Hitler-Karikaturen:Ein Witz mit Bart

Ob der polnische Karikaturist Arthur Szyk Hitler als sabbernden Irren oder als Geschlechtskrankheit zeichnete: Seine Waffe im Kampf gegen die Nazis war der Humor.

Tomasz Kurianowicz

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Ausstellung Arthur Szyk

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Ob der polnische Karikaturist Arthur Szyk Hitler als sabbernden Irren oder als Geschlechtskrankheit zeichnete: Für ihn war der Kampf gegen die Nazis eine Herzensangelegenheit. Seine Waffe: Humor.

Während in den 1930er Jahren ganz Deutschland in die Arme einer narkotisierenden Propaganda floh, gingen einige mit den einfachen Mitteln der Kunst gegen das Regime vor. Oder wie in diesem Fall: der Kunst der Komik.

Der Illustrator Arthur Szyk, ein Pole jüdischer Herkunft, war ein Beobachter, der plakativ und eindringlich mit den Mitteln der Karikatur gegen die Verbrechen der Nazis kämpfte - einer Kunstform, die er nach seiner Flucht in die Vereinigten Staaten zu verfeinern verstand.

Bild: Plakat zur Ausstellung "Arthus Szyk: Bilder gegen Nationalsozialismus und Terror" Gestaltung: Dorén + Köster

Text: Tomasz Kurianowicz

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Der nach 1918 unter anderem für das polnische Propagandaministerium arbeitende Illustrator kannte die Gesetze von Manipulations- und Überzeugungsstrategien. Wenn er Hitler auf Zeichnungen als sabbernden Irren dem Gespött aussetzte, dann war es nicht die primitive Belustigung, auf die seine Arbeit abzielte, sondern auf das Sichtbarmachen einer herannahenden, größenwahnsinnigen Bedrohung, deren brutale Gewalt die Menschheit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch nicht einzuschätzen verstand.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt nun erstmalig die Werke eines hierzulande kaum bekannten Karikaturisten, der es nicht verdient hat, in Vergessenheit zu geraten. Schreitet man durch die gut strukturierte und übersichtlich kommentierte Halle des I.-M.-Pei-Baus, kommt der Gedanke auf, dass es sich bei Szyks Arbeiten ebenfalls um Propaganda erster Klasse handelt - freilich um Propaganda für den guten Zweck.

Arthur Szyk: Anti-Christ New York, 1942 Bild: Tokyo: Prof. Rinjiro Sodei

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Seine minutiös gestalteten Werke, die detailverliebt und in einer nahezu barock-feinen Technik schon vor 1939 das Kriegsgeschehen so visionär wie spöttisch kommentieren, brennen sich wie ein flammendes Postulat gegen Menschenfeindlichkeit ins Gedächtnis. Ganz ohne Zweifel: Szyk unterschätzte Hitlers Irrsinn nicht. Auf einem der mit Wasserfarben produzierten Bilder sieht man Hitler siegreich auf einem Thron sitzen, unter dem Thron ein Fell, nur dass es kein Bärenfell ist, sondern der Körper eines ermordeten Juden mit weit klaffendem, leblosem Mund.

Alte und neue Welt, verkörpert durch zwei gebückte, ängstlich herannahende Personen, unterwerfen sich dem deutschen Diktator und zeigen Bereitschaft, ihre Habseligkeiten widerstandslos aufzugeben und sich der Macht zu unterwerfen.

Arthur Szyk: "Lebensraum" London, 1939 Bild: Burlingame, Kalifornien: Irvin Ungar

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Um dieses von Szyk als mögliches Ende titulierte Szenario zu verhindern, zeichnete der Karikaturist mit einem unstillbaren Eifer, der auch die amerikanische Pharma- und Kriegsindustrie nicht unberührt ließ. Auf einem von Szyks hergestellten Werbeplakaten spazieren mit heruntergelassenen Hosen ein kranker Mussolini, ein bleicher Hitler und ein abgemagerter Kaiser Hirohito als Personifikationen von Syphilis durch das Bild, um amerikanische Soldaten vor drohenden Geschlechtskrankheiten zu warnen - und nebenbei für den Pharmakonzern John Wyeth & Brother Inc. zu werben.

Auf allen anderen Bildern, die zumeist in Magazinen und als Cover wie zum Beispiel im Time Magazine erschienen, zeigt sich Hitler als gierige, maßlos agierende Witzfigur, dessen lächerliche Mimik trotz der Hybris beständig bedrohlich bleibt.

Arthur Szyk: Wagner New York, 1942 Bild: San Francisco, Kalifornien: Roger Low

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Vor und während des Krieges zeichnete Arthur Szyk für den Kriegseinsatz der Amerikaner, für die Unterstützung im Kampf gegen die Nazis, für die Rettung seiner jüdischen Kultur. Nach Ende des Krieges engagierte er sich als Zionist für die Errichtung eines jüdischen Staates und für die Gleichberechtigung der Schwarzen, die trotz ihres Einsatzes gegen Hitler in den rassistischen Käfig Amerikas zurückfinden mussten.

Arthur Szyk: "Do Not Forgive Them, Oh Lord, For They Do Know, What They Do!.." New Canaan, 1949 Bild: Burlingame, Kalifornien: Irvin Ungar

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Das Mittel der Karikatur, einer bildhaften Form der Übertreibung, die Arthur Szyk auch kommerziell einzusetzen wusste, diente ihm zeitlebens als scharfsinnige Waffe. Denn - so heißt es auch in Adornos und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" - nur "die Übertreibung ist wahr". Entdeckt man den bitteren Ernst, der sich hinter den Karikaturen Szyks verbirgt, so erweist sich dieser Satz als eine erschreckend richtige Diagnose.

Arthur Szyk Bilder gegen Nationalsozialismus und Terror Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit der Arthur Szyk Society, Burlingame, USA. Bis 4. Januar 2009. Der Katalog umfasst 344 Seiten mit 217 farbigen Abbildungen und kostet 28,- Euro.

Arthur Szyk: Frontispiz, Ink & Blood. A Book of Drawings New York, 1946 Bild: Berlin: Jüdisches Museum Berlin

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