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Popkolumne:Musik für geschlossene Gesellschaften

Shirin David

Deluxe-Proll-Rap-Retterin: Shirin David.

(Foto: Universal Music)

Neues von Hobo Johnson, Fehler Kuti, "Illuminati Hotties" und Shirin David sowie die Antwort auf die Frage, welche Musik unerträglich ist, im richtigen Moment aber auch lebensrettend wirken kann.

Von Jens-Christian Rabe

"I made a million bucks / But then I had to spend it all on therapy / I learned the deadly lesson / That money doesn't help my depression". Viel Geld verdient, dann alles für Therapie ausgeben und die tödliche Lektion gelernt, dass Geld nicht gegen Depressionen hilft - den selbstironisch-verzweifelten weißen Slacker-Rapper gibt der 1994 geborene Frank Lopes jr. alias Hobo Johnson auch auf seinem dritten Album "The Revenge Of Hobo Johnson" wieder sehr gut. Vor zwei Jahren gelang ihm mit "Subaru Crosstrek XV" eine kleine Anti-Protz-Hymne für die Ewigkeit. Die neuen Lo-Fi-Spoken-Word-Balladen wie "I Want You Back" oder "You Want A Baby" sind Musik für die bittersüße Bürgersöhnchen-Alltagsschwermut. Mit anderen Worten: mitunter unerträglich, im richtigen Moment aber durchaus auch mal lebensrettend.

Musiker, Songwriter, Sänger, DJ, Performance-Künstler, Kurator und Kulturanthropologe - es gibt gar nicht so viel, was Julian Warner nicht ist. Und als Fehler Kuti hat der Münchner jetzt auch noch ein sehr besonderes neues Album gemacht: "Professional People". Die Platte erscheint auf dem Label Alien Transistor von Notwist-Kopf Markus Acher, der "International People" auch produzierte. Unter den Fittichen des deutschen Indie-Pop-Hochadels ist entsprechend feinster eklektisch-droniger Indiepop zu hören, der so gar nichts käsig Teutonisches hat. Mal ist's elektronischer, dann wieder zackig post-punkig oder krautrockhaft treibend-verklöppelt, immer mit gutem Schwung nach vorn. Aber der gekonnte Anschluss an die wenigen unpeinlichen, international einflussreichen deutschen Pop-Impulse ist nur die eine Seite dieses Projekts. Denn außerdem kommt auch der clevere politische Konzeptkünstler und Kulturwissenschaftler Warner ins Spiel, der seinen Songs Titel gibt wie "The Price Of Teilhabe" oder "In Every City, In Every Aldi The Blood Of My Brothers And Sisters Taints Your Spargel" oder "Mjunikcentral Is A Dangerous Place, We Need More Guns To Keep You Safe" oder auch einfach bloß "Wohlfahrt". Warner möchte seine Platte allerdings explizit, man darf da seinen begleitenden kleinen Essay getrost als Teil des Werks lesen, nicht als eine verstanden wissen, die man als brave neue Progressive gerne bei der nächsten "hippen postpandemischen Privatparty" hört: "This will not go down well with your woke friends." Fehler Kuti will nicht von Identitäten und Dekolonisierung singen, sondern von der endemischen Deklassierung in unserer Gesellschaft: "This is music for gated communities." Musik für geschlossene Gesellschaften wie unsere. Als Erinnerung an die Abgründe. Das ist natürlich ganz schön viel auf einmal. Aber mit Betonung auf schön. Wären alle so schlau und inspiriert wie Warner, wäre der verfahrene Streit um mehr gesellschaftliche Teilhabe und weniger Diskriminierung von Minderheiten, die unter dem unseligen Titel "Identitätspolitik" geführt wird, schon viel weiter - und wir könnten auch noch dazu tanzen!

Apropos lustige Nebensächlichkeiten: Den Bandnamen der Woche hat natürlich die hinreißende amerikanische Indie-Schrammel-Punkpop-Band Illuminati Hotties um Sängerin, Songwriterin und Produzentin Sarah Tudzin. Die neue Illuminati-Hotties-Single "Pool Hopping" ist im Übrigen auch ein feiner erster Sommerhit. Der Preis für den Songtitel der Woche geht allerdings an die Indie-Folk-Band Mountain Goats für "The Slow Parts On Death Metal Albums".

Und was ist in den Charts so los? Da muss etwas ausgeholt werden: Gegen den deutschen Gangsta-Rap-Star Samra steht ein Vergewaltigungsvorwurf im Raum. Der Künstler weist die Vorwürfe zurück, räumt aber ein, gegenüber der Frau, die die Vorwürfe erhebt, womöglich "kein Gentleman" gewesen zu sein. Die in Songs und Habitus notorisch übelste Frauenverachtung zelebrierende Szene ist in Aufruhr. Diverse männliche Multiplikatoren und Freunde des Beschuldigten betreiben auf Youtube erwartungsgemäß heftiges Slut-Shaming und Victim-Blaming. Tenor: Die Frau ist eine verrückte Lügnerin und in der Vergangenheit ohnehin durch befremdliche Freizügigkeit aufgefallen. Mit anderen Worten: Alles läuft irritierend genau nach dem traurigen alten Muster, das immer dann zu erkennen ist, wenn es eine Frau wagt, öffentlich Missbrauchsvorwürfe zu erheben. Was für eine bittersüße Pointe, dass gleichzeitig der deutsche Rap-Superstar Shirin David in den Single-Charts noch immer mit "Ich darf das" weit oben steht, einem zornigen Song aus ihrem im März erschienen Album gegen das Slut-Shaming: "Stelle keine Frauen in' Schatten, damit ich schein' (nein)". Als Shirin David sich jetzt in der Diskussion auf die Seite der Klägerin stellte, bewahrte sie freilich - wie zum Beweis der Dringlichkeit des Problems - ihr Ruhm nicht vor, genau: Slut-Shaming und Blaming.

© SZ
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