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Historischer Bericht:Morgens Zwiebelsuppe

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp reisen mit jugendlichem Übermut durch die Bretagne.

In dieser hektischen, sich immer rasanter beschleunigenden Zeit verliert man leicht die Bodenhaftung. Auf Reisen sieht und erlebt man dementsprechend nichts mehr, weil man gar nicht mehr lange genug unterwegs ist, als dass man Spannendes erleben könnte. Anders früher, als man noch in Wagen unterwegs gewesen ist, so klagen Gustave Flaubert und Maxime Du Camp, da konnte eine Reise von Paris nach Rouen ein Buch ergeben. "Ich kannte Leute, die in ihrer Jugend drei Tage dafür brauchten: am ersten übernachtete man in Pont-de-l'arche, am zweiten in Meulan, und man schätzte sich glücklich, wenn man am dritten rechtzeitig zum Souper" am Ziel angelangt war.

Die beiden jungen Männer sitzen nun aber in der Eisenbahn, nicht nach Rouen, sondern ins ebenfalls keine 200 Kilometer von Paris entfernte Blois. Gereizt von der sterilen Art des Reisens und gelangweilt von der Geschwätzigkeit zweier Getreidehändler, sodass diese Fahrt, "so kurz sie währte, immer noch zu lange dauerte". Die Klage über die zunehmende Hektik und Beschleunigung des Lebens, man liest es bei Flaubert und Du Camp, ist keine Erfindung der Globalisierung. Sie wird zu jeder Zeit geführt, so auch 1847, als die beiden zu einer Reise in die Bretagne aufbrechen.

Dort selbst sind sie dann jedoch in Wagen unterwegs oder auch zu Fuß - und so konnte schließlich auch aus dieser Tour ein Buch werden: "Über Felder und Strände", ins Deutsche übersetzt von Cornelia Hasting und im Zürcher Dörlemann Verlag erschienen, der sich unter anderem auch um das Werk des Reiseschriftstellers Patrick Leigh Fermor verdient macht mit bibliophilen Ausgaben. Die beiden Freunde, beide Mitte 20, haben den Reisebericht gemeinsam geschrieben, Flaubert die ungeraden und Du Camp die geraden Kapitel. Das Gemaule über Eisenbahnen und die wehmütige Besinnung auf dreitägige Kutschreisen stammt also von Gustave Flaubert. Veröffentlicht haben die beiden ihre jeweiligen Kapitel in den 1850er-Jahren dann allerdings separat.

Literaturbeilage

"Über Felder und Strände" der Bretagne geht es streng chronologisch. Die Gründlichkeit, mit der die beiden Autoren ihre Eindrücke und Erlebnisse festhalten, ist dabei mitunter enervierend. Nichts ist so unbedeutend, als dass Flaubert und Du Camp es ihren Lesern nicht mitteilen würden. Jedes Dorf, jede Begegnung, jeder Ausblick in der freien Natur finden Eingang in den Bericht. Diese Haltung der abgelegenen Region gegenüber streicht die Bedeutsamkeit heraus, die Gustave Flaubert und Maxime Du Camp sich selbst beimessen: Erst indem sie über die Bretagne schreiben, erschaffen sie diesen Landstrich. Und nur in der Detailfülle wird die Allmacht der Autoren als Schöpfer manifest.

Man darf die Exotik der Bretagne in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht unterschätzen. Zum Teil haben Flaubert und Du Camp Schwierigkeiten, sich zu verständigen. Denn es ist zu dieser Zeit nicht selbstverständlich, dass ein Bretone Französisch spricht. Um die gewöhnlichen Bewohner scheren sich die Reisenden jedoch ohnehin nur am Rande. Allenthalben mokieren sie sich über deren hässliche, derbe Gesichter, ihren Stumpfsinn. Und Lorient ist nicht die einzige Stadt, die abgekanzelt wird, in ihrem Fall "als die albernste Stadt auf der Landkarte". Flaubert macht sich aber auch über die Gelehrten lustig, die mehr Dummheiten geschrieben hätten über die Menhire von Carnac, als es Kiesel gibt.

Diese Reise ist eine Befreiung, für Flaubert mehr noch als für Du Camp, aus der Bedrückung des Alltags. Flauberts Vater und Schwester waren im Jahr zuvor gestorben, die Beziehung zu Louise Colet ist kompliziert. So nehmen sich die beiden denn auch viele Freiheiten, nicht zuletzt die des jugendlichen Trotzes. Sehenswürdigkeiten meiden sie aus Prinzip, und Empfehlungen schlagen sie konsequent in den Wind. Aufregend finden sie hingegen abenteuerliche Biografien, und so gibt es immer wieder, wenn sie die Originalschauplätze aufsuchen, Exkurse über Krieger, Rebellen, Freiheitskämpfer und Banditen aus der bretonischen Historie.

Literaturbeilage

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne. Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Dörlemann Verlag, Zürich 2016. 450 Seiten, 35 Euro. E-Book 25,99 Euro.

Gleichzeitig ist da eine Begeisterung für das einfache ländliche Leben, für Zwiebelsuppe zum Frühstück und Omelett am Abend. Dass sie im Vorfeld der Reise erwogen hatten, einen Anzug für Bälle mitzunehmen - längst vergessen. Sie entdecken eine Gegenwart, die in Rouen und erst recht in Paris, wo Flaubert und Du Camp herstammen, längst Vergangenheit ist. Nicht nur die Eisenbahn, auch die zeitgenössische Architektur ist ihnen ein Dorn im Auge.

Letztlich besuchen die zwei Reisenden doch eine ganze Reihe Sehenswürdigkeiten - eben weil diese Vergangenheit in sich tragen. Gustave Flaubert kommt bei der Besichtigung der Klosterruine von Landévennec übrigens ein sehr moderner Gedanke: Als er und Du Camp über eine Mauer steigen, poltern ein paar Steine herab und der Mörtel zerbröckelt zwischen ihren Händen. Irritiert stellt Flaubert fest, dass gerade sie als "einfältige Betrachter" beim Ausleben ihrer Neugier zerstören, was ihnen bewunderns- und bewahrenswert erscheint. Am Ende empfinden Flaubert und Du Camp trotz etlichen Spotts doch so etwas wie Liebe.