Hörbuchkolumne:Wo ist der Vodka?

Lesezeit: 3 min

BDM-Mädchen bei Turnübungen, 1939

"Unsere Töchter, die Nazinen" heißt der Roman der "roten Gräfin" Hermynia Zur Mühlen, in denen Frauen verschiedener Schichten am Beginn des NS-Regimes erzählen. Hier Mitglieder des "Bund Deutscher Mädel".

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Alles über Helgoland, Jungens-Slapstick aus Marzahn mit Shenja Lacher, der gesammelte Dostojewski und Hermynia Zur Mühlens "Unsere Töchter, die Nazinen": die Hörbücher für den Spätsommer.

Von Florian Welle

Heinrich Heine schwärmte, der Himmel über Helgoland "hänge voller Violinen". Hoffmann von Fallersleben dichtete dort "Das Lied der Deutschen", August Strindberg heiratete. Zu allen Zeiten zog es Schriftsteller auf die Nordsee-Insel. In den letzten Jahren hat sich auch Isabel Bogdan immer wieder dorthin zum Schreiben zurückgezogen. Ihre Eindrücke schilderte die Übersetzerin und Autorin in "Mein Helgoland", das in der schönen mare-Reihe "Meine Insel" erschienen ist, in der auch schon Ulrike Draesner und Regula Venske über Hiddensee und Langeoog geschrieben haben.

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(Foto: Argon Verlag)

Parallel dazu gibt es das Buch bei Argon als Autorinnenlesung in unprätentiösem Plauderton: "Man könne hier einfach in Frieden einen an der Waffel haben" (1 mp3-CD, 3 Stunden, 27 Minuten). Es ist weit mehr als ein Reiseführer, auch wenn alle Attraktionen von den Hummerbuden über Lummenfelsen und Lange Anna bis zur Düne Erwähnung finden. Isabel Bogdan sucht vor allem den Zusammenhang zwischen Inseldasein und Schreibexistenz: "vielleicht hilft die Übersichtlichkeit der Insel Helgoland auch mir beim Entwickeln meiner Geschichte. Erstmal muss ich wissen, wo sie anfängt, wo sie aufhört und was der Höhepunkt ist. Aber wo fängt denn eine Insel an?" Als Gewährsmann für die poetologischen Überlegungen, an dem sie sich reibt und abarbeitet, dient James Krüss, der bekannteste Sohn Helgolands. Passagen aus dessen Werk liest Christoph Maria Herbst mit norddeutschem Klang.

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(Foto: Penguin Random House Verlags)

"Ruslan aus Marzahn" heißt das zweite Buch von Sebastian Stuertz. Gefördert durch ein Stipendium im mare-Künstlerhaus und gesprochen von Shenja Lacher ist es nur als vom Hörverlag produziertes Audio-Original erhältlich (1 mp3-CD, 4 Stunden, 27 Minuten). Lacher lieh seine Stimme bereits Stuertz' Debüt "Das eiserne Herz des Charlie Berg". Für "Ruslan aus Marzahn" befeuerte er Stuertz mit Anekdoten über seinen russischen Background. Ruslan Blinow ist, wie einst Lacher selbst, Schauspielabsolvent der HMT Rostock. Das Leben des gutmütigen Chaoten: Außer Kontrolle.

Große Teile der russisch-orthodoxen Familie haben ihm den Rücken gekehrt, als sie ihn nackt auf einer Berliner Bühne sahen. Seine Frau Stasi hat ihn wegen Alkoholeskapaden verlassen. Nun kämpft er darum, wenigstens ab und zu den gemeinsamen Sohn Johnny sehen zu dürfen. Aber alle seine guten Vorsätze verkehren sich unerbittlich in ihr Gegenteil. "Ruslan aus Marzahn" ist reiner Jungens-Slapstick, ziemlich leicht und seicht, von Shenja Lacher allerdings furios gelesen: "Wo, wo, wo ist der Vodkaka?"

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(Foto: Der Audio Verlag)

Vor Jubiläen, ist bei DAV die große Hörspiel-Edition nicht fern. So auch bei Dostojewski, dessen 200. Geburtstag im Herbst ansteht. Die Box umfasst neun Hörspiele (10 CDs, 8 Stunden, 50 Minuten), die von 1957 bis 2004 entstanden. Es sind weniger die Adaptionen der gewichtigen Werke, die hier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern die kammerspielartigen Produktionen für zwei, drei Schauspieler. Also nicht das Hörspiel "Raskolnikow" nach "Schuld und Sühne" aus den Fünfzigerjahren, sondern die SWF-Umsetzung (heute SWR) von "Die Sanfte" von 1994. Dostojewskis "phantastische Erzählung" ist ursprünglich der Monolog eines misogynen Pfandleihers mit dem Ziel, der Wahrheit über den Selbstmord seiner jungen Frau auf den Grund zu kommen. Der Clou der Bearbeitung von Sabine Peters, eindringlich umgesetzt von Regisseurin Corinne Frottier: Die "Sanfte" bekommt in der Schauspielerin Ulrike Grote eine eigene Stimme wider den von Klaus Barner gesprochenen Tyrannen.

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(Foto: Verlag Gesafa)

Hermynia Zur Mühlens 1935 erschienener Roman "Unsere Töchter, die Nazinen" ist derzeit nur im Rahmen der Werkausgabe der auch als "rote Gräfin" bekannten Wienerin erhältlich. Hören hingegen kann man ihn nun dank des kleinen, von Christine Lemke geführten Verlags Gelesenes Sach- und Fachbuch, kurz Gesafa (1 mp3-CD, 6 Stunden, 2 Minuten). Darin erzählen drei Mütter aus einer Kleinstadt am Bodensee - die Arbeiterin Kati Gruber, die Aristokratin Gräfin Saldern sowie die Arztfrau Martha Feldhüter -, wie ihre Töchter zu überzeugten Parteigängerinnen der Nazis wurden. Julia Cortis, bekannte BR-Radiostimme, liest die soziologisch wie psychologisch hellsichtige Fallstudie je nach Erzählerin naiv-ungläubig, anklagend-selbstkritisch oder hasserfüllt vor Neid. Letzteres trifft auf Martha Feldhüter zu, die im Gegensatz zu den beiden anderen mit der Machtübernahme der Nazis endlich auch ihren eigenen sozialen Aufstieg und den der Familie gekommen sieht. In die Schilderung der Opportunistin und Antisemitin legt die entschiedene Regimegegnerin Zur Mühlen ihre ganze Verachtung.

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