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Historiker Timothy Garton Ash:"Wir haben es mit privaten Supermächten zu tun"

Timothy Garton Ash bei der Buchmesse Frankfurt 2016

Timothy Garton Ash: "Plötzlich und unerwartet ist das größte Land der Welt entstanden. Facebook. Es hat 1,7 Milliarden Benutzer und ist damit größer als China."

(Foto: imago/Hoffmann)

Wie gehen wir mit sozialen Medien um, in denen Hassreden blühen? Differenzen darf man offen ansprechen, sagt Timothy Garton Ash. Aber bitte höflich.

Der Historiker und Publizist Timothy Garton Ash - Dienstsitze nach eigenen Angaben: Oxford, Stanford und Flugzeuge - hat in den vergangenen Jahren die Kommunikation im Social-Media-Zeitalter erforscht. Das Ergebnis ist das Buch "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt", erschienen im Hanser-Verlag. Ein Gespräch am SZ-Stand auf der Frankfurter Buchmesse.

Herr Garton Ash, in London am Hyde Park war früher die Touristenattraktion Speaker's Corner sehr berühmt. Gibt es die eigentlich noch, oder hat sie in der Zeit von Facebook und Twitter alle Bedeutung verloren?

Die gibt es noch, und sie hat hohe symbolische Bedeutung. Mich hat sehr bewegt, was Angela Merkel einmal erzählte: Als sie endlich reisen durfte und das erste Mal in London war, war der erste Ort, den sie besuchte: Speaker's Corner. Redefreiheit ist wie Gesundheit: Nur, wer sie einmal verloren hat, weiß, wie sehr man sie schätzen sollte.

Derzeit hat man den Eindruck, viele Leute reden und senden lieber, als dass sie auch mal lesen und zuhören.

Wir haben eine Situation wie niemals zuvor. (Holt sein Smartphone aus dem Sakko und hält es dem Publikum entgegen.) Mit dieser Zauberkiste, die Sie sicher alle in Ihrer Tasche und Handtasche haben, können Sie mit der Hälfte der Menschheit unmittelbar kommunizieren. Jeder ist zum Nachbarn von jedem geworden. Das ist eine große Chance, bringt aber auch Gefahren: erstens einen Ozean von Obszönitäten und Hassreden, zweitens die Massenüberwachung. Google, Facebook und Twitter wissen viel mehr über Sie und mich, als die Stasi je gewusst hat. Wir haben es hier mit privaten Supermächten zu tun.

Finden Sie gut, wie Facebook mit Inhalten umgeht? Blanke Busen sperrt diese Supermacht ganz schnell weg, bei Hassreden unternimmt sie fast nichts.

Also: Plötzlich und unerwartet ist das größte Land der Welt entstanden. Facebook. Es hat 1,7 Milliarden Benutzer und ist damit größer als China. Nach dem Willen des Konzerns sollen die alle eine Community sein, also denselben Normen und Regeln folgen. Die Frage ist: Kann das funktionieren, und wozu führt es? Denn die Facebook-Normen sind überwiegend amerikanische Kulturnormen...

...in denen Hetzereien erlaubt sind, aber keine Nackten...

... mit dem Ergebnis, dass das schreiende vietnamesische Mädchen, das nackt vor dem Napalm davonrannte, durch die Algorithmen entfernt wird. Wir haben mit den privaten Supermächten ebenso Gesprächsbedarf wie mit nationalen Regierungen. Wir müssen von ihnen mehr Transparenz und mehr Verantwortung verlangen. Ich sage immer, wir sind gerade wie im 15. Jahrhundert, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks. Da war man auch ganz erschrocken über die neuen Möglichkeiten; was da jetzt alles verbreitet werden konnte. Aber wir sind mit Büchern ganz gut gefahren. Nun müssen wir den Umgang mit den sozialen Medien lernen.

Und wie?

Meine Formel lautet: Wir brauchen eine robuste Zivilität. Ich höre Ihnen zu, Sie hören mir zu, ich beleidige Sie nicht unnötigerweise. Zugleich sprechen wir unsere Unterschiede offen aus. Aber bitte in einer Weise, wie Mahatma Gandhi es genannt hat: dass sie Ohren öffnet. Sehr schöne Formel. Und nicht, indem man den eigenen Mund öffnet und die Ohren des anderen dabei schließt.

Kann es sein, dass viele Bürger auch nur versuchen, jene Sprache nachzuahmen, die sie meinen, bei Profis, vor allem bei Politikern und Journalisten, jahrzehntelang beobachtet zu haben?

Wir müssen jedenfalls versuchen, unsere Tugenden so zu vermitteln, dass auch all die Bürger sie lernen können, die sich nun öffentlich äußern können. Eine Bildungsaufgabe also.

Timothy Garton Ash: "Redefreiheit: Prinzipien für eine vernetzte Welt", Carl Hanser Verlag, München 2016, 687 Seiten, 28,00 Euro.

© SZ.de/pak

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