Hitler-Farce auf der Bühne:Klein-Adolf trifft seine Nichte

Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs; Deutsches Theater Berlin

Szene aus "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" am Deutschen Theater Berlin, mit Heiner Bomhard und Božidar Kocevski.

(Foto: Arno Declair)

Rosa von Praunheim am Deutschen Theater Berlin: "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs".

Von Peter Laudenbach

Wenn alte und neue Rechtsradikale für schlechte Stimmung sorgen, kann man ja immer noch Theaterstücke über sie machen. Über Bühnen-Nazis kann man wenigstens lachen, oder bei ihrem Anblick die eigene Ratlosigkeit mit anderen teilen. Wie das komisch und bitter gelingt, hat George Tabori vor Jahren mit seinem Stück "Mein Kampf" vorgemacht, ein Porträt des Möchtegernkünstlers Hitler als junger Mann. Wie es nicht gelingt, führt Rosa von Praunheim jetzt am Deutschen Theater Berlin mit seiner Nazi-Farce "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" vor. Seiner Trash-Revue gelingt das Kunststück, die Plumpheiten der AfD mühelos zu unterbieten, eine echte Leistung.

Rosa von Praunheims Hauptwerk sind seine befreienden Skandale

Dabei ist der Universaldilettant Rosa von Praunheim eigentlich ziemlich gut darin, die schönsten und die schrecklichsten Dinge in eine Art Pop-Kasperletheater zu verwandeln, das keine Tabus kennt, oder nur, um sich über sie lustig zu machen. Seinem ausufernden Filmschaffen (kein Interview, in dem er nicht sein bisheriges Gesamtwerk von immerhin 150 Filmen erwähnt) stellt er, sympathisch unangekränkelt von jeglichen Selbstzweifeln, Gedichte, Gemälde und Gesangskünste zur Seite. Sein Hauptwerk sind seine befreienden Skandale, mit denen er seit seinem ersten großen Film ("Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", 1971) das bundesrepublikanische Bewusstsein durchlüftet. Sein zweites Hauptwerk ist er selbst, das Gesamtkunstwerk Rosa. Und weil das so ist, hat er konsequenterweise sich selbst vor einem Jahr auf offener Bühne eine Liebeserklärung gemacht. Die autobiografische Revue "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" am Deutschen Theater Berlin war ein spätes und hinreißendes Theaterdebüt des 76-Jährigen.

Sein zweiter Theaterversuch behandelt am selben Tatort nicht ganz so liebenswerte Persönlichkeiten. In der kleinen Clownsnummer tritt neben einem dauergeilen, aber unter Hämorrhoiden leidenden Preußenkönig Friedrich der Große ein ebenso schwuler, aber sexuell weitgehend inaktiver Hitler auf (Božidar Kocevski). Praunheim stürzt sich begeistert auf ein Gerücht, das seit Jahren durch die schrilleren Abteilungen der Hitler-Forschung schwirrt: Dem Diktator soll als Knaben eine Ziege einen Hoden und einen Teil des Geschlechtsorgans abgebissen haben. Was ja vielleicht seinen späteren Lebensweg erklären könnte. So in etwa könnte die Ausgangsthese des Abends lauten, wenn er denn so etwas wie eine These hätte. Und nicht nur das aufgekratzte Vergnügen daran, über das mutmaßlich nicht vorhandene Liebesleben des Massenmörders Witzchen zwischen Küchenpsychologie, Fäkalhumor und Sexualkabarett zu machen. Ewas ausgiebiger als unbedingt notwendig schwelgt die Regie in Szenen, in denen sich Klein-Adolf von seiner Nichte mit Körperausscheidungen bedecken lässt: Der Weg zum Massenmord als einzige große Anal-Phase, nun ja. Darstellerisch bewegen sich die beiden Nazi-Animateure Božidar Kocevski und Heiner Bomhard auf Kindergeburtstagshöhe, die szenischen Einfälle sind von rührender Hilflosigkeit.

Das einzige, was diesen überflüssigen Abend retten kann, wäre ein kleiner AfD-Skandal. Mit etwas Glück findet sich ja vielleicht noch ein AfD-Politiker, der sich über die sängerisch dargebotene Übersetzung des Parteinamens ("Arschlöcher für Deutschland") aufregt. Oder über den Bühnenauftritt eines AfD-Spitzenkandidaten mit dem aparten Namen "Vogelschiss", der verspricht, nach der Regierungsübernahme als Erstes ein Hitler-Museum zu eröffnen. Wenn Rosa von Praunheim Pech hat, interessiert sich nicht einmal die AfD für diese Übung in Unterleibshumor. Die Premiere war übrigens der Höhepunkt der Autorentheatertage, mit denen das Deutsche Theater alljährlich demonstriert, was es für Gegenwartsdramatik auf der Höhe der Zeit hält.

© SZ vom 06.10.2020
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