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Hitler-Tagebücher:"Fälschung hat etwas Magisches"

25 Jahre nach dem Hitler-Tagebücher-Prozess: Kujau-Verteidiger Kurt Groenewold über den Stern und mediale Prozessführung.

Als am 21. August 1984 in Hamburg das Gerichtsverfahren gegen Hitler-Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau und Stern-Reporter Gerd Heidemann begann, war der Prozess über die Presse bereits gelaufen: Verteidiger Kurt Groenewold hatte Kujau als einen Schalk aufgebaut, der den in Hamburg ansässigen Verlag Gruner+Jahr mit scheinbar simplen Mitteln an der Nase herumführte. Weite Teile der Öffentlichkeit sympathisierten mit der Hauptfigur des größten deutschen Presseskandals in der Nachkriegsgeschichte. Die Richter verurteilte Kujau zu vier Jahren und sechs Monaten Haft. Heidemann, der die Bücher für den Stern besorgt hatte, bekam zwei Monate mehr. "Erreichen wollte ich", sagt der heute 71-jährige Groenewold, "dass Kujau nicht als allein verantwortlicher Bösewicht gezeigt wird."

Vor 25 Jahren: Konrad Kujau (li.) und Kurt Groenewold vor der Urteilsverkündung im Prozess um die gefälschten Hitler-Tagebücher.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Groenewold, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als der Stern im April 1983 informierte, Hitlers Tagebücher zu besitzen und zu veröffentlichen?

Kurt Groenewold: Als der damalige Chefredakteur Peter Koch verkündete, die Geschichte müsse umgeschrieben werden, hatte ich sofort Zweifel. Es war ein höchst kontroverser Fall, in den ich dann als Anwalt von Konrad Kujau Licht bringen wollte.

SZ: Sie haben dem später langjährigen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, der damals beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) tätig war, ein Interview mit Kujau im Gefängnis verschafft, damit der sich als verquerer, lustiger Typ darstellen konnte. Wie kam es dazu?

Groenewold: Die Verteidigung von Kujau beruhte darauf, an die Verantwortung der Presse zu appellieren. Kujau hat seine clowneske Show abgezogen, dass er das auch über die Medien tat, schadete nicht. Er hatte wohl rechtsradikale Ideen, war aber, glaube ich, nicht in einer rechtsradikalen Organisation. Er lebte davon, Hitlerbilder nachzumalen.

SZ: Kujau wurde infolge seiner medialen Selbstdarstellung bejubelt. Er war plötzlich sympathisch. Das wollten Sie erreichen?

Groenewold: Fälschung hat etwas Magisches, gerade, wenn es dann gelingt, einen so großen Fisch wie den Stern zu foppen. Journalisten haben sich damals am Rande des Prozesses von Kujau Hitler-Autogramme geben lassen. Erreichen wollte ich, dass Kujau nicht als allein verantwortlicher Bösewicht gezeigt wird, sondern, dass klar wird: Wer getäuscht werden will, wird nicht betrogen.

SZ: Wäre Kujau vorverurteilt worden, hätten Sie nicht über die Öffentlichkeit gegengesteuert?

Groenewold: Die Politik in Hamburg und der Stern hatten Interesse an Einzeltätern. Die Beteiligung des Stern sollte auf Null geschraubt werden, es wäre dem Stern am liebsten gewesen, alles auf Kujau zu schieben. Die damalige Justizsenatorin warnte vor einem Schauprozess. Schauprozess ist ein Begriff aus der stalinistischen Zeit, an einem Schauprozess ist aber immer der Staat beteiligt.

SZ: Sie gehören zu der Minderheit der Anwälte, die die Medien immer sehr aktiv eingebunden haben. Warum?

Groenewold: Seit 1971 war ich regelmäßig in den USA und habe Prozesse beobachtet. Dort ist die Verteidigung vom Staat abgekoppelt, die Verteidiger brauchen die Gesellschaft, also die Öffentlichkeit, um für ihre Position zu werben. Dieses Konzept habe ich übernommen.

SZ: Durch Kujaus folkloristische Außendarstellung hat das Image des Stern gelitten. Wie, glauben Sie, wurde das Magazin dadurch beeinflusst?

Groenewold: Ich denke, dass dem Stern durch den öffentlichen Prozess der aufklärerische und linke Glanz abhanden kam. Zumal sich herausstellte, dass die Redaktion es liebte, immer wieder über Nazigrößen zu berichten. Gerade Heidemann hatte einfach Lust daran. Der andere Punkt war, dass ich erreicht habe, dass der verlagsinterne Untersuchungsbericht beschlagnahmt wurde. Die Protokolle der einzelnen Journalisten wurden leider nicht beschlagnahmt.

SZ: Wann genau hat der PR-Prozess vor dem Prozess begonnen?

Groenewold: Die Wochenzeitung Die Zeit hatte ein Dossier ihres Redakteurs Jansen veröffentlicht. Darin wurde der Stern zwar kritisiert, aber die Redaktion in Schutz genommen. Die Zeit hat mir für eine Replik Platz eingeräumt, in der ich auf die Verantwortung der Presse bei Themen der Nazi-Zeit hingewiesen und mein Verteidigungskonzept erläutert habe. Dadurch habe ich verhindert, dass nicht nur über zwei einzelne Personen verhandelt wurde, die für die Fälschung verantwortlich waren, sondern darüber, was der Fall mit der Presse als Institution zu tun hatte.

SZ: Was haben Sie den Verlagsmanagern und der Stern-Spitze konkret vorgeworfen?

Groenewold: Drei Dinge. Zum einen, dass der Stern keine Urheberrechte von Hitler hatte und solche auch nicht geprüft hat. Ich habe den damaligen Gruner+Jahr-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen im Gerichtssaal gefragt, wie er sogar internationalen Verlagen die Geschichte ohne Urheberrechte verkaufen konnte. Schulte-Hillen antwortete: Wir veröffentlichen alles. Zudem hat der Stern weder die geschichtliche Wahrscheinlichkeit geprüft noch den veröffentlichten Inhalt. Die Öffentlichkeit möchte nicht wissen, ob Hitler Bauchschmerzen hatte, sondern, warum er Juden umbrachte und warum er in die Sowjetunion einmarschierte. Der Stern hat Belanglosigkeiten aus den gefälschten Büchern veröffentlicht und alle Zweifler angegriffen und für dumm erklärt.

SZ: Hat die offensive Einbeziehung der Medien ein milderes Urteil für Kujau bewirkt?

Groenewold: Ja, das glaube ich schon. Kein Mensch konnte später sagen, dass Heidemann und Kujau zwei Rechtsradikale gewesen wären, die den kleinen Stern reingelegt hatten, der keine Ahnung hatte, was Rechtsradikalismus ist.

SZ: Inwiefern hat in diesem Prozess Öffentlichkeit zur Wahrheitsfindung beigetragen?

Groenewold: Die Wahrheit besteht immer aus Tatsachen und Deutungen. Der öffentliche Prozess hat natürlich zur Deutung beigetragen. Mir ging es um die Verantwortlichkeit der Presse im Allgemeinen und die besondere Verantwortlichkeit gegenüber privaten Äußerungen Hitlers. Dieser Deutung hat sich der Großteil der Medien angeschlossen.

SZ: Werden Medien heute insgesamt stärker in Strafprozesse eingebunden als 1984?

Groenewold: Insgesamt gewiss, weil das öffentliche Interesse größer geworden ist. Gerade bei Straftaten wie Steuerhinterziehung, bei denen das große Geld und Neid eine Rolle spielen, exponiert sich inzwischen auch die Staatsanwaltschaft sehr schnell. Fälle wie jener von Klaus Zumwinkel oder Mannesmann zeigen das.

© SZ vom 14.08.2009/jeder

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