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Hölderlin-Abend von Christoph Marthaler:"Man kann auch in die Höhe fallen"

Im Hölderlin-Kunstschutzbunker: Josefine Israel und Sasha Rau (rechts) unterwegs mit Stühlen im Hamburger Schauspielhaus, begleitet von Martin Zeller am Cello.

(Foto: Matthias Horn)

Hier darf die Seele sich betten: Willkommen in der Jetztzeitlosigkeit des Theatermachers Christoph Marthaler bei den "Sorglosschlafenden" in Hamburg.

Von Christine Dössel

Wann ist man je so gemütlich im Theater gesessen? Im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses haben sie die Sitzreihen ausgebaut und stattdessen, schön brav auf Abstand, Polstersessel und Sofas hineingestellt. Wunderbar. Genau das Richtige für einen Hölderlin-Abend von Christoph Marthaler, dem König des Schauspieldämmers, der die Schläfrigkeit im Theater nicht nur hoffähig, sondern zu einem Stilprinzip gemacht hat. Wo könnte man besseren Gewissens ein Nickerchen einlegen, während die Kunst, die bei Marthaler wie bei Hölderlin ja eine hochmusikalische ist, einen sanft umwogt? Von "Sorglosschlafenden" ist sogar im Titel die Rede. Also zurückgelehnt, die neue Beinfreiheit genutzt - und eintauchen in die Jetztzeitlosigkeit des Marthaler-Kosmos.

Der ist an diesem Abend so markengerecht, oder freundlicher gesagt: stilecht wiedererkennbar und in seinen Inszenierungselementen so vertraut, dass man tatsächlich verführt ist, die Augen zu schließen. Wären nicht die vier Schauspieler und die zwei Musiker auf der Bühne in ihrem liebenswürdigen Retro-Look und ihrer ernsten Beflissenheit echte Hingucker. Wie sie minimalistische Gesten und Verrichtungen mit maximalster Konzentration ausführen, wie sie ganz bei sich sind, bei ihrem Denken und Tun in der Welt, ist unabdingbarer Teil des Zaubers. So wird es also doch nichts mit dem Theaterschlaf. Wohl aber darf die Seele sich betten in diesen knapp eineinhalb Stunden - und der Geist darf fallen. Denn wie sagt Friedrich Hölderlin, der diese Inszenierung beflügelt: "Man kann auch in die Höhe fallen, so wie in die Tiefe."

Diese Versunkenheit, sie passt in die gerade aus dem Lockdown erwachende Zeit

"Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" ist diese Uraufführung betitelt - ein Theaterabend, der auf eine Idee des Dramaturgen und Hölderlin-Kenners Carl Hegemann zurückgeht, der bei dieser Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich und der Akademie der Künste Berlin auch als "künstlerischer Berater" fungiert (während die Dramaturgie Malte Ubenauf übernahm). Geplant eigentlich für das Hölderlin-Jahr 2020, als der 250. Geburtstag des unglückseligen Dichters gefeiert wurde, kommt diese theatralische Hommage coronabedingt erst jetzt zum Zuge, passt in ihrer leisen, von der Außenwelt isolierten In-sich-selbst-Versunkenheit aber ganz gut in die gerade aus dem Lockdown erwachende Zeit.

Marthalers Figuren sind Entrückte, von der Welt Abgewandte. Links an der Wand: Josefine Israel, vorne rechts: Samuel Weiss, hinten die Musiker Bendix Dethleffsen und Martin Zeller.

(Foto: Matthias Horn)

Vor allem ist sie, angesiedelt im kellertief gelegenen Hamburger Malersaal, ein schöner, eiländischer Kontrapunkt zum Lärm von "oben", dem aufgeregten Lärm der Welt, der sich ganz konkret auch im Titel des neuen Stücks von Elfriede Jelinek niedergeschlagen hat ("Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!"), das die Intendantin Karin Beier eine Etage höher im Schauspielhaus sehr aufwendig uraufgeführt hat (SZ-Kritik). Während man sich nun hier unten, zwischen grauen Sichtbetonwänden, wie in einem Bunker fühlt, einem Kunstschutzbunker. Irgendwie in Sicherheit. Auch in Geborgenheit (der Dichtkunst, der Musik, der Zärtlichkeit). Der Kontrast könnte größer kaum sein. Obwohl auch hier unten einiges kaputtgegangen ist, man sieht es gleich, noch bevor an diesem Abend ein Stuhl nach dem anderen in die Brüche geht: Links hinten im Eck, wo Martin Zeller das Cello streicht, liegt ein ganzer Verhau an zerbrochenem Mobiliar und alten Geigen, ein Haufen Holz wie eine Schutthalde.

Eine heile Welt ist es nicht. Trotzdem ist es ein Trost, hier unten zu sein, bei diesen Ungeselligen, Leisetretern, In-sich-Gekehrten, diesen Verdrucksten und Verträumten. Wie schön, dass es sie (überhaupt noch) gibt! Wie übriggeblieben stehen sie verteilt im Raum, ordentlich gescheitelt und geföhnt, die Männer in abenteuerlich gemusterten Hemden, die zwei Frauen (Josefine Israel, Sasha Rau) im fuchsbraunen Pseudochic aus Sara Kittelmanns Klamottenkiste.

"Wo wollen wir bleiben?": Hier wird die Hölderlin-B-Seite gespielt

Die Tubakoffer, die ein jeder vor sich auf dem Boden hat, sehen wie seltsame schwarze Schalentiere aus. Es gehört zu den Ritualen der Sorglosschlafenden und Frischaufgeblühten, sich hinzusetzen auf einen der altmodischen Holzstühle, die sie gelegentlich durch den Raum schleifen, und dann in ihre auf dem Schoß aufgeklappten Instrumentenkoffer hinein zu lauschen, sich hinein zu vertiefen wie andere in ihre Laptops. Was sie dort vernehmen, sind Verse, Hölderlin-Sätze. Sie holen und sprechen sie wie aus der Versenkung geborgene Schätze: "Du gehst in Flammen unter." "Wo wollen wir bleiben?"

Der Hölderlin, der an diesem Abend in kurzen Weisen aufscheint, ist nicht der pathetisch leidende Dichter mit der Lyra, nicht der elegisch idealische Oden- und Hymnen-Sänger, sondern einer, der sich auch mit ganz profanen Lebensdingen und Anstrengungen herumschlägt, der Hölderlin von der "B-Seite des Lebens", wie Hegemann es im Programmheft formuliert. So scheitert etwa der herrlich klägliche Lars Rudolph in seinem altmodischen Pullunder permanent daran, mit den anderen in Sozialkontakt zu treten: "Freund, ich kenn' mich nicht, ich kenne nimmer die Menschen."

Und der vor Zorn schon mal puterrot anlaufende Samuel Weiss fällt nach einem kräftigen Schluck aus einer Flasche Desinfektionsmittel Knall auf Fall um. Was ihn nicht daran hindert, wenig später mit Hölderlins Worten über "Identität" nachzugrübeln, darüber, was es bedeutet, "Ich" zu sagen. Er sitzt dabei mit dem Gesicht zur Wand an einem abgeranzten Tisch, der alsbald unter der Gedankenlast zusammenbricht. Wie zuvor auch schon sein Stehpult. Das sind keine grellen Slapstick-Nummern, im Gegenteil, die Komik liegt gerade im Verhuschten, in der Art, wie den Sonderlingen auf der Bühne solche Malheure peinlich sind. Denn eigentlich sind sie ja penible Sorgfaltskrämer.

"Da wo die Nüchternheit dich verlässt, da ist die Grenze deiner Begeisterung"

Schön, wie sie nach gewissen Betriebsamkeiten wieder in sich versinken. Wie sie summen, horchen oder Schuberts "An die Musik" singen: "Du holde Kunst!" Wie Entrückte, der Welt Abgewandte pressen sie immer wieder ihre Gesichter an die Wand. Überhaupt drängt es sie an den Rand, nicht ins Zentrum. Der Bühnenbildner Duri Bischoff hat zwei überdimensionale Vogelfutterspender und einen Giga-Wetzstein an die Wand gehängt. Womöglich als Anspielung auf Hölderlins "Vogel der Nacht", aber vielleicht auch zu Ehren der Unglücksraben und komischen Käuze des Marthaler-Theaters. Sind ja doch sehr schräge Vögel. Einmal stehen sie wie zur Kommunion an, und jeder kriegt, nachdem er einen Hölderlin-Satz aufgesagt hat, eine Geige. "Da wo die Nüchternheit dich verlässt, da ist die Grenze deiner Begeisterung", lautet die Dankesformel, es ist der meist zitierte Satz des Abends, gewissermaßen der Höhepunkt der Euphorie.

Der schon mal wegnickende Martin Zeller (Streichinstrumente) und der wunderbar stoische Bendix Dethleffsen am Klavier spielen Bach und Beethoven, Schumann, Rachmaninow und Weber, ganz zart, ganz rein, wie für sich selbst, als hätten und bräuchten sie kein Publikum. Was natürlich nicht stimmt, ist es doch gerade der gemeinsame Atem, der dieses Zusammensein im Hölderlin-Bunker so kostbar macht. Wenn die leuchtend innige Josefine Israel einmal sagt "Du bist ganz in deiner Schönheit", dann gilt das auch für diesen Theaterabend. Dessen einzige Schwäche liegt womöglich gerade in seiner ungetrübten Behaglichkeit.

© SZ/jsl
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