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Historischer Roman:Weltreich der Fremdheit

Vom Geist der Wissenschaft zerschmettert: James Gordon Farrell erzählt im zweiten Teil seiner "Empire Trilogy" farbensatt und ironisch von Briten und Indern des kriegerischen Jahres 1857.

Von Harald Eggebrecht

Es ist heiß in der Festhalle von Kalkutta, "weit über neunzig Grad Fahrenheit", beim letzten Ball in der "kühlen Jahreszeit", den die hübsche Louise Dunstaple nicht versäumen will. Einer ihrer Verehrer, der jüngst aus England eingetroffene George Fleury, ein stark von romantischen Gefühlen durchdrungener junger Mann, kann sich nicht vorstellen, bei solcher Hitze zu tanzen, aber Louise füllt schnell ihre Tanzkarte aus, und für Fleury bleibt nur der "galloppe" übrig: "Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und zog ihn schimmernd, wie mit Olivenöl bestrichen zurück. Auch die Ladies konnten nicht kühl aussehen; noch so viel Reispuder konnte den Glanz ihrer Gesichtszüge nicht mattieren, noch so viel Polsterung konnte feuchte Flecken nicht daran hindern, sich unter ihren Achselhöhlen auszubreiten."

Es ist eine typische Szene aus dem groß- und fremdartigen Roman "Die Belagerung von Krishnapur" von James Gordon Farrell. Und es herrscht jener spezifisch ironische Ton, mit dem sich Farrell von zuerst liebevollen Schilderungen, wie hier der des Balls der britischen Kolonie in Kalkutta 1857, gleichsam abkühlend zu distanzieren weiß. So entsteht ein besonderer Erzählsog, der einen in ein wahrlich fremdes und fremd bleibendes Indien allmählich hinein zieht. Die Kolonialherren versuchen, es sich in, besser auf dieser indischen Welt, die ihnen unheimlich, heidnisch und unverständlich bleibt, so heimisch zu machen, als wären sie doch in Good Old England.

Inder nehmen sie nur als untergeordnete Eingeborene wahr. Manche wie Rayne, der Opiumverwalter, Burlton, der Schatzkammervorsteher, oder Ford, der Eisenbahningenieur, geben ihren Bediensteten gerne diskriminierende Spitznamen nach Ähnlichkeit mit Tieren. Als ein Träger mit einem Glas Champagner für Fleury zurückkehrt, sagt Rayne laut: "Wir nennen diesen Kerl ,Ram' . . . Sein wirklicher Name ist Akbar oder Mohammed oder so was in der Art. Wir nennen ihn Hammel, weil er aussieht wie ein Hammel." Ein anderer Diener, der einen Teller Feingebäck bringt, wird als ,Monkey' eingeführt. "Monkey hob nicht den Blick. Er hatte sehr lange Arme, fürwahr, und eine ziemlich affenartige Erscheinung."

Auf diese Weise bewegen sich die Herren aus Britannien so borniert in diesem gewaltigen Subkontinent, als handle es sich um einen anderen Planeten. Farrell beschreibt dieses Leben als Akt grotesker Verdrängung indischer Wirklichkeiten. Unmerklich, doch zunehmend verfällt man der raffinierten Mischung aus poetischer Beschreibungspräzision und sarkastischer Zuspitzung, auch in der überzeugenden deutschen Übersetzung von Grete Osterwald. Angehängt sind dankenswerterweise außerdem Begriffserläuterungen und historische Informationen.

India. Sepoy Rebellion (1857). English delegation.

Holzschnitt mit einer englischen Gruppe im Sepoy-Aufstand in Indien, 1857.

(Foto: Picture Alliance/Prisma Archiv)

Der "Krishnapur"-Roman, 1973 herausgekommen, ist der Mittelteil aus Farrells Trilogie über die Brüchigkeit und Lächerlichkeit, den Zerfall des britischen Empire. Der erste Roman "Troubles", 1970 erschienen, handelt vom Niedergang eines Grandhotels während des grausamen irischen Unabhängigkeitskriegs 1919-21, der dritte, "Singapore Grip" von 1978, von Singapur und der Eroberung durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg.

"Die Belagerung von Krishnapur" spielt vor dem Hintergrund des in England gern als Meuterei der indischen Sepoy-Soldaten eingestuften Aufstands von 1857, der in Indien aber zu Recht als erster Kampf um die Unabhängigkeit gilt. Der äußere Anlass für die Erhebung entstand durch die Einführung des neuen Enfield-Gewehrs, dessen Patronenhülsen angeblich mit Schweine- und Rinderfett eingeschmiert waren. Dass das Patronenende mit den Zähnen abgerissen werden sollte, war daher für muslimische wie Hindu-Soldaten eine Unerträglichkeit.

Farrell, 1935 in Liverpool geboren und 1979 tragisch beim Angeln von einer Welle erfasst und getötet - wegen einer frühen Polioerkrankung konnte er nicht gut schwimmen -, fühlte sich als Mann zwischen den Welten. Für die Engländer war er ein Ire, für die Iren ein Engländer. Die Mutter stammte aus Irland, der Vater reiste als Buchhalter öfter in den Fernen Osten und nach Indien. 1945 zog die Familie nach Irland, Mitte der Fünfzigerjahre ging Farrell nach Kanada, studierte dann in Oxford, arbeitete danach als Sprachlehrer in Frankreich. Nach dem ersten Buch erhielt er ein zweijähriges Stipendium für New York. 1971 bereiste er Indien: Nach seinen Tagebüchern war er "verwirrt und, ja, ,sprachlos' angesichts der Fremdheit der Menschen und der Landschaft", so Pankaj Mishra in seinem lesenswerten Nachwort. Als Indien tatsächlich unabhängig wurde, war Farrell zwölf Jahre alt und erlebte nun den endgültigen Zerfall des Empire mit.

Fremdheit durchzieht den Roman, der sich orientiert an der Belagerung von Lucknow

Fremdheit durchzieht den ganzen Roman, dessen Handlung sich an der echten Belagerung von Lucknow orientiert. Dort kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen aufständischen Sepoy-Soldaten und den Briten. Und es breiteten sich in der belagerten Stadt, in der sich auch viele Zivilisten aufhielten, bald Hunger, Durst, Cholera und Ruhr aus. Mit letzter Kraft konnte Lucknow schließlich durch die Engländer befreit und die wenigen Überlebenden der Belagerung gerettet werden.

All das schildert Farrell in seinem sich über vier Teile unwiderstehlich steigernden Roman, immer getragen von jener einzigartigen Mixtur aus Präzision und dem, bei aller Eleganz und scheinbarer Sanftheit, fast zynischen Sarkasmus. Etwa, wenn die Verteidiger Kartätschen aus der Kanone abfeuern, die sie vorher mit "Steinen, Klappmessern, Stücken von Blitzableitern, Ketten, Nägeln, dem gepunzten Silberbesteck aus dem Esszimmer" und anderem gestopft haben. "Aber der größere Teil ihrer improvisierten Kartätsche war mit abgeschlagenen Marmorfragmenten von DER GEIST DER WISSENSCHAFT EROBERT UNWISSENHEIT UND VORURTEIL gefüllt."

James Gordon Farrell (1935-1979) schildert in seiner "Empire Trilogy" den Niedergang des britischen Weltreichs. Zeichnung: Falk Nordmann

Dementsprechend erzielt der Schuss so furchtbare wie grausig komische Wirkung, wenn "Der GEIST DER WISSENSCHAFT einem mit grünem Turban den Rücken zerschmettert" hat, "andere niedergestreckt von Teelöffeln, von Fischmessern, von Murmeln" sind, oder einer "mit der in sein Gehirn eingedrungenen silbernen Zuckerzange" erledigt wird. Während wenigstens der Collector von Krishnapur (ein von Farrell erfundener Name) Mr. Hopkins von Beginn an die Anzeichen für die Rebellion ernst nimmt und Befestigungsarbeiten anweist, die von seinen Landsleuten mitleidig belächelt werden, verharren Fleury, Louise und andere aus dem Panoptikum der Amtsträger und Zivilisten in ihren Kolonialvorstellungen: hier sie, die Vertreter der leuchtenden victorianischen Zivilisation, die die Great Exhibition im Londoner Kristallpalast ermöglicht hat; dort diese merkwürdigen, unverständigen, weil weder Aufklärung noch christlicher Mission zugänglichen Eingeborenen eines rätselhaften heißen Landes, das in nichts an England erinnert.

Glücklicherweise versucht Farrell nie, die Perspektive zu ändern, Indien ist fremd. Also gibt es keine pseudoindische Sicht, die Sepoy sind unindividuelle Menge. Selbst Hari, Sohn des Maharadscha von Krishnapur, der die Technik der Daguerreotypie beherrscht, bleibt im Vagen. Farrell beobachtet die Engländer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wie sie sich in ihrem Empire so überlegen fühlten und benahmen. Es ist der entlarvende Blick des Nachgeborenen, der weiß, wie töricht und brutal diese Weltsicht war und wie blutig, dabei burlesk und lächerlich sie zerfiel.

James Gordon Farrell: Die Belagerung von Krishnapur. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Mit einem Nachwort von Pankaj Mishra. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015. 478 Seiten, 24,90 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 01.08.2015
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