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Historische Feuilletons:Bohèmienne im Benz

Tempo, Tiere und Talente: Die Feuilletons von Christa Winsloe, die in der Weimarer Republik Theaterstücke und Romane schrieb, sind eine Entdeckung.

"War ich überhaupt ich selbst? Diese junge Dame da in dem Auto? Nein, das musste ich erst werden. Aber ich hatte Vertrauen zu dem großen, sandfarbigen Wagen, der mich davontrug. Er sah aus, als könnte ihm niemals etwas passieren." Der Wagen war ein riesiger Benz, mit dem ein frisch verheiratetes Paar im Frühjahr 1914 nach Paris fuhr, selbstverständlich mit Chauffeur. Die junge Dame war Christa Winsloe, 1888 in Darmstadt geboren, Schriftstellerin, Tierbildhauerin, Bohèmienne und Feuilletonistin, die 1933 eine "Auto-Biography" des Tourenwagens in der amerikanischen Saturday Evening Post veröffentlichte. Da war sie schon längst nicht mehr mit dem ungarischen Baron und Autor Lajos Hatvany verheiratet, sondern reiste mit ihrer Geliebten Dorothy Thompson durch die USA.

Die Geschichte des einstmals hochherrschaftlichen Wagens ist auch Christa Winsloes eigene, nachzulesen in den Feuilletons der Zwanziger- und Dreißigerjahre, die von ihrer Biografin Doris Hermanns herausgegeben wurden, versehen mit Tierzeichnungen und Fotos der Bildhauerin. Sehr offensichtlich hatte diese Frau Humor, führte ein unstetes, reiselustiges Leben und wurde zeitweilig mit dem Roman "Mädchen in Uniform" berühmt. Er beruhte auf einem ihrer Theaterstücke, das 1931 unter diesem Titel verfilmt worden war. Ihr Ende war schrecklich; 1944 wurde sie unter nie ganz geklärten Umständen in Frankreich von Kriminellen erschossen.

Ihre nun wieder aufgelegten Feuilletons rufen eine Autorin ins Gedächtnis, die den luftigen Plauderton ebenso beherrscht wie die messerscharfe Beobachtung; darin ähnelt sie den anderen Feuilletonistinnen und Gesellschaftsromanautorinnen der Weimarer Republik, von Vicki Baum über Gabriele Tergit bis zu Irmgard Keun.

Der Chauffeur will eine kleine rote revolutionäre Flagge

In der "Auto-Biographie" des großen Benz beschreibt Winsloe nicht nur, wie das junge Paar im August 1914 von Paris aus über Süddeutschland zurückfährt nach Budapest; sie hält, gewissermaßen im Vorbeirasen, auch den Wahnsinn der Kriegsbegeisterung fest. In Tübingen etwa bemerkt sie "alte Professoren in vorsintflutlichen Uniformen" vor wehenden Fahnen an Giebelhäusern. Zurück in Ungarn, wird der Wagen im Schuppen versteckt und nach dem Krieg von den Kommunisten konfisziert. Der einstige Chauffeur erklärt den Dienstboten, dass das Haus nun ihnen gehöre. "Ein hübsches Dienstmädchen muss ihm eine kleine rote Flagge nähen und befriedigt befestigt er sie am Wagen." Kurz darauf brennt der von den neuen Zeiten enttäuschte Chauffeur mit dem Benz nach Wien durch, wo ihn die rechtmäßige Besitzerin 1920 wiederfindet.

Nicht nur über ihren Wagen schreibt Winsloe voller Verve; begeistert berichtet sie 1926 von einem Flug mit dem Kunstflieger Ernst Udet, huldigt dem American Way of Life und beobachtet Meerschweinchen, Möpse oder Singsperber, manchmal ein bisschen zu red- und tierselig. Zu Inflationszeiten zeichnet sie Tiere im Zoo, zum Beispiel die Fransenschildkröte Mata-Mata: "ein grünlich glitschiger Hügel, an dem vier verwurstelte Stricke schlapp und schlenkernd herabhingen". Nachmittags geht sie in die Staatsbibliothek und paust die renitente Kröte aus Brehm's Tierleben ab. Perfekt beherrscht die versiert ironische Ex-Baronesse den Spottsound der Weimarer Republik. Wie gut, dass man sie jetzt auch in dieser Rolle wiederentdecken kann.

Christa Winsloe: Auto-Biographie und andere Feuilletons. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Doris Hermanns. Aviva Verlag, Berlin 2016. 270 Seiten, 19,90 Euro.