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Historische Schlachtfelder:Bürgerkrieg im Vorgarten

In den USA gehört das Nachspielen historischer Schlachten ebenso zum Alltag wie Highways oder Shoppingmalls. In der Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal prallen die beiden Welten aufeinander.

Von Johannes Spengler

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Historische Schlachtfelder:Winchester, Virginia

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

In den USA gehört das Nachspielen historischer Schlachten ebenso zum Alltag, wie Highways oder Shoppingmalls. In der Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal prallen die beiden Welten aufeinander. An den Schauplätzen des Amerikanischen Bürgerkrieges macht er sich auf die Suche, nach der Geschichte der Nation und was davon übrig geblieben ist.

Es gibt Orte, die Geschichten erzählen, weil die Spuren der Vergangenheit dort immer noch sichtbar sind. Und es gibt solche, wie die Kleinstadt Winchester in Virginia: gesichtslos und stumm. Zusammen mit dem Historiker Robert Lee Hodge (auf der Ladefläche des Pick-ups) hat sich der Fotograf Gregg Segal auf die Suche nach den vergessenen Schlachtfeldern des Amerikanischen Bürgerkrieges gemacht. Gefunden hat er vor allem Beton. Seine Fotos zeigen, wie die USA mit ihrer Vergangenheit umgehen.

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Historische Schlachtfelder:Spotsylvania County, Virginia

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Von 1861 bis 1865 entzweite der Amerikanische Bürgerkrieg die Nation. Er gilt als eine der wichtigsten Epochen in der Geschichte des Landes, nicht nur, weil mit dem Sieg der Nord- über die Südstaaten endlich die Sklaverei abgeschafft wurde. Erst durch die Folgen des Krieges ist aus dem losen Staatenbund eine große, zusammengehörige Nation geworden. Erkauft wurde die Einigung mit viel Blut: In den vier Kriegsjahren ließen mehr als 600.000 Soldaten ihr Leben.

Von all dem ist in Spotsylvania County, Virginia, nicht mehr viel zu sehen. Die USA sind ein Land, dass sich mehr mit der Zukunft beschäftigt, als mit der Vergangenheit. Säße nicht der Historiker Hodges in der Uniform eines Soldaten der Südstaaten auf dem Bild im Vordergrund, gäbe es keinen Hinweis darauf, dass an diesem Ort eine der außergewöhnlichsten Gefechte des Krieges stattfand. Dort, wo heute ein anonymes Einkaufszentrum steht, campierten im Winter 1864 rund 40.000 Soldaten der Südstaaten. Aus Langeweile veranstalteten sie riesiege Schneeballschlachten - bis der Generalstab dem Treiben einen Riegel vorschob.

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Historische Schlachtfelder:Gettysburg, Pennsylvania

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Die Stadt Gettysburg wurde zum Ort einer der bekanntesten Schlachtfelder des Bürgerkrieges. Bis heute werden dort "reenactments" aufgehührt, bei denen Hobbydarsteller die historischen Ereignisse nachstellen. Auf den ersten Blick mag das Spektakel seltsam wirken. Worum es dabei eigentlich geht, ist jedoch weniger die Sensation, als eine besondere Form des Erinnerns. Die hat nichts mit symbolischen Zeremoniell oder steinernen Denkmälern zu tun. Die Darsteller versuchen, sich in die Gefühlswelt ihrer Vorfahren einzuleben, indem sie in ihre Kleidung und in ihre Rolle schlüpfen. Möglich ist das aber nur dann, wenn die alten Schlachtfelder noch erhalten sind. Doch selbst in Gettysburg wurden sie teilweise bebaut.

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Historische Schlachtfelder:Nashville, Tennessee

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Viele Schlachtfelder sind der stetigen Urbanisierung des Landes zum Opfer gefallen, so wie hier in Nashville, wo mehrere Highways aufeinandertreffen, die den Norden der USA mit dem Süden verbinden. Die Organisation Civil War Trust, die sich um den Schutz der Schlachtfelder kümmert, geht davon aus, dass bereits 20 Prozent der historischen Landschaften planiert wurden. Sie befürchten, dass mit jedem Meter Beton ein Stück Erinnerung, ein Teil der Identität des Landes verloren geht. Auch der National Park Service hat sich dem Problem angenommen. Seit 1996 hat die staatliche Institution 14 Millionen Dollar ausgegeben, um historische Schlachtfelder zu schützen und in Naturschutzgebiete einzugliedern.

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Historische Schlachtfelder:Perryville, Kentucky, Schlacht am Chaplin River 1862

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Der Krieg wurde entlang der großen Transportrouten ausgefochten, die durch das Land führen. Straßen, Eisenbahnlinien, Kanäle, Flüsse. Das alles ist inzwischen natürlich wesentlich moderner und ausgebauter als in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch in großen Teilen orientiert sich die heutige Infrastruktur der USA immer noch an demselben Schema, das bereits vor 150 Jahren vorhanden war.

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Historische Schlachtfelder:Stafford County, Virginia

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Die moderne Konsumkultur der USA ist laut Gregg Segal einer der wichtigsten Gründe für das Vergessen. "In meinem Beruf reise ich viel und ich komme häufig durch Ortschaften, denen jedes Gefühl für ihre Geschichte verloren gegangen ist", sagt der Fotograf. "Diese Siedlungen bestehen immer aus derselben Anordnung von Supermärkten und Starbucksfilialen. Auf mich wirken sie leer und charakterlos. Ich habe mich gefragt, was dort vorher gewesen ist."

In seinen Bildern stellt Segal eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit der USA wieder her. "Die Fotoserie 'State of the Union' ist eine Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Epochen", erklärt er. "Eine idealisierte Version des Amerikanischen Bürgerkrieges auf der einen Seite, die zeitgenössische Konsumkultur auf der anderen."

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Historische Schlachtfelder:Spring Hill, Tennessee

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Ob man nun aus den Erfahrungen der Geschichte lernen kann oder nicht, sie bleibt ein Teil der nationalen Identität. Gerade im Süden der USA, so wie hier in Spring Hill im Bundesstaat Tennessee, wird die Erinnerung an den Bürgerkrieg gepflegt. Dazu gehört auch die Erhaltung der Schlachtfelder. Sie erinnern daran, wie hoch der Blutzoll war, den der Krieg gekostet hat. Denn nicht überall verliefen die Kämpfe so glimpflich, wie hier in Spring Hill, wo Truppen der Nordstaaten an schlafenden Südstaatlern vorbeigeschlichen sind. Dabei kam es zwar zu kleineren Kämpfen - insgesamt ging Spring Hill aber in die Geschichte ein, als eine der unblutigsten Schlachten des gesamten Krieges.

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Historische Schlachtfelder:Spotsylvania County, Virginia

Fotoserie "State of the Union" von Gregg Segal

Quelle: Gregg Segal

Durch den starken Kontrast zwischen Alt und Neu wirken manche der Fotos erst mal sehr komisch, weil hier unterschiedliche Bezugsysteme miteinander vermischt werden. Wer benutzt denn heute noch eine Karte, wenn er sich verirrt hat, wo es doch längst Navigationssysteme gibt? Dieses Durcheinander wirft die Frage auf, wie wach die eigene Geschichte in der Vorstellung der Amerikaner ist. Die Antwort liefert Segal gleich mit - die Vergangenheit ist immer da und sie spricht zu allen, die sie hören wollen. Sie wird nicht einfach verschwinden. Doch ihr Platz in der Gegenwart wird stetig kleiner.

© Süddeutsche.de/jspe/bavo
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