Hörenswert Frei schwebend

Das zweite Album des "Notwist"-Ablegers "Spirit Fest"

Von Jürgen Moises

Sie gehören nicht gerade zu den lauten, marktschreierischen Bands. Deswegen ging es vielleicht sogar ganz unbemerkt vonstatten, als die Notwist-Musiker Markus Acher und Cico Beck zusammen mit dem japanischen Duo Tenniscoats alias Saya und Takeshi Ueno im Dezember 2017 fünf Songs des zweiten Spirit Fest-Albums "Anohito" in Achers Münchner Wohnung aufnahmen, direkt gegenüber vom bekannten Baadercafé. Die beiden anderen Stücke spielten sie zusammen mit Mat Fowler von Jam Money in London ein. Alles andere wurde über einen Tonband-, Mail- und Telefon-Austausch zwischen München, London und Tokio geregelt. Das Ergebnis "Anohito" ist nun seit ein paar Tagen als Vinyl, CD oder digitaler Download beim Berliner Label Morr Music erhältlich. Und es ist wie auch das im vergangenen November erschienene Debütalbum von Spirit Fest erneut ein kammermusikalisches Indiepop-Kleinod geworden.

Hier nicht nur musikalisch, sondern echt auf Reisen: Das britisch-japanisch-deutsche Projekt „Spirit Fest“.

(Foto: Mat Fowler)

Die musikalischen Türen, sie stehen dabei wie auch beim letzten Mal weit offen. Weshalb "Anohito", was auf Japanisch so viel wie "diese Person dort" heißt, stilistisch gar nicht so leicht einzuordnen ist. Das Eröffnungsstück, der Titelsong, ist ein schwärmerisches, melancholisches Stück Dream Pop, geprägt von Sayas sanfter, traumwandlerischer Stimme, die auf einem Klangteppich aus verhallten Gitarren- und Zither-Akkorden mit viel Delay, aus Keyboard, Schlagzeug und Elektroniksprengseln schwebt. "Fête de départ" ist ein verspieltes, sich mithilfe von Loops munter im Kreis drehendes Folktronica-Stück, in dem es hinter und zwischen dem sich abwechselnden Gesang von Saya und Takeshi Ueno und Markus Acher fröhlich fiept, klöppelt und blubbert. "Yuris Zahn" geht mit elektronischen Beats und japanischem Doppelgesang in medias res. Und entpuppt sich dann als ruhige Klangmeditation, die gegen Ende durch Pfeifen, Glockenspiel und Gitarre aufgelockert wird und sich schließlich im Mellotron-Nebel und Gitarrenhall verliert. "Look At The Colours", das sich im fließenden Übergang aus diesem Klangnebel hervorschält, ist eine von Markus Acher gesungene Ballade mit windschiefem Banjo und melancholisch tutender Bass-Klarinette, die Martin Slattery als Gastmusiker spielt. Das im Geiste der Elektronik-Avantgardisten Raymond Scott und Dick Hymen entstandene "Ueno The Future" ist mit allerlei analogen und elektronischen Spielereien das experimentellste Stück des Albums, "Takeda No Komoriuta" die Neufassung eines traditionellen japanischen Liedes und in der abschließenden Instrumentalnummer "Bye-bye" geht es dann frei schwebend ins All.

Zu einem Konzert von Spirit Fest in München wird es dagegen aktuell leider nicht kommen. Dafür sind die Strecken zwischen München, Tokio und London dann doch etwas zu weit. Dass es im vergangenen Winter sogar mit einer kleinen Europatour und im April mit einem Auftritt in Tokio geklappt hat, das war dem Alien-Disko-Festival in den Kammerspielen, wo 2016 die Tenniscoats und 2017 dann Spirit Fest gespielt haben, und einer kurzen Asien-Tour von The Notwist zu verdanken. Mit Spirit Fest speziell auch in Japan größer zu touren, das wäre für den langjährigen Tenniscoats-Fan Markus Acher - das hat er bereits beim Erscheinen des Debütalbums erzählt - auf jeden Fall ein Traum. Und auch wenn dieser vorerst nicht in Erfüllung geht, so geben Spirit Fest zumindest uns als Hörern mit "Anohito" nun die Chance, im Zimmer um die Welt und bis hinaus ins weite All zu reisen.

Spirit Fest: Anohito; erschienen bei Morr Music, www.morrmusic.com