Historiendrama "Exodus: Götter und Könige":Sand im Bart

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Moses (Christian Bale) kämpft anfangs noch an der Seite seines Halbbruders Ramses. (Foto: Fox)

Altes Testament, neueste Technik: Star-Regisseur Ridley Scott will mit seiner Moses-Saga "Exodus: Götter und Könige" den Hollywood-Bibelfilm neu beleben. Beobachtungen bei den Dreharbeiten in Fuerteventura und im Tonstudio in London.

Von David Steinitz

Wie viele lebende Frösche man für eine anständige biblische Plage braucht, gehört zu den drängenden Fragen, die Ridley Scott während der Dreharbeiten zu "Exodus: Götter und Könige" lösen musste - seinem Monumentalfilm über Moses, gespielt von Christian Bale, der das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreit.

Die Antwort lautet: 400. Für die Nahaufnahmen, der Rest wird später im Computer erzeugt. "Die haben das auch alle bestens überstanden, nur das Einsammeln von 400 Fröschen am Ende des Drehtags war für sich genommen schon eine göttliche Plage." Berichtet Scott grinsend in einer kleinen Atempause zwischen zwei Aufnahmen.

Fuerteventura, Mitte Dezember vergangenen Jahres. Die Sonne kämpft gegen die Wolken, und an einem abgelegenen Strand, den nicht mal die preisbewussten Nebensaison-Touristen entdecken, die trotz Pulloverwetter die wenigen geöffneten Hotels der Insel besetzen, geht ein irrer Wind.

Zum Leidwesen von 250 bärtigen Statisten und ein paar Dutzend Ziegen, Kamelen und Pferden, die an riesigen Kunstfelsen vorbei die Küste entlangtrotten. Ihnen peitscht gerade der Sand entgegen. Was Ridley Scott wiederum freut, weil das genau jene schlechte Laune in ihre Gesichter zaubert, die er sehen will - schließlich ist im Film die ägyptische Armee von Pharao Ramses hinter ihnen her.

Scott verfolgt die Szene im Regiestuhl lümmelnd durch einen Monitor. Schon nach dem ersten Take schaut er sehr zufrieden, lässt den Gänsemarsch zur Sicherheit trotzdem noch mal wiederholen. Dann verkünden ein paar Assistenten mit Megafonen die Mittagspause.

Kleinstadt aus Zelten und Kleinwagen

Ein paar Hundert Meter vom Set entfernt haben die "Exodus"-Macher eine Kleinstadt aus Zelten und Wohnwagen errichtet. Eine Filmproduktion dieser Größenordnung zieht eine monströse Logistik nach sich, zu den 250 Statisten kommen fast noch mal so viele Mitarbeiter hinter der Kamera, dazu mobile Büros, Lagerräume, Kamel-, Ziegen und Pferdeställe.

Um auf dem riesigen sandigen Gelände Zeit zu sparen - und auch um die neugierigen einheimischen Surfer-Boys weiter unten am Strand aus dem Bild zu halten - sind viele Mitarbeiter auf Quads unterwegs.

Während die Statistenschar und auch einige Ziegen Richtung Cateringzelt pilgern, fluchen ein paar amerikanische Crew-Mitglieder hinter Scotts Monitoren herum. Weil sich der Sand ins technische Equipment frisst, weil man sich bei diesem Wind keine Zigaretten anzünden kann - und weil ausgerechnet auf einer kanarischen Insel das Catering genauso grausam sei wie daheim in Hollywood.

Entspannt und lässig

Am entspanntesten in diesem Trubel: Ridley Scott, der sich den Sand aus dem blauen Kapuzenpullover klopft, während er in der Drehpause in einem Wohnwagen zum Gespräch empfängt.

Scott, 77, lehnt lässig an der Küchenzeile, die Hände tief in den Pullitaschen vergraben, und wirkt nicht ansatzweise wie ein Mensch, der gleich wieder ein paar Hundert Menschen vor und hinter der Kamera dirigieren muss.

Der Mann aus dem englischen Hafenstädtchen South Shields spricht ein sanft vernuscheltes Britisch mit amerikanischem Einschlag, erworben durch jahrzehntelange Arbeit in den USA.

Einen Drehtag mit 250 Statisten und ohne Frösche findet er "eher entspannend". "Allerdings", und da bekommt er wieder sein schelmisches Grinsen, "muss ich dringend noch Geld ausgeben."

Scott erfreut sich unter Hollywoods Studiobossen seit Jahrzehnten größter Beliebtheit, weil er sehr aufwendige Filme für deutlich weniger Geld als viele Kollegen drehen kann - und das kalkulierte Budget dann meist noch unterschreitet. Teuer ist "Exodus: Götter und Könige" natürlich trotzdem - wie teuer genau, dazu schweigt das produzierende Fox-Studio momentan vorsichtshalber.

Den Großteil der insgesamt 70 Drehtage hat Scott jetzt schon hinter sich. Begonnen hat die Crew in den Pinewood-Studios in London, im Nachbau des gigantischen ägyptischen Palastes, wo der Konflikt zwischen den Halbbrüdern Moses und Ramses, dem zukünftigen Pharao, seinen Anfang nimmt.

Dann ging es weiter ins spanische Almería, wo 3000 kostümierte Statisten durch den Nachbau einer altägyptischen Stadt wuselten. Jetzt, in der vulkanisch-zerfurchten Küstenlandschaft von Fuerteventura, entstehen die Szenen, in denen Moses und seine Jünger aufs Meer zusteuern, wobei der Atlantische Ozean das Rote Meer doubelt - dessen spektakuläre Teilung dann die Computer-Tüftler in der Postproduktion besorgen werden.

Ridley Scott probt mit Sigorney Weaver als Pharaonen-Mutter eine Szene. (Foto: Fox)

Scott ist unter den großen Hollywood-Regisseuren schon immer der fleißigste Genre-Hopper gewesen: "Alien", "Blade Runner", "Thelma & Louise", "Gladiator" - vollkommen unterschiedliche Welten.

"Im Religionsunterricht bin ich früher immer eingeschlafen"

Warum es nun aber ausgerechnet das Alte Testament sein sollte - genauer gesagt, das zweite Buch Mose, Exodus - will man jetzt natürlich trotzdem wissen. Zumal gerade der Prophet Moses eine von so vielen Religionen und Wissenschaften beanspruchte Figur ist, dass sich an einem großen Moses-Filmprojekt zuletzt Cecil B. DeMille in "Die Zehn Gebote" mit Charlton Heston versucht hat - das war 1956.

Und zumal sich fast zeitgleich auch Scotts Kollege Darren Aronofsky mit seiner "Noah"-Adaption auf die Tradition des Hollywood-Bibelfilms besonnen hat.

Scott krümelt sich ein bisschen Sand aus dem Bart und erklärt seine Faszination vor allem dramaturgisch und formal: "Das alte Ägypten ist eine der faszinierendsten Kulturen, die man sich als Regisseur vorstellen kann. Dazu die Geschichte eines Mannes, der eine irre Reise macht, physisch wie spirituell - eine klassische Heldenreise, wie sie in einem Drehbuch-Ratgeber stehen könnte. Und der Konflikt zwischen den Halbbrüdern Moses und Ramses liefert auch noch einen mustergültigen Antagonisten. Ich muss sagen, ich hole hier gerade wirklich viel nach - im Religionsunterricht bin ich früher immer eingeschlafen."

Und dass gerade in den USA ein Hollywood-Zugriff aufs Alte Testament äußerst kritisch beäugt wird? Gegen sein "Exodus"-Projekt haben einige Glaubensgruppierungen bereits mobil gemacht, bevor auch nur eine Szene gedreht war - Blasphemieverdacht.

"Ehrlich gesagt, fühlen sich heute zu viele Leute zu schnell angegriffen. Das ist doch der Grund, warum wir immer mehr in einem verdammten Chaos versinken. Man kann diese Art von Film sehr leicht hassen - und sich noch leichter darüber lustig machen. Aber ich bin ein großer Fan der alten Monumentalfilme mit Charlton Heston, weil die in Hollywood den Weg für Filme frei gemacht haben, die inhaltlich wie formal eigentlich purer Wahnsinn waren. Nicht nur die Bibelfilme, auch Science-Fiction wie "Planet der Affen". Und das ist genau die Spannbreite, in der ich mich auch austoben möchte."

Spricht's und macht sich wieder auf zum Strand, um die Flucht der Israeliten noch mal aus einer anderen Kameraperspektive zu drehen.

Zehn Monate später, Anfang August dieses Jahres: die Abbey Road Studios im Londoner Stadtteil Westminster. Draußen vor dem Zaun streiten unter der heißen Spätsommersonne zwei Touristengruppen darüber, wann, wo genau und vor allem warum die Beatles hier auf dem Dach gespielt haben.

Drinnen, im kühlen Studio 1 im Untergeschoss, rollt Ridley Scott auf einem Bürostuhl hin und her und schaut zufrieden einer Schar von Technikern sowie seinem Filmmusikkomponisten Alberto Iglesias bei der Arbeit zu.

Studio 1 ist das größte Tonstudio der Welt, das Mischpult ist ungefähr so groß wie zwei Kleinwagen. Hinter der Glaswand, die den Misch- vom Aufnahmeraum trennt: Knapp hundert Orchestermusiker, die gerade den Soundtrack für "Exodus" einspielen, den Iglesias, der sonst der Hauskomponist von Pedro Almodóvar ist, in den vergangenen Monaten komponiert hat.

Schelmisches Lächeln

Jetzt sitzen Scott und Iglesias nebeneinander im Aufnahmeraum und lauschen den Musikhäppchen, die zu den Filmszenen, die auf mehreren Monitoren über dem Mischpult projiziert werden, eingespielt werden. Zwischendrin gibt es immer wieder längere Pausen für neue Arrangements - was bei hundert Musikern seine Zeit braucht.

"Alles etwas aufwendiger als früher", sagt Scott und setzt wieder sein schelmisches Lächeln auf. "Meinen ersten Kurzfilm habe ich 1965 für 60 Pfund gedreht, und John Barry, damals schon der Stammkomponist der James-Bond-Reihe, spendierte mir die Filmmusik gratis. Ich weiß nur nicht, ob er mich für talentiert hielt oder einfach Mitleid hatte."

In London fühlt Scott sich am wohlsten, hier hat er in den Sechzigern an der Royal School of Arts Grafikdesign studiert und dann bei der BBC als Szenenbildner gearbeitet.

Heute hat er seine Büros immer noch hier und nicht in Hollywood - im Stadtteil Soho, nur eine Autoviertelstunde von den Abbey Road Studios entfernt. Die Zeit drängt langsam, der Film kommt an Weihnachten weltweit in die Kinos, und die Tage der Postproduktion werden länger.

Scott allerdings wirkt fitter als die meisten seiner deutlich jüngeren Mitarbeiter mit ihren Abbey-Road-Kaffeetassen und MacBooks. Seine persönliche Assistentin Nancy, ein Londoner Hipster-Girl Ende zwanzig mit Totenkopf-Tattoo am Knöchel, wischt vor dem Studio erschöpft auf ihrem iPhone herum und erklärt, dass der Chef nie, nie, nie eine Pause mache. Immer ein Film nach dem nächsten, er habe regelrechte Panik vor Pausen und Urlaub.

Der Chef knabbert jetzt grüne Trauben und schaut seinem Komponisten zu - Regie führen heißt eben auch, die richtigen Leute auszuwählen und sie dann einfach mal machen zu lassen.

Auf den Monitoren über dem Mischpult wird gerade eine Szene aus Fuerteventura vertont, in der Christian Bale als Moses - "den und keinen anderen wollte ich haben, er ist einer der besten Schauspieler seiner Generation!" - mit seinen Jüngern ans Meer kommt.

Nur haben sich Strand und Meer unter den Händen der Pixel-Tüftler nun in eine riesige apokalyptische Landschaft verwandelt - und Moses' Gefolgschaft ist digital von ein paar Hundert auf ein paar Hunderttausend Sklaven aufgebläht worden.

"Filmnostalgie ist Schwachsinn"

Scott liebt alles, was die Digitalisierung des Kinos so mit sich bringt. Während viele Kollegen seiner Generation, die das Kino einst gegen die neue Konkurrenz des Fernsehens und der Videokassette verteidigen mussten, noch stoisch am alten 35-mm-Material festhalten, heißt es bei Scott: Altes Testament, neueste Technik.

"Diese Filmnostalgie ist Schwachsinn, ehrlich. Für jemanden wie Martin Scorsese mag Zelluloid vielleicht noch Sinn machen, das passt zu seinen Geschichten. Aber für mich fühlen sich die digitalen Bilder echter und lebendiger an. Außerdem ist man bei Filmmaterial von so vielen Zufällen abhängig gewesen. Zum Beispiel vom Chemiebad, in dem es im Kopierwerk entwickelt wurde - wenn du da am Ende des Tages dran warst, sah es einfach furchtbar aus. Das passiert mit den digitalen Dateien nicht mehr. Wie er den Film findet, muss jeder Zuschauer für sich entscheiden, aber alle bekommen Moses in der gleichen Qualität. Film ist Magie - und das bleibt er auch digital."

© SZ vom 23.08.2014 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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