Süddeutsche Zeitung

Hörbuchkolumne:Die Haltung zum Guten

Lesezeit: 3 min

Katharina Thalbach liest bekannte und unbekannte Gedichte von Mascha Kaléko, Karl May erlebt noch einmal Abenteuer und William S. Burroughs erinnert an die Katze in uns.

Von Florian Welle

"Ardistan und Dschinnistan" ist der Höhepunkt von Karl Mays Alterswerk. Ursprünglich von 1907 bis 1909 als Fortsetzungsroman unter dem Titel "Der Mir von Dschinnistan" im "Deutschen Hausschatz" erschienen, gilt die zweibändige Buchausgabe von 1910 bis heute als Standard. Darauf beruht das von Jean-Marc Birkholz eingelesene Hörbuch "Ardistan", herausgekommen im Bamberger Karl-May-Verlag (1 MP3-CD, ca. 22 Stunden). Band 2 folgt.

"Meine neue Erzählung beginnt in Sitara, dem in Europa fast gänzlich unbekannten Land der Sternenblumen" lauten die ersten Worte in "Ardistan". Sie geben bereits den Ton der Geschichte vor, die sich vordergründig wie die frühen Abenteuerbücher des sächsischen Fantasten liest - Mays Alter Ego Kara Ben Nemsi und dessen ergebener Gefährte Hadschi Halef Omar erleben Gefangennahme, Befreiung und schlichten zwischen verfeindeten Völkern. Dahinter jedoch steckt mehr. "Was er mit diesem Text entwirft", schreibt der Karl May-Biograf Helmut Schmiedt, "ist nichts Geringeres als eine Reise durch die Weltgeschichte, die in der Urzeit beginnt und in eine utopische, harmonische Zukunft führt".

Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar landen mit dem Schiff Wilahde im orientalisch anmutenden Sitara. Wilahde bedeutet Geburt. Anspielungen wie diese veranlassten einst Arno Schmidt, May als den "bisher letzten Großmystiker unserer Literatur" zu bezeichnen. Jean-Marc Birkholz trifft die schlafwandlerische Tonlage der gleichnishaften Erzählung und nimmt uns mit auf eine unvergleichliche Welterkundung von epischer Breite.

Mascha Kalékos Lebensmotto endet mit den Zeilen "Die Haltung zum Guten, zum Schlimmen/kann keiner als ich nur bestimmen". Es fand sich im Nachlass der 1975 gestorbenen Dichterin. Hier spricht sich ein Mensch in seinem "Lobenswerten Lebensmotto" trotzig und weise Mut zu, ein Schicksal anzunehmen, das von innerer und äußerer Heimatlosigkeit geprägt ist. Das Gedicht eröffnet die neue, von Eva-Maria Prokop herausgegebene Auswahl "Wir haben keine andre Zeit als diese. Gedichte über das Leben", die zeitgleich von Katharina Thalbach für Goyalit vertont wurde ( 1 CD, 77 Minuten). Thalbach interpretiert die 84 Texte mit hörbarer Freude. Liest geradlinig und fest, dann wieder flüsternd, setzt Pausen, um jedem Wort gebührend Raum zu geben.

Die Jüdin Kaléko floh 1914 als Siebenjährige mit ihren Eltern aus Galizien nach Deutschland. Ihrem kometengleichen Aufstieg als schnoddrige Lyrikerin der wilden Zwanzigerjahre in Berlin machten die Nazis ein Ende. 1938 emigrierte sie mit ihrem zweiten Mann Chemjo Vinaver und dem gemeinsamen Sohn Steven nach New York und besang im "Frühlingslied für Zugereiste" das Exil: "Liebes fremdes Land/Heimat du, wievielte". 1959 wird sie Vinaver nach Israel folgen. Als Steven 1968 stirbt, sollte es noch einsamer um Mascha Kaléko werden, die gleichwohl zu den meistverkauften Dichterinnen mindestens des 20. Jahrhunderts gehört.

Das dürfte auch daran liegen, dass ihre Gedichte als Gebrauchslyrik gelesen, mitunter gar als Ratgeber verstanden wurden: Bei aller Bitterkeit besitzen sie immer auch etwas Patentes. Die hier versammelten Texte stammen überwiegend aus dem Nachlass, einige standen bereits in dem Band "In meinen Träumen läutet es Sturm" von 1977, andere konnte man erst in der großen Werkausgabe von 2012 entdecken. Existentielle Fragen stehen im Vordergrund. Die "Seiltänzerin ohne Netz" zitiert Heraklit, sucht Orientierung im Zen-Buddhismus. In "Meditation" heißt es: "Nichts ist, sagt der Weise."

Der Hörspielregisseur Kai Grehn bohrt gerne literarisch dicke Bretter: Hans Henny Jahnn, Emil Cioran, Pessoa. Fast schon leichtfüßig kommt dagegen seine Adaption "The Cat Inside" daher, obwohl der Autor der autobiographischen Erzählung kein geringerer als William S. Burroughs ist. Die SWR-Produktion von 2020 ist auf dem Major Label in einer von Andreas Töpfer sehr stilvoll gestalteten Kartonaufmachung mit herausnehmbarer Katzengrafik erschienen ( 1 CD, ca. 65 Minuten). Burroughs schrieb den Text als über 70jähriger und wollte ihn als Allegorie verstanden wissen, in der Katzen sein eigenes Leben zur Aufführung bringen - von Streunern über Scheunen- bis Hauskatzen. In einem Satz wie "Ich bin die Katze, die für sich alleine wandelt", steckt auch viel Schmerz. Musikalisch unterstützt von geheimnisvoll verschleppten Klängen der Band Tarwater leiht David Bennent Burroughs seine Stimme: elastisch, sensibel, überraschend selten kratzbürstig fauchend. Dann aber richtig. Im Gegensatz zu den Tieren ist der Mensch das wahre "bad animal". Er sollte deshalb gut auf seine innere Katze aufpassen.

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