Hörbuch "Jahrhundertstimmen":Richtung Gegenwart

Hörbuch "Jahrhundertstimmen": In die Heimat-Seligkeit des deutschen Nachkriegskinos platzt Hildegard Knef 1951 als "Die Sünderin" in Willi Forsts gleichnamigem Film, bei dessen Premiere in Berlin sie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

In die Heimat-Seligkeit des deutschen Nachkriegskinos platzt Hildegard Knef 1951 als "Die Sünderin" in Willi Forsts gleichnamigem Film, bei dessen Premiere in Berlin sie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

(Foto: akg-images / Horst Janke)

Der zweite Teil der "Jahrhundertstimmen", dieser großen Sammlung historischer Tondokumente, beginnt 1945 mit der Nachkriegszeit und endet zum Jahrtausendwechsel. Was für eine Zeitreise!

Von Stefan Fischer

Deutsche Nachkriegsgeschichte, reduziert auf 40 Stunden Tondokumente. Ein tollkühnes Unterfangen. Wo setzt man an, was spart man aus? Wer spricht und in wessen Namen? Hört man sich durch den zweiten Teil der "Jahrhundertstimmen", der die Zeit von 1945 bis 2000 umfasst, dann entgeht einem kaum, wie anmaßend manches von dem ist, was als zeitgeschichtlich bedeutsam in mehr als 400 Vorträgen, Reden, Interviews und Stellungnahmen versammelt worden ist. Etliche der vielen Sprecher und manche Sprecherinnen geben vor, für eine Menge, gar eine Mehrheit - ja, mitunter sogar: für alle zu sprechen. Oft ist das bloßes Wunschdenken an der Grenze zur Allmachtsfantasie.

Der Umstand, dass Deutschland bis 1989 geteilt war, hat jahrzehntelang vor allem bei Politikern hüben wie drüben zu teilweise absurden rhetorischen Verrenkungen geführt: Man feindete das jeweils andere System an, tat dabei aber stets so, als habe die entsprechende Bevölkerung mit diesem System eigentlich gar nichts zu schaffen, sondern stehe ihm kritisch bis ablehnend gegenüber. Die politischen Eliten in BRD und DDR gaukelten sich und ihrem jeweiligen Teilvolk gleichermaßen vor, die anderen würden am liebsten auch dazugehören - je nach Standpunkt die DDR-Bürger zum freien Westen respektive die BRD-Bewohner zum friedensstiftenden Osten.

Deutsche Zeitgeschichte ist hier nicht bloße Abfolge politischer Entscheidungen

Wie sehr sich derweil bei aller Gegnerschaft West und Ost in ihren Mitteln der Agitation glichen, hat Hans Magnus Enzensberger in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises 1963 ätzend und unbarmherzig durchdekliniert. So wie er sechs Jahre zuvor in seinem berühmten Essay hart ins Gericht gegangen ist mit der Sprache des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, so dechiffrierte er in seiner Büchnerpreis-Rede politische Begriffe, die er gespenstige Vokabeln nannte: "Die politische Sprache, die heute in Deutschland gesprochen wird, widersetzt sich aller Vernunft. Man kann über sie sprechen. In ihr nicht", so Enzensberger, und übersetzte dann Verbrämungen, Schönfärbereien und Verklausulierungen in Klartext. Oder wie er sagte: ins Deutsche. Seine Beispiele fand er beidseits der zwei Jahre zuvor errichteten Berliner Mauer.

So einfach, wie es die Politik immer wieder dargestellt hat, liegen die Dinge in der Regel nicht. Das herauszuarbeiten, ist das Verdienst der Herausgeber der "Jahrhundertstimmen". Hans Sarkowicz, bis zu seiner Pensionierung 2021 beim Hessischen Rundfunk Programmleiter der Kulturwelle HR 2, der Historiker Ulrich Herbert, Michael Krüger, langjähriger Verleger des Carl-Hanser-Verlags, die Publizistin Ines Geipel sowie die Kuratorin Christiane Collorio haben nach dem ersten Teil der "Jahrhundertstimmen" (1900-1945) nun auch in der Folge-Edition ein gutes Gespür bewiesen bei der Auswahl dieser Stimmen - also von Reden, Ansprachen, Vorträgen, Interviews -, um ein sowohl heterogenes als auch schlüssiges Bild dieses halben deutschen Jahrhunderts zu geben.

Zentral ist die Kernentscheidung dieses Quintetts, die deutsche Zeitgeschichte nicht in erster Linie als bloße Abfolge politischer Entscheidungen darzustellen. Sondern vor allem eine Kultur- und Geistesgeschichte Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzulegen. "Jahrhundertstimmen" ist eine Sammlung von Tondokumenten, die sich zu einer vielschichtigen, streitfreudigen Debatte fügen über gesellschaftliche, kulturelle, moralische Fragen - fallweise mit Konsequenzen auch für Politik und Wirtschaft. Es geht selbst in den Kapiteln, die sich sehr explizit um politische Prozesse drehen - etwa den Streit um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR oder den Mauerbau -, nicht nur um die Sache an sich, sondern stets auch um die dahinterstehende Geisteshaltung einzelner Protagonisten sowie größerer gesellschaftlicher Strömungen.

Alfred Hitchcock erklärt, wie man Spannung erzeugt. Mal herhören

So sind nacheinander zu hören Kurt Schumacher, der Vorsitzende der SPD, der sich Anfang 1946 vehement gegen eine Vereinigung seiner Partei mit der Kommunistischen Partei Deutschlands ausspricht, und Otto Grotewohl, Vorsitzender des Zentralausschusses der SPD in der sowjetischen Besatzungszone, der im Bereich der späteren DDR genau diesen Schritt vollzieht und die SPD mit der KPD zur SED, zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands also, verschmilzt. Da geht es nicht (bloß) um politische Machtfragen und Strategien, sondern um einen wegweisenden Gesellschaftsentwurf. Und wenn der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann zu hören ist, wie er begründet, weshalb er als Innenminister aus dem ersten Kabinett Adenauer zurückgetreten ist, dann geht es dabei um weitaus mehr als den Dissens in einer politischen Sachfrage, nämlich um die Grundsatzentscheidung, mit welcher Machtfülle das Amt des Bundeskanzlers ausgestattet werden soll und muss.

Hörbuch "Jahrhundertstimmen": Hans Sarkowicz, Ulrich Herbert, Michael Krüger, Ines Geipel, Christiane Collorio (Hrsg.), Jahrhundertstimmen. 1945-2000. 40 Stunden. Der Hörverlag, München 2023, 65 Euro.

Hans Sarkowicz, Ulrich Herbert, Michael Krüger, Ines Geipel, Christiane Collorio (Hrsg.), Jahrhundertstimmen. 1945-2000. 40 Stunden. Der Hörverlag, München 2023, 65 Euro.

(Foto: Penguin Random House)

Einen großen Raum nehmen in dieser opulenten Dokumentensammlung die Stimmen von Intellektuellen und Künstlern ein, die sich auseinandersetzen mit der geistigen Verfasstheit Deutschlands. Thomas Mann ist zu hören, der 1949 erstmals wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist, unter anderem, um sich zum Missfallen vieler mit dem Goethe-Preis ehren zu lassen. Theodor W. Adorno und Erika Mann schildern in einem Gespräch ihre jeweilige Wiederannäherung an Europa und Deutschland. Carl Zuckmayer spricht über das Potenzial geistiger Erneuerung, und Erich Kästner reflektiert über fehlenden Heldenmut während der NS-Zeit.

Die "Jahrhundertstimmen" setzen Menschen und Positionen miteinander ins Verhältnis, die auf den ersten Blick nicht zwingend aufeinander bezogen sind. Und aber eben doch im gleichen geistigen Klima existieren. Auf diese Weise weitet sich der Horizont beim Hörer, vor allem in jene Dekaden hinein, die er aus eigenem Erleben nicht kennt. Wo notwendig, ordnen die Herausgeber mit ihrer jeweiligen Expertise ein, kontextualisieren die Tondokumente - und schlagen gedankliche Brücken. Sie gehen dabei chronologisch vor, aber nicht in einem sehr strengen Sinn - innerhalb der Zeitläufte bündeln sie vor allem thematisch, zur besseren Veranschaulichung von Zusammenhängen.

Nicht zu kurz kommt auch das scheinbar Leichte, Unterhaltende. Aber selbst daraus ließen sich Lehren ziehen, wenn man wollte. So erklärt Alfred Hitchcock in einem Interview, wie man im Film Spannung erzeugt. Deutsche Krimis wären besser, würde sein Rat beherzigt.

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