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Hörbuch-Kolumne:Knacks, Kinder, Kloster

Neue Hörbücher mit Roger Willemsen, Thomas Hürlimann und Annie Ernaux.

Von Florian Welle

"Der Knacks meines Lebens ist der Tod meines Vaters", heißt es in "Der Knacks". Roger Willemsen war 15 Jahre alt, als sein Vater starb. Seine Mutter "krähte" ihm damals den Namen der Krankheit in der Küche entgegen. Der Schriftsteller und Moderator krähte ihn bei der lit.Cologne im März 2009 ins Publikum: "Kräääbbbsss" (tacheles! bei Roof Music, 1 CD mit Booklet, 1 Stunde 18 Minuten). Der Live-Mitschnitt zeigt beeindruckend, wie Willemsen seine Lesungen zu gestalten wusste. "Der Knacks" von 2008 ist ein Buch über Vergänglichkeit und daher über weite Strecken ernst. Dementsprechend ruhig und konzentriert liest Willemsen. Doch er nimmt sich nicht permanent zurück, sondern setzt zwischendurch bewusst Akzente. Willemsen ist in seinem als Essay angelegten Buch dem Phänomen des Knackses auf der Spur, das sich für ihn nicht nur in einem einzigartigen Erlebnis, sondern auch im "langsamen Ausbreiten von Resignation, Kapitulation, Erschlaffen der Vitalkräfte" zeigt. Er begegnet dem Knacks bzw. angeknacksten Menschen auf Schritt und Tritt, in Gaststätten, auf Bahnhöfen und natürlich in der Kunst. Das wirkt auf 300 Seiten irgendwann etwas ermüdend. Die Auswahl, die er damals für seine Lesung aus der Fülle an Begegnungen und Geschichten traf, tut dem Thema daher gut. In der Verdichtung gewinnt es an Überzeugungskraft, die abstrakten Begriffe, für die Willemsen ein Faible hatte - "das nackte Leben" - setzen Fleisch an. Begleitet wird er von Frank Chastenier am Piano. Mit ihm rückt in Improvisationen über Jacques Brels "Ne me quitte pas" und den Song "What Are You Doing the Rest of Your Life" die Liebe ins Zentrum.

Annie Ernaux widmet ein ganzes Buch ihrem rechtschaffenen Vater, der 1967 starb. Da war die angehende Lehrerin 27 Jahre alt und sie wollte für sich in Erfahrung bringen, aus welchem Milieu sie stammte und warum sie ihm nach und nach entwachsen war. Bis sie jedoch die angemessene Form fand, dauerte es noch Jahre. 1983 erschien in Frankreich schließlich "La Place", "Der Platz", in dem sie das Leben ihres 1899 in einem Dorf in der Normandie geborenen Vaters erzählt. In einem "sachlichen Ton", der auf keinen Fall nach "Erinnerungspoesie" klingen darf. Der Vater fing als Knecht an, war Soldat, verdingte sich als Fabrikarbeiter, bis er mit seiner Frau einen Kramerladen mit Kneipe eröffnete: "Allmählich fanden sie ihren Platz in der Armut oder knapp darüber." Ernaux bleibt nah an den Wörtern ihres Vaters oder beschreibt minutiös alte Fotografien. Erst vor wenigen Jahren entdeckte man auch hierzulande die Französin und ihre eigentümlichen Erinnerungsbücher, angesiedelt an der Schnittstelle von Literatur, Soziologie und Kulturgeschichte, für die sie den Begriff der "Autosoziobiografie" prägte. Indem sie das Leben ihrer Familie rekonstruiert, rekonstruiert sie, so heißt es an anderer Stelle, eine "gesellschaftliche Zeit, die vor Langem begann und bis heute andauert". Ernauxs Schreibstil kommt dem Hörspiel, das Dokumentarisches liebt, entgegen. Das konnte man schon im vergangenen Jahr anhand von Luise Voigts ausgezeichneter Adaption von "Die Jahre" feststellen. Auch Erik Altorfer weiß ihn für seine soeben erschienene "Der Platz"-Bearbeitung zu nutzen (DAV, 1 CD, 1 Stunde 19 Minuten). Gerade der unpersönliche Ton entfaltet einen unwiderstehlichen Sog, wenn er so genau getroffen wird wie von Stephanie Eidt. Eidt ist die kühle Ich-Erzählerin und damit die einzige Sprecherin in diesem stimmigen Hörspiel, dem eine durch Trommelschläge rhythmisierte, minimalistische Komposition von Martin Schütz zugrunde liegt.

Dass man sich freilich auch ganz anders erinnern kann, zeigt seit Jahren Klaus Sander mit dem Supposé-Verlag. Der Verleger lässt schlicht erzählen. Zuletzt den Schweizer Thomas Hürlimann über seine "Kindheit und Jugend im Kloster Einsiedeln" in den 1960er-Jahren (Supposé, 2 CDs mit Booklet, 2 Stunden 9 Minuten). Der Schriftsteller plaudert munter drauflos, nur unterbrochen von einem herzlichen Lachen. Obwohl es für ihn damals wenig zu lachen gab. Hürlimann wuchs in einem System des Überwachens und Strafens auf. Für immer eingeprägt haben sich ihm die beständige Kälte - und der Kohlgeruch. Prägend waren auch die Lehrer, allerdings im positiven Sinne. Häufig "skurrile Gestalten", war ihr "geistiger Rahmen sehr weit". So konnte Pater Kassian, Physik und Religion, mühelos Teresa von Ávila und Einstein zusammendenken, womit er Hürlimann ermunterte, "über das Gewohnte hinauszudenken". Dann kam 1968, und einer der Schülerstreiche bestand darin, sich mit "Satisfaction" von den Stones anstatt mit Vivaldi wecken zu lassen. "Der Sturz der alten Ordnung", so Hürlimann, machte auch vor den Klostermauern nicht halt.

© SZ vom 29.07.2020

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