Hitler-Verehrung in China Der eine Mensch

Hauptsache die Katze fängt Mäuse: Warum in China trendbewusste Jugendliche Hakenkreuze tragen sollen und Hitler und andere europäische Diktatoren heimlich angehimmelt werden.

Von Franziska Brüning

In China ist Adolf Hitler ein großer Mann. Eindeutig größer als er ist nur einer, ein von chinesischen Nietzsche-Interpretationen geprägter Übermensch, Schutzpatron und Halbgott - Mao Zedong. Hitler muss dagegen seinen Platz je nach Vorliebe der chinesischen Bewunderer mit Napoleon, Stalin, Mussolini oder Cäsar teilen. Manchmal kommt ihm selbst Bill Gates in die Quere.

Asiatisch anmutende Frisur: Hitler als Transvestit, so gesehen von Künstler Marcel Steger auf der Berlin Buenos Aires Art X Change 2007.

(Foto: Foto: dpa)

"Aus marxistischer Perspektive ist Hitler natürlich schlecht, trotzdem existiert in der chinesischen Gesellschaft eine unterschwellige Bewunderung für Hitler, der aus ihrer Sicht nur dummerweise den Krieg verloren hat", sagt Michael Lackner, Professor für Sinologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Unter Neureichen gibt es eine regelrechte Sammelleidenschaft für nationalsozialistische Orden, Uniformen, Fahnen und andere bizarre Souvenirs aus dem Dritten Reich. Im Sommer 2006 hat die Beijing Times den schwunghaften Handel mit faschistischem Propagandamaterial des chinesischen Internetauktionshauses Taobao öffentlich gemacht und damit immerhin eine Debatte ausgelöst.

Zu Lebzeiten gescheitert?

Die Begeisterung für Übermenschen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Rezeption des Genie-Begriffs und des Konzepts "große Männer" begonnen hat, erschüttert jedoch keine Kritik. Selbst in der Modewelt gilt diktatorische Größe als schick. 2003 brachte der chinesische Bekleidungshersteller Izzue in Hongkong eine mit SS-Abzeichen und Hakenkreuzen bedruckte Sommerkollektion für trendbewusste Jugendliche heraus. Erst auf die Proteste israelischer und deutscher Diplomaten hin nahmen die Izzue-Filialen die zu Dekorationszwecken gehissten Reichskriegsflaggen aus ihren Schaufenstern und zogen die Kollektion unter Protest zurück.

Die chinesische Journalistin Wang Zhe glaubt, dass die Landbevölkerung Mao, die 30- bis 40-jährigen Stadtbewohner bedeutende Feldherren wie Napoleon und die junge Generation der bis 30-Jährigen Idole aus der asiatischen Pop- und Fernsehwelt anhimmeln. "Die Leute aus der Stadt haben vom Kapitalismus profitiert, während die auf dem Land arm geblieben sind. Nun möchten die Gewinner noch weiter kommen und nicht nur China, sondern die ganze Welt erobern. Das Mittel dazu ist Krieg - kein militärischer, aber ein Handelskrieg", erklärt sie ganz ohne Ironie.

Auf der Suche nach Vorbildern, gilt "jeder, der es geschafft hat, sein Land groß zu machen, als großer Mann", ist auch der Sinologe Lackner überzeugt. Dabei rücken die ideologische Ausrichtung oder die begangenen Verbrechen der jeweiligen Leitfiguren in den Hintergrund, ganz im beunruhigend pragmatischen Sinne des ehemaligen Generalsekretärs Deng Xiaoping: "Es ist ganz egal, welche Farbe eine Katze hat, Hauptsache sie fängt Mäuse".

Wichtig für das Ausmaß der Verehrung eines Idols ist nur, ob es noch zu Lebzeiten gescheitert ist oder nicht. Hitler oder Napoleon können Mao Zedong nicht das Wasser reichen, weil die Eroberungsphantasien des einen von den Alliierten zunichte gemacht wurden und die des anderen im russischen Schnee steckengeblieben sind. Der Mythos Stalin trägt schwer am historisch belasteten russisch-chinesischen Verhältnis und Mussolini und Julius Cäsar bleiben als Vorbilder nur einer gebildeten Schicht vorbehalten.

Das Wissen über europäische Geschichte ist ähnlich begrenzt wie hiesige Kenntnisse über China. Bill Gates, der seinen Ruhm durch seine wirtschaftliche Eroberung der Welt erworben hat, schlägt nur die junge Generation in seinen Bann. Wirtschaftliche Macht ist in China politische Macht.

Egozentrische Tendenzen

Der französische Historiker David Bartel fragt sich, inwieweit der Wunsch nach individueller Besonderheit innerhalb der ethnischen und familiären Uniformität - 93 Prozent der Bevölkerung sind Han-Chinesen - die Verehrung von Figuren nährt, die aus eigener Kraft in einer Gesellschaft emporgestiegen sind. Zweifellos fördert die Ein-Kind-Politik egozentrische Tendenzen.

Noch entscheidender ist aber die Verquickung des einst massiv bekämpften Konfuzianismus mit einer von der Regierung gesteuerten Erinnerungspolitik, die ausschließlich auf das chinesische kulturelle Erbe ausgerichtet worden ist, das im kollektiven Gedächtnis durch die Kulturrevolution zunächst brutal ausgelöscht wurde. Wo die kommunistische Ideologie nicht mehr trägt, greift nun ein staatlich geförderter Nationalismus.

Ehemalige Todfeinde wie Mao Zedong und Chiang Kai-shek werden zwecks einer auf den Ruhm der chinesischen Nation ausgerichteten Rekonstruktion einer fünftausendjährigen glanzvollen Landesgeschichte friedlich nebeneinander gestellt. Geschichtssendungen haben Hochkonjunktur, Biographien großer Männer füllen die Verlagskassen, historische Themenparks sprießen wie Pilze aus dem Boden und Reisebüros bieten Reisen auf den Spuren des "Langen Marsches" an.

Maos Popularität hat einen Kultstatus mit religiösem Ausmaß erreicht. Auf dem Land stehen Statuen von ihm im häuslichen Herrgottswinkel, Touristen pilgern zu seinem Geburtshaus in Shaoshan oder besuchen die jährlich anlässlich seines Geburtstages am 26. Dezember stattfindenden Prozessionen.

Die Stadtbewohner, die gerne in Restaurants Maos Lieblingsgerichte verspeisen, sehnen sich weniger nach einem Beschützer als nach einem Führer, der dem letzten Kolonialstaat der heutigen Welt - Beispiel Tibet - einen Platz an der Sonne verschafft.

"Alles soll unter der Fahne der Han vereinigt werden, Besonderheiten von Minderheiten werden nach und nach ausgelöscht", berichtet Abel Ségrétin, französischer China-Korrespondent der Libération. "Die offizielle Politik ist pazifistisch, aber es kommt vor, dass die Leute, sobald sie etwas getrunken haben, von der chinesischen Überlegenheit schwärmen, besonders gegenüber ihren japanischen Todfeinden und den USA."

Auf der Suche nach alter Größe erinnert sich das kommunistische China an seine eigene Tradition großer Männer, an seine Kaiser, die einst als Himmelssöhne und "der eine Mensch" galten. Was die Politik nicht schaffte, soll durch eine enthistorisierte Kultur erreicht werden. Die Sehnsucht nach Selbstbestätigung und Größe, die sich nicht mehr nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern auch im kulturellen und historischen Vergleich mit dem Westen misst, ist zur regelrechten Sucht geworden. "China will zunächst einmal seine alte Einflusssphäre wiederherstellen", sagt Michael Lackner. Die großen Männer machten dort aber nicht halt.