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Historischer Roman:Er hat nichts gewusst

Ulla Lenzes Großonkel spionierte für die Nazis. In dem Roman "Der Empfänger" zeichnet sie ihn als eigenschaftslosen Mitläufer.

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Ihr Großonkel spionierte für die Nazis und gab sich nach dem Krieg unschuldig und unwissend. In ihrem Roman aber moralisiert sie nicht, sondern schafft einen Raum, in dem die Figuren lebendig werden können: die Schriftstellerin Ulla Lenze.

(Foto: Julien Menand/Opale/Leemage/laif)

Eine Romanfigur, die mit 1,63 Meter ein ausgesprochen kleiner Mann ist, sollte vielleicht nicht unbedingt Josef Klein heißen. Würde man der Autorin den sprechenden Namen ihres Helden zum Vorwurf machen, würde sie aber wohl antworten: So ist es halt gewesen. Ulla Lenze hat mit "Der Empfänger" einen historischen Roman geschrieben, dessen Personal sich googeln lässt. So ist im Internet sogar ein Foto von diesem Josef Klein zu finden. Er war eines von 33 verurteilten Mitgliedern des sogenannten Duquesne-Spionagerings, der vor und während des Zweiten Weltkriegs in den USA Informationen für Hitler-Deutschland sammelte und Sabotageakte plante.

Josef Klein ist außerdem der Großonkel von Ulla Lenze. Er emigrierte 1924 in die USA, nannte sich dort Joe und schlug sich in New York als Gelegenheitsarbeiter und Hobbyfunker durch. Er war ein Einzelgänger und Abenteurer ohne besondere ideologische Prägungen, dessen technische Leidenschaft fürs Funken ihn jedoch zu einem geeigneten Kandidaten für den deutschen Geheimdienst werden ließ. Eigentlich wollte er zusammen mit seinem Bruder Carl auswandern, dem Großvater von Ulla Lenze, doch der erlitt kurz vor der geplanten Ausreise einen Arbeitsunfall, bei dem er ein Auge verlor, und erhielt deshalb keine Einreisegenehmigung. So blieb Carl als Händler und Lieferant im heimatlichen Neuss, heiratete dort eine wie er immer sagt "tüchtige Frau", mit der er zwei Kinder hat, und wird zu einem wackeren Kleinbürger. Zwei Brüder, zwei divergierende Lebensmöglichkeiten. Die Briefe, die sie sich über all die Entfernung hinweg schrieben, dienten Ulla Lenze nun neben den Erinnerungen ihrer Mutter als Quelle für ihren fünften Roman, der jedoch viel mehr ist als bloß eine Familiengeschichte.

Der zeitliche Rahmen, in den Ulla Lenze mehrere Erzählebenen einbaut, reicht von 1924 bis 1953. In der Vergangenheitsform entwickelt sie die zentrale Spionage-Story, mit der sie ein nur wenig bekanntes Kapitel der NS-Geschichte beleuchtet. Es sind ziemlich dubiose, aber auch dilettantische Gestalten, die Josef Klein 1939 kennenlernt, und denen er als Funker dabei hilft, Daten über den Atlantik nach Europa zu senden, ohne dass er weiß, was er da eigentlich tut. Sie nehmen ihn auch mit zu einer Kundgebung der "Amerikanischen Patrioten" im Madison Square Garden, einer faschistischen Gruppierung, die sich unter der Führerschaft des amerikanischen Nazis Fritz Julius Kuhn auf Hitlers Endsieg und die Weltherrschaft vorbereitete, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass Hitler diesem Kuhn misstraute, weil der sich allzu hemmungslos als dessen kontinentaler Stellvertreter gerierte.

Nachdem Krieg inszeniert er sich als einer, dem Unrecht widerfahren ist

Den deutschen Migranten schlug in dieser Zeit ein generelles Misstrauen entgegen, bis zur Parole "Kauft nicht bei Deutschen!". Alle waren sie verdächtig und in ihrer tumben Sauerkrauthaftigkeit auch ein wenig lächerlich. Das gilt auch für das zögerliche Liebesverhältnis zwischen Josef und der Amateurfunkerin Lauren, die sich zunächst im Äther kennenlernen, bald aber leibhaftig treffen. Lauren ist klar, dass Josef ihr etwas verschweigt, spätestens, nachdem sie zusammen im Kino den Propagandafilm "Confessions Of A Nazi Spy" gesehen haben. Sein Geheimnis und ihr Verdacht führen zu einem gegenseitigen Belauern, in dem zwar Leidenschaft, aber keine wirkliche Liebe entstehen kann. Ob Lauren, die Josef schließlich dazu bringt, sich zu stellen, selbst für das FBI gearbeitet hat, bleibt offen. Doch er hat ihr zu verdanken, dass er schließlich mit sieben Jahren Haft davonkommt.

Für die Haftzeit interessiert Ulla Lenze sich kaum. Erst 1949 wendet sie sich wieder ihren Figuren zu, als Josef, frisch entlassen und sofort aus den USA ausgewiesen, zu seinem Bruder nach Neuss zurückkehrt. Obwohl er wahrlich Zeit genug gehabt hätte, über seine Rolle als Mitläufer und Mittäter nachzudenken, inszeniert er sich dort als einer, dem, wie allen Deutschen, Unrecht widerfahren ist, weil es schon genügt habe, Deutscher zu sein, um interniert zu werden.

Auch die Bedeutung des Spionagerings changiert: Mal möchte Josef glauben, es habe sich tatsächlich um Widerständler gegen Hitler gehandelt, weil sie ihr Scheitern einplanten und dem "Reich" damit schadeten. Mal sieht er sich bloß als nützlichen Idioten, der mit seiner eigentlich harmlosen Funkerei von den wirklichen Aktionen, Sabotageakten und einem Sprengstoffanschlag in einer Munitionsfabrik ablenken sollte. Doch zu solchen Anschlägen war die Gruppe wohl gar nicht in der Lage gewesen; bei der Explosion in einer Munitionsfabrik in New Jersey handelte es sich wohl eher um einen Unfall.

Rechtfertigung für das, was man getan hat oder auch nicht, vergiftet das Verhältnis der beiden Brüder, das Lenze im Präsens und in eindrücklichen Szenen schildert. Zwischen den beiden befindet sich Carls Frau, in die Josef sich ein bisschen verliebt, und der er zu verstehen geben möchte, dass sie ein besseres Leben verdient hätte, als bloß Hausfrau in der Provinz zu sein. Er ist der Welterfahrene, Weitgereiste und spielt diese Karte ohne zu zögern aus.

Der Roman besticht durch die Fülle an historischen Details

Carl wirft Josef weniger dessen fragwürdiges politisches Engagement vor, als die Tatsache, das Land verlassen und deshalb Bombennächte, Zerstörung und Hunger nicht erlebt und geteilt zu haben. Josef hält ihm entgegen, dass es nicht ausreicht, Radio London gehört zu haben, um sich jetzt als Widerständler zu gerieren. So spiegelt sich im Verhältnis der Brüder das generelle Misstrauen zwischen Exilanten und Zuhausegebliebenen, wie es die deutsche Nachkriegsgesellschaft prägte.

Josef kann mit seiner Geschichte nicht mehr heimisch werden im fremd gewordenen Land seiner Herkunft. Deshalb zieht es ihn wieder weg. Mithilfe seiner Verbindungen zu alten Nazis gelangt er nach Buenos Aires und von dort schließlich nach Costa Rica, der dritten, den Roman als Klammer umschließenden Handlungsebene. Wenn er dort am Ende ein Eichhörnchen aus einem Käfig befreit, dann ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass auch er endlich seinen Ort und seinen Frieden gefunden haben mag.

Ulla Lenzes "Der Empfänger" besticht durch die Fülle an historischen Details und durch eine präzise Recherche. Josef Klein fungiert darin als die leere Mitte, als Mann ohne Eigenschaften, ohne Meinung und im Grunde auch ohne Ziel - egal wie weit er auch herumgekommen ist. Seine Kleinheit ist programmatisch. Ob Lenze mit dieser Romanfigur das historische Vorbild getroffen hat, ist schwer zu sagen, spielt aber auch keine Rolle. Vielleicht ist sie auch ein wenig den Familienlegenden auf den Leim gegangen, indem sie den Großonkel als unideologischen, ins Geschehen unwillentlich hineingezogenen Mitläufer schildert. So ganz nimmt man ihm die Unschuld und die Unwissenheit, in die er sich rettete, nicht ab. Die auktoriale, immer ganz dicht an ihrem Helden bleibende Erzählstimme erlaubt es aber nicht, derlei Selbstfiktionalisierungen, wie sie in vielen deutschen Familien nach dem Krieg betrieben wurden, in den Blick zu bekommen. Die Stärke dieses beeindruckenden Romans besteht jedoch gerade darin, dass all diese Fragen anklingen, ohne penetrant erörtert zu werden. Lenze legt sich genauso wenig fest wie ihr Held. Sie erzählt, anstatt zu bewerten und zu moralisieren. So schafft sie den Raum, in dem ihre Figuren lebendig werden können und verwandelt dieses Stück ihrer Familiengeschichte in Literatur.

Ulla Lenze: Der Empfänger. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 302 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 27.03.2020
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