Süddeutsche Zeitung

Hörbücher für den Sommer:Künstler und solche Leute

Der gefährliche Seelenzergliederer Gottfried Keller, die berauschte Paula Modersohn-Becker und Ulrike Draesner als Dichterin zwischen den Sprachen treten in neuen Hörbüchern auf.

Von Florian Welle

Das fiktive Städtchen Seldwyla ist die Heimat von Leuten wie "Pankraz, dem Schmoller", Wenzel Strapinski, dem "armen Schneiderlein" aus "Kleider machen Leute" oder Viggi Störteler, Geschäftsmann und "sehr eingefleischter Narr", aus "Die missbrauchten Liebesbriefe". An ihrer Seite: starke Frauen. Der zweiteilige Novellenzyklus von Gottfried Keller beschreibt vor dem Hintergrund der Modernisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts diese Menschen mit ihren Charakterschwächen so illusionslos und witzig, dass die Schweizer Literaturkritikerin zum 200. Geburtstag von Keller ausrief: "Seldwyla ist überall".

Jede der zehn Erzählungen aus dem nur scheinbar so "sonnigen und wonnigen" Seldwyla ist auch eine Liebesgeschichte. Es gilt, was Walter Benjamin über das Gesamtwerk des bedeutenden Realisten schrieb: "Alle Bücher dieses Mannes gehören zu den zweideutigsten und gefährlichsten Produkten der Literatur."

Im Hörbuchverlag Sinus aus Kilchberg hat man sich nun nach Kellers "Gedichten", dem Bildungsroman "Der grüne Heinrich" und dessen letztem Werk "Martin Salander" auch der "Leute von Seldwyla" angenommen (3 mp3-CDs mit einer Laufzeit von 24 Stunden 50 Minuten). Dazu wartet das Hörbuch mit einer illustren Sprecherriege auf. Eva Mattes liest "Frau Regel Amrain und ihr Jüngster", Stefan Kaminski "Kleider machen Leute" und der kürzlich verstorbene Peter Simonischek entfaltet die Meisternovelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe", die deprimierendste der versammelten Geschichten.

Was man an den Produktionen des Sinus-Verlags gar nicht genug loben kann: Es liegen umfangreiche Booklets bei, in denen sämtliche Texte abgedruckt sind, ergänzt um Essays, hier verantwortet von Thomas Sprecher. Er beschreibt Keller als genauen "Beobachter seiner Zeit, dabei ein vielerfahrener Seelenzergliederer ante Freud".

Sophie Dorothee Gallwitz, Opernsängerin im ersten, Kulturjournalistin im zweiten Beruf, prägte mit ihrem Buch "Eine Künstlerin - Paula Modersohn-Becker. Briefe und Tagebuchblätter" das Bild der Worpsweder Malerin. Erschienen zehn Jahre nach dem frühen Tod der Künstlerin im Jahr 1907, zeigt sich diese in den nie für die Öffentlichkeit gedachten Aufzeichnungen als quirlige Frau, romantisch und begeisterungsfähig. Die Forschung hat dieses Bild mittlerweile etwas nüchterner gezeichnet. Es entstand wohl auch deshalb, weil Gallwitz nur eine Auswahl aus den privaten Schriften veröffentlichte, ergänzt um biografische Bemerkungen.

Das vom Verlag "Hörbuchedition words and music" herausgegebene Hörbuch macht Gallwitzʼ nur mehr antiquarisch zu beziehendes Werk jetzt wieder zugänglich und das dank der Sprecherinnen Sonja Szylowicki und Ilka Sehnert auf sehr einnehmende Weise. Szylowicki liest Modersohn-Becker mit frischer, aufgeweckter Stimme. Sehnert, für Sophie Dorothee Gallwitzʼ Einordnungen zuständig, ist dagegen die Nüchternheit in Person. Stimmungsvoll untermalt werden die Textpassagen mit Musik von Debussy (Diverse Streamingdienste, 398 Minuten).

Man wird Zeuge einer "innerlich dramatisch gesteigerten Entwicklung" (Gallwitz), die 1892 mit erstem Kunstunterricht in London beginnt und die bildmächtige Künstlerin über Berlin und Worpswede nach Paris und schließlich wieder zurück in die norddeutsche Künstlerkolonie führt, Ehekrise inklusive. In ihrem letzten Sommer schreibt sie, sich selbst ermahnend, an den Bildhauer Bernhard Hoetger: "Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige."

Für Ulrike Draesner ist ein Gedicht ein "aus Buchstaben gefertigtes Lasso". Vor einem Jahr erschien zum 60. Geburtstag der vielfach preisgekrönten Schriftstellerin der Band "hell & hörig" mit Gedichten aus 25 Jahren. Eine Auswahl daraus hat Draesner für das gleichnamige, im "der Diwan"-Hörbuchverlag erschienene Hörbuch selbst eingelesen: weich im Klang, genau in der Artikulation (1 CD mit einer Spielzeit von 76 Minuten).

Der Titel ist hier noch zutreffender, denn mit jedem Gedicht wird man hellhöriger. Als junge Frau lebte die gebürtige Münchnerin ein Jahr in England, seitdem liegt für sie unter dem Deutschen immer das Englische: In dem Wort "Bad" denkt sie "bad" mit. Einige ihrer nicht selten autobiografisch grundierten Gedichte stehen denn auch unter dem Obertitel "vokabeltrainer". Andere Themen sind die Natur, Tiere und immer wieder "girls". Noch in ihren düstersten Momenten feiern sie die Sprache und wie mit ihr "Neues in die Welt" kommt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6105640
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/masc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.