Süddeutsche Zeitung

Hörbuchkolumne:Mit den Rheintöchtern schwimmen

Lesezeit: 3 min

Der Ring, mal nicht für Opernbesucher, Geschichten vom Fliehen und Ankommen und Blixa Bargeld zwischen Wahn und Wirklichkeit: die besten neuen Hörbücher.

Von Florian Welle

"Verflucht sei die Liebe. Ich schmiede den rächenden Ring." Alberich schlägt sich in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" auf die Seite der Macht und setzt damit ein Geschehen in Gang, das den paradiesischen Urzustand beendet und die Weltendämmerung heraufbeschwört. In der Hörspieladaption von Regine Ahrem und Peter Avar spricht Lars Rudolph den Zwerg. Einerseits gemeingefährlich keckernd. Total quengelig, weil sexuell schwer frustriert, andererseits. Die Rheintöchter haben ihn mit ihren scheinheiligen Avancen gefoppt und gemobbt. Die Großproduktion des RBB mit den Teilen "Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung" liegt bei DAV vor (je 1 CD mit einer Laufzeit zwischen 60 und 80 Minuten).

Geboten wird der "Ring" hier als Fantasy-Spektakel, das vielleicht nicht den nach Bayreuth pilgernden Opern-Enthusiasten in Bann schlägt. Dafür sicherlich viele, die um das Bühnenfestspiel bisher einen Bogen gemacht haben. Ahrem und Avar erzählen die Geschichte stringent auf Grundlage des Librettos, dabei stützen sie sich auf eine beeindruckende Schauspielerriege: Bernhard Schütz als Wotan, Martina Gedeck als seine Frau Fricka. Dimitrij Schaad ist Siegfried, ihm zur Seite Bibiana Beglau als Brünnhilde, und Fabian Hinrichs leiht König Gunther seine Stimme. Zusammengehalten wird alles von Regina Lemnitz als Erda. Die Erdgöttin als allwissende Erzählerin ist der ruhende Pol in diesem Hörspiel-"Ring". Felix Raffel hat dazu einen eingängigen Soundtrack komponiert, der die Leitmotive Wagners aufgreift und sich trotz aller Dramatik auch zurücknimmt, dem Elegischen Raum gibt.

Der eigentliche Clou ist die Aufnahmetechnik. Verwendet wurde ein mit Mikrofonen ausgestatteter Kunstkopf, vor dem die Sprecher so agieren können, als stünden sie auf der Bühne. Vorausgesetzt man trägt Kopfhörer, ist das Ergebnis ein akustischer 3-D-Effekt, bei dem man sich inmitten des Geschehens wähnt, mit den Rheintöchtern badet und Siegfried beim Schwerteschmieden über die Schulter schaut.

Lena Gorelik bringt es auf den Punkt, wenn sie in "Landkarte der Gefühle" schreibt, dass sich das, was ihr der Schriftsteller Yamen Hussein über seine Flucht aus Syrien berichtet, "nicht gut vorstellen lässt in einem Café in München, alles zu schön wie immer ... Yamen erzählt, und ich sage nichts". Goreliks Plädoyer für genaues Zuhören kann als Anleitung dienen, wie man all den wütenden, traurigen, waidwunden Berichten, Erzählungen, Gedichten und Briefen der aus Kriegs- und Krisengebieten kommenden Autorinnen und Autoren begegnen sollte, mit denen ihre deutschsprachigen Tandempartner in einen kulturübergreifenden Dialog treten. Sie sind in der im Hörverlag erschienenen Anthologie "Weiter Schreiben. (W)Ortwechseln" versammelt (1 MP3-CD, ca. 9 Stunden 40 Minuten).

Alle Texte wurden zuerst auf den Literaturportalen "Weiter Schreiben" und "Weiter Schreiben Schweiz" veröffentlicht. Plattformen, die seit 2017 existieren und den Verfolgten und Geflohenen ihre literarische Stimme zurückgeben. Für das Hörbuch haben die über 30 Exilanten von Rabab Haidar über Abdullah Alqaseer und Rasha Habbal bis Ronan Ahmad ihre Texte in ihrer Muttersprache eingelesen. Anschließend fanden die deutschen Übersetzungen in Melika Foroutan und Sabin Tambrea zwei überzeugende Interpreten. In einem dritten Schritt antworteten dann die Tandempartner. Der afghanischen Frauenrechtlerin und Lyrikerin Mariam Meetra, in deren Gedanken der Krieg fortdauert, beispielsweise Sylvia Geist, die sich fragt: "Wie können zwei Frauen mit so unterschiedlichen Erfahrungen ins Gespräch kommen?"

"Zeichnungen des Patienten O.T." heißt ein frühes Album der "Einstürzenden Neubauten". O.T., damit ist der bildende Künstler und Bewohner der Heil- und Pflegeanstalt Gugging Oswald Tschirtner gemeint. Es liegt also nahe, dass Mark Kanak als Sprecher für sein im Belleville-Verlag herausgekommenes Ein-Personen-Hörspiel "Tollhaus", in dem sich der 62-jährige Patient Niedermoor aus unerfindlichen Gründen in einer Anstalt irgendwo auf "Fischland-Darß-Zingst" wiederfindet, auf "Neubauten"-Impresario Blixa Bargeld zurückgriff (1 CD, 55 Minuten). Wer hier an Kafkas "Der Process" denkt, liegt nicht falsch.

Irgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit versucht Niedermoor, sein Leben zu rekonstruieren. Zwischendurch zitiert er die Hausordnung des beklemmenden Ortes, ungelenke Behördensprache mischt sich mit persönlichem Irrsinn. Dazu hat Jukka-Pekka Kervinen eine Klanglandschaft aus elektronischem Gerumpel, süßlichen Melodien und Meeresrauschen entworfen. Bargeld performt gewohnt prätentiös. Die Namen der drei Abschnitte der Ostsee-Halbinsel hat man so verschroben-pointiert noch nie gehört: "Fischlanddd!" "Darßßß!" "Ziiingst!"

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