Hip-Hop und der Nigga-Gruß:Das vermaledeite N-Wort

Kovon Flowers will diesen Wunsch nun Wirklichkeit werden lassen. Unter anderem mit Hilfe einer Schulkampagne und Website, die sich ¸¸Abolish The N-Word" (www.abolishthenword.com) nennt. Sie wurde bisher an die sechs Millionen Mal aufgerufen und hat ihrem Gründer Interviews von Rap-Magazinen, Tageszeitungen und CNN eingebracht. Schon das Intro provoziert: Man sieht tote schwarze Männer an Bäumen hängen und Bürgerrechtsdemonstranten, die vor Wasserwerfern und beißwütigen Hunden flüchten. Dazu ertönt Billie Holidays Anti-Lynching-Song ¸¸Strange Fruit". Das N-Wort, verkündet die Website, sei routinemäßig von Hasspredigern benutzt worden, die schwarze Menschen folterten und töteten. Aufgrund dieser Vorgeschichte gehöre es abgeschafft. Besucher können einen als Aushang konzipierten ¸¸Vertrag" herunterladen, in dem sie sich dazu verpflichten, das N-Wort nicht mehr zu benutzen. Sie können kleine Karten ausdrucken, die sie Gesprächspartnern aushändigen. Oder einfach über die Geschichte des Wortes nachlesen.

Flowers war durch eine Radio-Diskussion um den Fall Minucci motiviert worden, weiterzuforschen: ¸¸Das Wort stammt aus der Sklaverei - es ist ein rohes, gehässiges Wort, das Weiße ihren Sklaven zuriefen. Ich beschloss, es nicht mehr als Gruß oder künstlerischen Ausdruck zu benutzen." Eine Entscheidung, die den 36-jährigen HipHop-Sänger dazu bewog, seine letzten Alben elektronisch zu überarbeiten: Das N-Wort auch aus dem letzten Reim zu löschen.

Ob sein Appell auch die HipHop-Superstars erreichen wird? Etwa Lil" Kim und P Diddy, die nichts dabei fanden, auf einem Konzert in San Jose 15 000 vorwiegend weiße Fans dazu zu animieren mit gestrecktem Mittelfinger ¸¸Fuck you bitch" und ¸¸Fuck you nigga" mitzuskandieren? Bisher gehört das N-Wort zu HipHop-Lyrics wie das Amen zum Gottesdienst. Mit der Endung -a statt - er. Rapper Tupac Shakur brachte den feinen Unterschied auf den Punkt: ¸¸Nigger - ein schwarzer Mann mit einer Sklavenkette um den Hals. Nigga - ein schwarzer Mann mit einer Goldkette um den Hals." Selbst Radiostationen, die HipHop-Songs routinemäßig auf Schimpfworte für Schwule, Lesben, Juden hin zensieren, haben offensichtlich kein Problem mehr mit dem N-Wort.

¸¸Kein Zufall," polemisiert der schwarze Journalist William Cobb, ¸¸dass das N-Wort die populärste Rap-Vokabel ist und schwarze Frauen dauernd als ¸¸bitches" tituliert werden, wohingegen sich kein einziger der selbsternannten Gangster traut, ¸¸cracker", ¸¸kike" oder andere gegen Weiße gerichtete Schmähungen in den Mund zu nehmen. Der Grund dafür ist einfach: Massa erlaubt es nicht."

Das N-Wort als Zeichen eines sublimierten Selbsthasses? HipHop-Aktivisten riefen jedenfalls zu einem Boykott auf, als der Schauspieler Damon Wayans ankündigte, das Wort ¸¸Nigga" für eine Bekleidungslinie patentieren zu wollen ¸¸Keine andere Rasse benutzt ein gegen sie gerichtetes Schimpfwort als Liebkosung", erklärt Kovon Flowers. Und: ¸¸Martin Luther King und die Bürgerrechtsdemonstranten, die ihr Leben für die schwarze Emanzipation einsetzten, würden sich im Grabe umdrehen."

Erst vor drei Jahren hat die Bürgerrechtsbewegung NAACP die Verfasser des Webster Wörterbuchs dazu bewegt, die Definition des Wortes ¸¸Nigger" dahingehend zu ändern, dass es nicht länger für Afroamerikaner steht. Auch im deutschsprachigen Raum kämpfen Initiativen wie ¸¸Der braune Mob" um den korrekten Sprachgebrauch. Einer ihrer jüngsten Erfolge: Die Ankündigung des Langenscheidt-Verlags, das Wort ¸¸Neger, -in" nicht mehr in das Schülerwörterbuch aufzunehmen.

Neger - völlig wertneutral

Die schwarze deutsche Organisation hatte den Verlag dazu aufgefordert, rassistische Beleidigungen aller Art nicht mehr in Wörterbüchern zu publizieren und damit zu ¸¸normalisieren". Der Verlag hatte sich lange gegen diesen Schritt gewehrt: ¸¸Für viele Deutsche - vor allem für ältere - hat das Wort ,Neger" absolut keine negative Seite, sondern ist ein wertneutrales Wort für eine Person mit dunkler Hautfarbe", argumentierte man bei Langenscheidt. Blieb die Frage, warum eine Minderheit älterer Menschen den Inhalt eines Schülerwörterbuchs prägen sollte. Oder, wie es ¸¸Der braune Mob"-Vereinsvorstand Noah Sow ausdrückt: ¸¸Was ist mit den Bevölkerungsgruppen, die die Übersetzungen von ,Itzig" und ,Kanacke" suchen?"

Nun hat auch das Wort ¸¸afrodeutsch" seinen Platz im Langenscheidt gefunden. Nur wie man mit den - auch weißen - Rappern umgehen soll, die sich stolz ¸¸Nigga" nennen und einander auch so anreden, das weiß selbst Noah Sow nicht so genau.

© Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.162, Montag, den 17. Juli 2006
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