büchern und Filmen ein tendenziell mieses Image. Und in der Realität sieht das kaum besser aus: Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK von 2016 halten nur 36 Prozent der Befragten Journalistinnen und Journalisten für vertrauenswürdig. Karla Kolumna hingegen trotzt dem schlechten Ruf. Aber warum ist sie so beliebt, nicht nur bei Reportern?

Ihre Karriere

Nie lässt sich Karla vom Geschwafel windiger Investoren und Politiker blenden. Von Autoritäten lässt sie sich nicht beeindrucken, wer mit ihr redet, den holt sie zu sich auf Augenhöhe runter. So ist Bürgermeister Bruno Pressack Karla Kolumnas natürlicher Gegenspieler. Ein nicht ganz unkäuflicher Politiker, der Steuergelder auch mal für ein schickes Auto auszugeben gedenkt. Und in der Folge "Karla gibt nicht auf" erledigt Kolumna im Alleingang den Immobilienhai Schmeichler, der ein historisches Gebäude abreißen lassen will. Eine Journalistin wie sie würde auch Horst Seehofer Paroli bieten, ein Treffen zwischen ihr und Donald Trump würde vermutlich binnen Minuten in Tränen enden - auf seiner Seite. Gut, man könnte ihr journalistisch eine etwas tendenziöse Nähe zu den Interessen von Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen vorwerfen, aber Karla Kolumna steht eben stets auf der Seite der Schwachen. Ihr Herz ist mindestens so wichtig wie ihr Hirn.

Auf ihrem Motorroller braust sie in Neustadt herum, ruft "Hallöchen!" und "Sensationell!", wenn sie von etwas so Aufregendem wie der Neubepflanzung des Schulgartens erfährt. Sie fotografiert alles und schreibt alle Texte selbst, vermutlich ist sie auch die einzige Mitarbeiterin der Neustädter Zeitung.

Hörspiel-Helden aus der Kindheit

Baldrian? Nö, Bibi!

Die Erfinderin von Karla ist die österreichisch-deutsche Autorin Elfie Donnelly. Sie sagt, sie wollte mit der Figur ein gesellschaftliches Korrektiv schaffen, jemanden, der der Politik auf die Finger schaut. Jemanden, der gute Ideen unterstützt. Wenn es zu Weihnachten eine Hilfsaktion für benachteiligte Kinder braucht, schreibt Karla die Titelseite damit voll.

Seit 1977 düst Karla Kolumna durch die Hörspielreihe um den sprechenden Elefanten Benjamin Blümchen. Seit 1980 taucht sie auch in den Geschichten um die Hexe Bibi Blocksberg auf, die praktischerweise in der selben Stadt wohnt. Die Firma Kiddinx produziert die Hörspiele, Bibi und Benjamin sind längst zu erfolgreichen Marken geworden. Donnelly stieg Ende der Achtzigerjahre aus, inzwischen schreiben zwei Autorenteams, eins für Bibi und eins für Benjamin. Karla Kolumnas aufgedrehten Singsang und ihre typische, aus vielen "Ahaha-Ahahas" bestehende Lache prägte die Sprecherin Gisela Fritsch. Seit deren Tod 2013 wird Karla von Ulrike Stürzbecher gesprochen, die auch Kate Winslet synchronisiert. Bisher sind 139 Folgen Benjamin Blümchen und 125 Folgen Bibi Blocksberg erschienen. Karla Kolumna kommt in etwa jeder zweiten Bibi-Folge und praktisch allen Benjamin-Folgen vor. Ihr "Hallöchen!" klingelt also in sehr, sehr vielen Kinderzimmern.

Ihr Einfluss

Für viele dieser Kinder ist Karla die erste Journalistin, die sie in ihrem Leben kennenlernen. Dass Vorbilder Einfluss darauf haben, wie Berufe wahrgenommen werden, darüber sind sich Wissenschaftler einig. Eine deutsche Studie belegte vor Kurzem, dass BWL-Studentinnen eher versucht seien, ein Unternehmen zu gründen, wenn sie den entsprechenden Kurs bei einer Gründerin statt bei einem Gründer absolviert hatten. Das funktioniert auch bei fiktionalen Vorbildern. So will eine amerikanische Studie herausgefunden haben, dass in den USA etliche Frauen, die in naturwissenschaftlichen oder technischen Berufen arbeiten, früher die Serie Akte X geschaut hätten. Die FBI-Ermittlerin der Serie Dana Scully hätte sie inspiriert. Dieser sogenannte "Scully-Effect" kann auch erklären, warum viele Schützenvereine einen regen Zulauf an jungen Mädchen erleben, seit Tribute von Panem-Heldin Katniss Everdeen und Disneys Merida erfolgreich Pfeil und Bogen schießen. Wenn Karla Kolumna also herumdüsen und die Zeitung mit sensationellen Reportagen vollschreiben kann, denken sich Jungs und vor allem Mädchen, kann ich das auch.

Und was sagen die Twitter-Kolumnas dazu? "Als Kind war ich Bibi Blocksberg-Fan und Karla Kolumna blieb mir als berufliches Vorbild im Gedächntis", sagt Youtuberin Sarah Bischoff. "Ich mochte immer, wie sie den Bürgermeister provoziert hat." Christina Metallinos, BR-Reporterin: "Karla war die allererste Journalistin, mit der ich in Kontakt kam. Also hab ich mir den Namen in der Ausbildung gegeben. Für mich ist Karla die geheime Starjournalistin des Landes." Und Karlo Kolumna, 36, stellvertretender Chefredakteur der Sport Bild, eigentlich Henning Feindt sagt: "Ich fahre zwar nicht wie das Original einen Motorroller, habe den Namen bei Twitter aber bewusst gewählt, da ich Karla positiv in Erinnerung habe. Neugierig, aufgeweckt, hartnäckig - und immer auf der Jagd nach der nächsten Schlagzeile!"

Ihr Privatleben

Dass Karla, auf Ende 30 angelegt, ganz offenbar kinderlos ist und in keiner festen Beziehung steckt, ist kein Mangel, sondern ein Zeichen ihrer Unabhängigkeit. Es ist anzunehmen, dass sie sich völlig autonom für dieses Leben entschieden hat. Sonderlich bedrückt wirkt sie jedenfalls nie, im Gegenteil. Das Reporterinnenleben befriedigt ihre Neugierde, ihre Streitlust und ihr Ego. Autorin Elfie Donnelly sieht das allerdings ein bisschen anders. Sie sagt: "Ich frage mich heute, warum ich einflussreiche Frau, keine Familie zugetraut habe. Dabei habe ich es selbst anders erlebt - ich war auch Journalistin und hatte Kind und Kegel." Heute würde sie im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf Karlas Privatleben etwas anders anlegen. Ihr jemanden an die Seite geben, bei dem sie ihren Roller abstellen und zur Ruhe kommen kann. Ob einen Mann oder eine Frau, das sei ja egal. Was Karla dazu sagen würde? Wahrscheinlich: "Papperlapapp!"

Ihr Arbeitsethos

Bei den meisten Medien sind Männer die Chefs, die Entscheider. Auch im konservativen Neustadt. Karla Kolumna aber ist in dieser Welt die mit Abstand einflussreichste Frau. Bibi Blocksberg ist als Hexe zwar qua Genetik stark, steht aber als Minderjährige unter elterlicher Aufsicht. Mutter Barbara, ebenfalls Hexe, fügt sich als Hausfrau ihrem Mann Bernhard. Karla hingegen ordnet sich Männern nicht unter und interessiert sich auch nicht dafür, bei ihnen gut anzukommen: Als ein Scheich sie in seinen Harem aufnehmen will, kriegt sie einen Lachkrampf.

Mit den Jahren hat sich die Figur kaum verändert. Überhaupt bewegt sich der Neustädter Kosmos wenig. Bibi Blocksberg bleibt für alle Ewigkeit 13 und Bürgermeisterwahlen sind auch nie nötig. Immerhin gab es in der Redaktion des Neustädter Abendblattes ein paar technische Neuerungen. Während Karla Kolumna zu Beginn der Hörspielreihen noch fleißig faxte und auf ihre Schreibmaschine hämmerte, mailt sie heute und telefoniert natürlich mit dem Smartphone. Auch moralisch hat sie sich entwickelt. In frühen Folgen schwindelte sie in ihren Artikeln gern mal, wenn es der Story diente. Heute achte man bei Kiddinx viel genauer auf politische Korrektheit. Kleine Übertreibungen gehörten aber nun mal zum Wesen der Reporterin: Dafür lieben sie ihre, Zitat Karla: "zwei Millionen Leser" ganz besonders.

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