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Hören und fühlen:Was sofort ganz tief rein geht

Für Einsteiger und Fortgeschrittene: Joachim Mischke entwirft einen neuen Klassik-Kanon in Porträts. Es geht um 44 Komponisten, die man gehört haben sollte: "Ohren auf und los, es tut nicht weh".

Von Wolfgang Schreiber

Im Reich der Klassischen Musik ist der Experte gefordert, fast mehr noch der freundliche Fachberater. Als ein solcher, "nicht belehrender Ratgeber" präsentiert sich der Hamburger Musikjournalist Joachim Mischke mit seinem Buch über die "44 Komponisten, von denen man gehört haben muss". Mit "man" dürften die Anfängerinnen und Anfänger in der allgemein als schwer geltenden Klassik-Disziplin gemeint sein. An sie ergeht im Vorwort die Aufforderung zum Hinhören: "Ohren auf und los, es tut nicht weh."

Ohne Umschweife bekennt sich der Autor zu seiner Subjektivität, zumal in der Auswahl der Tonsetzer äußert er Bedauern über die von ihm ausgegrenzten, freilich beliebten Komponisten - beispielsweise Sergei Prokofjew und Sergei Rachmaninow oder Gioacchino Rossini und Gaetano Donizetti, ebenso - seltsam die England-Abstinenz bei einem Hamburger Autor - Henry Purcell, Edward Elgar und Benjamin Britten. Da fehlen die Großmeister Böhmens Antonín Dvořák oder Bedřich Smetana, da gehen Kurt Weill, Hans Werner Henze und Olivier Messiaen leer aus, leider auch so kapitale Zeitgenossen wie die beiden führenden deutschen Komponisten Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm. Nun, es gebe ja "ihre Musik trotzdem, sie ist auffindbar", heißt es kurz angebunden. Der weltberühmte bayerische Mythologe Carl Orff wird harsch und ohne jedes Bedauern abgelehnt, und zwar "wegen der Carmina Burana".

Ein anderer Großer kann regelrecht umarmt werden. "Für diesen Klang-Philosophen war Musik weit mehr als das halbwegs geordnete Aufeinanderfolgen von Tönen und Nicht-Tönen ..." Beschworen hätten das ja alle ernst zu nehmenden Musiker auf Erden. Der Venezianer Luigi Nono ist gemeint, und sein Künstlertum er-scheint bei aller verordneten Kürze durchaus angemessen erklärt, wenn auch zuweilen etwas holprig: "Nono war nicht nur ein Venezianer aus guter Familie, er war auch ein politischer Künstler." Neben dem lyrisch-politischen Gesang "Il canto sospeso" wird Nonos späte enigmatische Sublimierungskunst aufgerufen, das von Hölderlin inspirierte Streichquartett oder das "Prometeo"-Oratorium, genannt "Tragödie des Hörens". Die Uraufführung 1984 in Venedig war, so die Erinnerung, tatsächlich "kein Konzert mit Anfang, Ende, Ap-plaus und zügiger Rückkehr ins Normale, sondern eine Expedition in das Innere dessen, was wir so beiläufig 'Musik' nennen". Am Ende, wie bei all den Porträts, folgen hilfreiche Hörtipps, mit Titeln wie etwa "Die Einstiegsdroge" oder "Für Fortgeschrittene" oder "Der originellste Titel".

"Keine Genieverehrung kommt ganz ohne Macken aus."

Die alphabetisch geordnete Komponis-tenreihe, mit kantig erstarrten Illustratio-nen von Lucia Götz bebildert, beginnen lokalpatriotisch mit dem in Hamburg tätig gewordenen, als Haydn-Mozart-Beethoven-Vorläufer notorisch unterschätzten Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel. Erwähnt wird dessen Karriere als Hof-Cembalist Friedrichs des Großen in Potsdam, sein Hamburger Hauptkirchenamt und seine Musik, "die überraschend temperamentvoll und abenteuerlustig stürmt und drängt". Unvermeidlich darauf der Vater, die "Lichtgestalt" Johann Sebastians, dessen Tonkünste in aller Welt und auch hier religiöse Ehrfurcht erzeugen: "Bachs Musik gilt geradezu automatisch als Gottesbeweis", oder einfach nur: "Eine Welt ohne Bach wäre möglich, doch sie wäre ärmer, haltloser, trostloser, kälter und dunkler."

Der Autor erweist sich als ein glaubwür-dig vehementer, keineswegs altbackener Liebhaber der klassischen Musik. In seinen Plädoyers für die Meister weht ein zum Teil salopper oder sogar draufgängerischer Stil, so etwa der Glaubenssatz: "Keine Genieverehrung kommt ganz ohne Macken aus."

Und er sorgt sich in seiner Auswahl um Epochen- und Nationenvielfalt. Aus dem Reservoir der berühmten "Großen B's" sind erwartbar Bartók und Beethoven, immerhin Berg und Berlioz, unanfechtbar Brahms und Bruckner verzeichnet. Was man von Beethoven denn "kennen und hören und immer wieder hören" sollte? Antwort: "Eigentlich so ziemlich alles." Es folgt eine Art Resümee von Beethovens gewaltigem Schaffen, bis hin zu seinen späten, schockierend originellen sechs Klavier-Bagatellen Opus 126. Warum kompo-nierte Beethoven überhaupt Musik? Es reichen vier Antwortworte: "damit es sie gab", also "ein riesiges Ansinnen".

Das Alban-Berg-Porträt wird zum Hör-Appell aus Begeisterung. Bewunderung erntet Hector Berlioz dank seiner "manischen Exzentrik", Hochachtung rechtens der große Norddeutsche: "Brahms kann man nicht nebenbei weghören ... Das geht sofort ganz tief rein." Auf den Punkt ge-troffen erscheinen Haydn, Bruckner, Debussy oder Mahler, dazu Monteverdi, Verdi, Wagner oder Webern. Und Janáček, Ravel und Sibelius, Strauss und Strawinsky. Mit Nachdruck werden selbst die Modernen ins Spiel gebracht: John Cage und Phil Glass, Charles Ives und György Ligeti - und natürlich Karlheinz Stockhausen, "der größte Pop-Star unter den Avantgarde-Komponisten". Ein winziger Frauenproporz wirft die Frage auf: Wieso die zwei durchaus verehrenswerten historischen Komponistinnen Fanny Mendelssohn-Hensel und Clara Schumann, jedoch nicht die heute sehr gewichtigen Sofia Gubaidulina oder Kaija Saariaho?

Der Autor wollte eine "Einstiegsdroge" in die klassische Musik liefern - Komponistenporträts als eine Art Musikgeschichte in serieller Pillenform. Das ist ihm mit Hilfe der offenen Kritikerohren, mit Wissen, Erfahrung und Intuition, gelungen.

Im Vorwort fragt Joachim Mischke , ob der Umgang mit dieser Musik ihren Hörer "zu einem anderen Menschen" machen würde. Er antwortet: "Das ganz bestimmt. Große Kunst schafft das. Großartige Musik schafft das, spielend sogar. Dafür ist sie da."

Dass durch großartige Musik "bessere" Menschen entstünden, hat die Geschichte leider widerlegt, der Autor mag es insgeheim hoffen. Seine Gewissheit gilt, dass "sie einen umwerfen und gleichzeitig aufrichten" kann.

Joachim Mischke: Der Klassik-Kanon. 44 Komponisten, von denen man gehört haben muss. Mit Illustrationen von Lucia Götz. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. 280 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 24.11.2020
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