Hitler und die Reichshauptstadt "Er hasst Berlin und liebt München"

Warum Hitler in Berlin mit falschem Bart aufkreuzte und lieber so lange wie möglich in der Hauptstadt der Bewegung blieb. Ein neues Buch von Thomas Friedrich gibt begrenzte Auskunft.

Von Bert Hoppe

Wo Hitler seine letzten Tage verbrachte, darüber informiert schon seit einiger Zeit eine liebevoll gestaltete Schautafel, die am historischen Ort des "Führerbunkers" neben einem Parkplatz nahe dem Holocaustdenkmal aufgestellt wurde. Dank der Recherchen von Thomas Friedrich wissen wir nun auch, wo Hitler seine ersten Tage in Berlin verbrachte: in der Schonenschen Straße 15, im dritten Stock eines Mietshauses, gelegen an der Bezirksgrenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg. Dort kam er im Oktober 1917 bei der Familie eines Regimentskameraden unter und nutzte seinen ersten Fronturlaub, um die Museen zu besuchen. "Die Stadt ist großartig", begeisterte er sich auf einer Postkarte an einen Freund. "So richtig eine Weltstadt."

(Foto: Muzej Revolucije Narodnosti Jugoslavije)

Mit dieser grundstürzenden Information ist allerdings im Wesentlichen schon alles gesagt, was sich aus dem Buch des Berliner Stadthistorikers an neuen Erkenntnissen über das Verhältnis Hitlers zur deutschen Hauptstadt gewinnen lässt. Dass Friedrich so grandios scheiterte, ist in erster Linie seinem Anspruch geschuldet, eine neue Sicht auf Hitler und Berlin vermitteln zu wollen und sich dabei ausgerechnet auf die Jahre vor 1933 zu konzentrieren, in denen sich dieser vor allem in München aufgehalten hat.

Zwar ist es recht interessant nachzuverfolgen, wie Hitler 1920 als Juniorpartner des antisemitischen Publizisten Dietrich Eckart erstmals nach Berlin fliegt und in den rechtsextremen Salons als Hoffnungsträger der süddeutschen völkischen Bewegung herumgereicht wird - der Freicorpsführer Wilhelm Pabst zeigte sich wenig beeindruckt und stellte fest, man könne ihn wegen seines österreichischen Dialektes in Preußen nicht als Redner einsetzen -, aber Friedrichs Fixierung auf den "Führer" führt bald auf ein totes Gleis, da Hitlers Beziehung zu Berlin bis 1933 doch recht lose bleibt.

Während Joseph Goebbels 1926 vorgeschickt wird, um als Gauleiter die "Eroberung" Berlins zu organisieren, kann sich Hitler selbst bis zum Einzug in die Reichskanzlei nicht einmal dazu entschließen, eine Zweitwohnung in der deutschen Hauptstadt zu nehmen - bis zum 30. Januar 1933 wird er während seiner Berlin-Aufenthalte in Hotels absteigen. Goebbels moniert immer wieder die mangelnde Präsenz des "Chefs" in der Hauptstadt, bekniet Hitler, häufiger zu kommen und klagt in seinem Tagebuch: "Er hasst Berlin und liebt München. Es ist ein Kreuz."

Über Hitlers Verhältnis zu Berlin als Großstadt erfahren wir über diesen Seufzer des späteren Reichspropagandaministers hinaus in Friedrichs Buch nur das, was Hitler selbst in seinen veröffentlichten Reden und in "Mein Kampf" geschrieben hat - und da beschwert er sich hauptsächlich darüber, dass das Stadtbild der eigentlich recht ansehnlichen Preußenmetropole mittlerweile von jüdischen Kaufhäusern dominiert werde. Andere spannende Fragen jedoch, die über Hitlers Einstellung zur Moderne Auskunft geben - etwa wie Hitler zu typischen Großstadtvergnügungen stand - streift Friedrich allenfalls kurz: Zu Hitlers Besuchen im Berliner Lunapark wird beispielsweise nur der Bericht eines Fotografen zitiert, der dort 1923 beinahe vom NSDAP-Chef verprügelt worden wäre, als er ihn ablichten wollte. Hitler lief damals im sozialdemokratisch dominierten Preußen zuweilen noch mit einem falschen Bart herum, um nicht von der Polizei erkannt zu werden und legte vorerst wenig Wert auf Publicity.

Dass die enggefasste Hitler-und-Berlin-Thematik nicht reichen würde, um 600 Seiten zu füllen, muss Thomas Friedrich auch aufgefallen sein und so hat er sich im mittleren Teil seines Buches entschlossen, gewissermaßen einen Schritt zurückzutreten und den Blick auf die Entwicklung der Berliner Nationalsozialisten insgesamt zu werfen. Diese rekrutierten sich anfangs vor allem aus der Szene der Freicorps und der sich ständig neuformierenden Geheimbünde; ehemalige Freicorps-Soldaten wie Kurt Daluege, Rudolf Höß und Martin Bormann waren es auch, die die hauptstädtische SA aufbauten, die dann zum Rückgrat der NSDAP in Berlin wurde.

Anweisungen an Prügelnde

Am stärksten ist das Buch dort, wo es beschreibt, wie der Nationalsozialismus in Berlin mit einem gewaltgetränkten Antisemitismus in die Öffentlichkeit drängte: Der berüchtigte "Kudamm-Pogrom" vom 12. September 1931, bei dem der Berliner SA-Chef Graf von Helldorf im offenen Wagen über den Boulevard rollte und an die prügelnden Gefolgsleute Anweisungen ausgab, war der spektakuläre Höhepunkt einer langen Reihe dezidiert antisemitischer "Propagandamärsche" und Ausschreitungen, die sich immer wieder gegen das "vornehme Judenghetto" an der Gedächtniskirche mit seinen literarischen Treffpunkten und Modehäusern richteten. Offensichtlich trafen die Nationalsozialisten mit der "Aktion" vom September 1931 den richtigen Nerv, denn bis Ende November des gleichen Jahres schnellte die Mitgliederzahl der Berliner SA von 3500 auf 9900 in die Höhe.

Das liest sich recht flüssig, wirklich neu ist es allerdings nicht. Auf die "gründliche Auswertung unbekannter oder kaum genutzter Quellen", die der Klappentext vollmundig ankündigt, wartet man jedenfalls bis zum Schluss vergebens - ein Blick in den Anmerkungsapparat zeigt denn auch, dass sich Friedrich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ausschließlich auf gedruckte Quellen und Sekundärliteratur stützt. Nun lassen sich zwar auch in einer Synthese verstreuter Einzelstudien neue Gedanken formulieren, diesen Luxus versagt sich der Autor jedoch - insbesondere in den letzten Kapiteln, in denen Hitler wieder in das Zentrum der Darstellung rückt, die "missbrauchte Hauptstadt" hingegen nurmehr eine Statistenrolle einnimmt und lediglich die Hintergrundfolie für die Verhandlungen des NSDAP-Chefs mit Papen, Schleicher und Hindenburg bildet. Anstatt einer dichten Beschreibung des politischen Berlins erwartet den Leser hier eine Berichterstattung im Stile von Nachrichtenagenturen: Fast scheint es so, als habe die Welt 1932/33 nur noch aus Hitler-Reden, Goebbelstagebüchern und den Leitartikeln von Theodor Wolff im Berliner Tageblatt bestanden. Das große Buch zum Nationalsozialismus in Berlin wartet noch darauf, geschrieben zu werden.

Thomas Friedrich: Die missbrauchte Hauptstadt. Hitler und Berlin. Propyläen Verlag, Berlin 2007, 623 S., 26 Euro.