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Historie der Familie Quandt in der NS-Zeit:Schweigen war der Normalfall

Der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck wurde damit beauftragt, eine aktenbasierte Geschichte des Hauses zu schreiben. Er erhielt Zugang zum Familien- und Firmenarchiv und die Freiheit, "ohne das Recht eines inhaltlichen Eingriffs" seitens der Quandts zu arbeiten. Das Ergebnis dreijähriger Forschungsarbeit ist jedoch weit weniger günstig ausgefallen, als es die Familie erwartet haben wird.

In mancher Hinsicht geht Scholtyseck noch über Rüdiger Jungbluths aufklärendes Buch von 2002 hinaus. Jungbluth war der Erste, der sich von der Bettwärme frei machte, in der Firmenchroniken und Monographien wie die des Wirtschaftshistorikers Treue entstanden.

Das Schweigen der Quandts war ja keine Familienspezialität, sondern der Normalfall, nach Wilhelm Hennis sogar die Voraussetzung für den Erfolg der Bundesrepublik. Noch 1971 meinte der Finanzminister Alex Möller (SPD) mit Blick auf die "desolate Haushaltslage" seliges Vergessen empfehlen zu müssen: "Wir müssen meines Erachtens den Mut und die Kraft haben, die Liquidation des Krieges und der NS-Herrschaft als abgeschlossen anzusehen.

Ich habe auch keinen Zweifel, dass nur eine solche Haltung die Zustimmung der breiten Masse unseres Volkes findet." Dieses Volk hat dann ein bemerkenswertes Unrechts- und sogar ein verspätetes Schuldbewusstsein entwickelt. Inzwischen gibt es Studien über das Volkswagenwerk, über Krupp, Flick und die Deutsche Bank, gibt es vor allem den Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter, die im Dritten Reich eingesetzt wurden.

Das Firmenkonglomerat, dem Günther Quandt vorstand, beschäftigte mehr als fünfzigtausend Zwangsarbeiter. Er wusste, dass in seinen Fabriken Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, und zumindest sein Sohn Herbert wusste auch, unter welchen Bedingungen die Zwangsarbeiter leben mussten, um den Fortbestand der Produktion und damit das Vermögen der Quandts zu sichern und zu mehren. Scholtyseck lehnt es ab, auf der Basis des vorhandenen Materials Aussagen darüber zu treffen, welchen wirtschaftlichen Nutzen die Zwangsarbeit für die Quandt-Gruppe hatte.

Dennoch bleibt der Befund: "Der Einsatz von Zwangsarbeit in der Quandt-Gruppe war, losgelöst von der Frage, inwieweit er sich rentierte, enorm und ermöglichte der AFA (Accumulatoren-Fabrik AG) und den DWM (Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken) erst die umfassende Rüstungsproduktion."

Manchmal äußert sich diese staubtrockene Wissenschaftlichkeit technizistisch, wenn er einen "quantitativen als auch qualitativen Eindruck von der Zwangsarbeit" geben will. Zum qualitativen gehört beispielsweise die Information, dass KZ-Häftlinge, die bei der Quandt-Firma Pertrix in Berlin arbeiteten, "vor Hunger das Material, vermischt mit Wasser, aßen, aus welchem die Batterien hergestellt wurden".

Anders als der Film vermeidet Scholtyseck fast immer ein moralisches Urteil. Unterstützt von zahlreichen Mitarbeitern hat er sich durch Vorstandsprotokolle, Unternehmensberichte, Gerichtsurteile und Gestapo-Akten gearbeitet und alles ausgewertet, was sich in Archiven nur auffinden ließ. Er beschreibt, wie der Erfolg im brandenburgischen Pritzwalk begann, wo der Wollunternehmer Emil Quandt durch umsichtige Politik zum Lieferanten für preußische Uniformen wurde und die Firma damit an das Auf und Ab der Geschichte band.

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Deutsche Unternehmen und ihre Rolle in der NS-Zeit