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Hip Hop in Tansania:Aus für die Message-Songs

junger Mann Tansania

Der tansanische Hip Hop ist kaputt. Was ihn retten könnte, wären junge Menschen, die ihn und seine Ideen retten wollen.

(Foto: privat)

Die Hip-Hop-Variante Bongo Flava stand für den demokratischen Aufbruch Tansanias. Inzwischen dominiert ein Medienkonzern das Land - und Bongo Flava ist zur Dudelmusik verkommen.

Von Uta Reuster-Jahn und Klaus Raab

Im postsozialistischen Tansania, in dem Radiosender Leitmedien sein können, die Analphabetenrate hoch ist und Musik noch immer auch auf Kassetten erworben wird, erfüllte der unabhängige einheimische Hip-Hop bis vor wenigen Jahren die Aufgaben, die anderswo das Internet übernahm: Er war ein demokratisches Instrument der Mitsprache, ein Ort der Kritik, ein Medium ganz im Sinne des berühmten Satzes des amerikanischen Rappers Chuck D, Rap sei das CNN der Schwarzen. Heute ist der tansanische Hip-Hop kaum noch wiederzuerkennen.

Von den Managern der Clouds Media Group, des mächtigsten Medienkonzerns des Landes mit besten Verbindungen in die Regierung, wurde er zu zahnloser Unterhaltungsmusik degradiert. Der Konzern machte mit der tansanischen Popkultur all das, was man anderswo den großen Internetkonzernen vorwirft: Er richtete die Kulturproduktion auf den Mainstream aus und drängte alles andere an die Ränder der Aufmerksamkeit.

Und so ist die tansanische Hip-Hop-Variante Bongo Flava, die einmal das Symbol war für den politischen und gesellschaftlichen Aufbruch des ostafrikanischen Staates, zu Dudelmusik verkommen. Wer im Sommer 2014 den Radiosender Clouds FM hört, hat den Eindruck, er stehe in einem tansanischen Warenhaus. Clouds FM spielt nur noch Hintergrundmusik, die klingt, als solle sie einem beim Einkaufen die Konsumlaune nicht verderben.

Diese Entwicklung ist nicht untypisch: Es ist vielmehr schlicht das, was passiert, wenn eine Kreativwirtschaft nur noch von ganz wenigen Unternehmen kontrolliert wird. Wer möchte, kann hier eine Parallele sehen zur Entwicklung des Internets. Im Fall Tansania schuf ein dominierender Unterhaltungs- und Medienkonzern beinahe im Alleingang die Rahmenbedingungen für die Kulturproduktion und richtete sie dann auf den Mainstream aus.

Swahilisprachiger Hip-Hop war der Sound des Postsozialismus

Die Geschichte der Clouds Media Group ist dabei von Anfang an fast symbiotisch mit der Geschichte von Bongo Flava verbunden. Clouds entstand in den Achtzigerjahren als Veranstaltungsreihe, bei der Tansanias Jugend mit dem amerikanischen Hip-Hop infiziert wurde. In einem Clouds-Studio wurde 1993 das erste Rap-Album mit Swahili-Texten aufgenommen. Fünf Jahre später, der Hörfunk war mittlerweile privatisiert worden, wurde der Sender Clouds FM gegründet. Hatte der staatliche Monopolsender, der vor allem Volkserziehung betrieb, westliche Musik im Sinne der Nation-Building-Politik noch abgelehnt, machten nun private Sender populäre Musik aus aller Welt auch im Hinterland bekannt.

Swahilisprachiger Hip-Hop - bald Bongo Flava genannt, wobei "Bongo" umgangssprachlich Tansania bezeichnet - wurde zum Sound des Postsozialismus und war fast überall zu hören, in Bussen, Friseursalons und Bars. Die Älteren waren natürlich entsetzt, die Jungen liebten die Musik, die bald "Musik einer neuen Generation" genannt wurde. Wer Hip-Hop förderte, galt als gut. Wer dagegen war, nicht. Clouds, bald der von den Jugendlichen meistgehörte Radiosender, war natürlich gut. Es ging um eine Öffnung zur Welt. Bongo Flava war ein Medium der Erneuerung und Freiheit. Man konnte teilhaben, ohne Gitarre, Rhetorik oder Journalismus studiert zu haben - und wurde sogar gehört. In den Nullerjahren wurde der Clouds schließlich die wichtigste Plattform für den Bongo Flava.

Heute ist Clouds für dessen Niedergang verantwortlich. Clouds FM ist Teil eines Firmenkonglomerats. Die Clouds Media Group ist ein integrierter Unterhaltungs- und Medienkonzern, er macht einen - für ostafrikanische Verhältnisse sehr beachtlichen - Dollar-Umsatz im einstelligen Millionenbereich. Clouds und andere von Clouds-Managern betriebene Firmen betreiben Eventorganisation, Musikagenturen und Musikmanagement, Booking, Promotion, Casting, Ausbildung, Produktion und mediale Vermittlung.

Freiheit der Wirtschaft statt Freiheit der Gesellschaft

Und Clouds kontrolliert selbstverständlich auch den Sponsorenmarkt, weil sich ohne Sponsoren Konzerte für die Veranstalter nicht lohnen. Kurz: Für alle Musiker, die nicht im Clouds-Boot sitzen, ist Clouds eine Bedrohung. Clouds hatte ein eigenes Label, Smooth Vibes, unterhält seit 2010 einen Fernsehsender, betreibt ein Printmagazin, hat Hörfunkableger in Sansibar und eine Promotionfirma in Abu Dhabi. Tansanias Musikindustrie besteht also größtenteils aus Clouds-Firmen. Es ist ein enges Geflecht.

Das ist nicht verboten, aber die politische und gesellschaftliche Entwicklung, die dazu geführt hat, ist so bedenklich wie beispielhaft, nicht nur für Tansania: Einzelne private Konzerne geben den gesellschaftlichen Takt vor. Und der Staat verwechselt die Freiheit der Wirtschaft mit der Freiheit der Gesellschaft.

Dass Künstler unter diesen Bedingungen nicht ihre eigenen Herren sind, sondern wie Facharbeiter behandelt werden, stellte sich vor einigen Jahren heraus. Eine ganze Reihe von Rap-Pionieren beschimpft die Clouds-Gruppe seit 2010 als Virus, das in die Musik eingedrungen sei. Unter dem Namen Antivirus veröffentlichten sie Mixtapes voller Protestsongs, auf denen sie Clouds als Vereinigung von Hyänen darstellen. Aus dem Slogan "redio ya watu" (Radio der Menschen) wird bei ihnen - der Kommentar zum Formatradio - "redio ya wafu" (Radio der Toten). Die Zeile "I wanna kill right now" brachte dem Wortführer von Antivirus, dem Rapper Sugu, sogar eine Verhaftung ein. Derart mit street credibility gesegnet, wurde er allerdings kurz darauf für die Oppositionspartei Chadema ins Parlament gewählt.

Sugu ist ein Kämpfer. Schon 2001, lange vor allen anderen, flog er aus den Playlists von Clouds FM, weil er sich weigerte, bei einer Veranstaltung des Senders aufzutreten. Seinerzeit dachte noch kaum ein Musiker daran, ein schlechtes Wort über Clouds zu verlieren.

Stattdessen taten viele von ihnen ihren Ärger über fliegende Händler kund, die Raubkopien ihrer Alben verscheuerten, oder über die mächtigen Musikvertriebe, die ihnen Tantiemen für 1000 Kassetten auszahlten, aber 5000 Stück verkauften. Die Privatradios entschieden auch damals schon über Künstlerexistenzen mit, wurden in erster Linie jedoch noch hoch geschätzt, weil sie Chancen eröffneten. Wer im Clouds-FM-Programm prominent gelistet wurde, nahm bald ein Album auf, gab Konzerte, was wiederum Zeitungsartikel zur Folge hatte und noch mehr Clouds-FM-Airplay. Die Musik sollte ein Auskommen bieten, das war der Traum tausender junger Leute, die in Tansania nicht wussten, wohin mit ihrer Kreativität und Arbeitskraft. Und das Radio half dabei.

Im Rückblick ist die Geschichte andersherum schlüssiger: Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, beförderte auch die Unfreiheit. Die Sender banden das jugendliche Publikum an sich und bauten so ein Geschäft auf, das nicht nur mit Musik handelte, sondern mit der Konsumfreude ihrer Kunden. In den Bongo-Flava-Songs, die heute bei Clouds FM laufen, geht es nicht wie einst um HIV-Aufklärung oder die Mängel des Gesundheitssystems, sondern um Liebe und Lifestyle.

Der Staat verwechselte die Freiheit der Wirtschaft mit der Freiheit der Gesellschaft

Clouds FM steht ganz offen für einen "musikalischen Wandel" - von Rap, auch solchem mit sozialkritischen Texten, deren Bedeutung in Tansania nicht zu unterschätzen ist, zu R'n'B-nahen Befindlichkeitssongs. Die Unterscheidung von Songs in die Kategorien "Message" und "Commercial" ist nicht neu. Neu ist aber, dass Message-Songs kaum noch eine Chance bekommen. Clouds steuert die Trends, und derzeit sieht es so aus, als müssten sich junge Künstler dieser Macht fügen - oder sie können eben gar nicht erst ins Musikgeschäft einsteigen.

Der Clouds-Manager Ruge Mutahaba, dem diverse Musiker vorwerfen, er habe den Vertrieb ihrer Musik verhindert, weil sie es gewagt hätten, andere künstlerische Ansichten zu vertreten, ist der Erzfeind der Clouds-Kritiker: Wer ihn kritisiert, meint, es gebe eine Fehlentwicklung von der Kunst zum Konsum, von Kreativität zu Marktfähigkeit. Er ist auch ein Grund für die Proteste der Antivirus-Gruppierung: Mutahaba gründete vor einigen Jahren sein eigenes Unternehmen, das "Tanzania House of Talent" (THT), eine Ausbildungs- und Fördermaßnahme.

Nonprofit, aber für wen?

Man wolle Waisen von der Straße holen, einen Beitrag zur HIV-Aufklärung leisten, Armut reduzieren, und das alles "nonprofit", so die Selbstdarstellung. Sie enthielt die Schlüsselreize, mit denen man in Tansania Geld sammelt. THT gab sich damit den Anschein, ein karitatives Unternehmen zu sein. Die britische NGO Skillshare International, das britische Entwicklungsministerium und die dänische Botschaft in Tansania kooperierten mit THT.

Wer THT aber bald nach der Gründung besuchte, fand keine glücklichen Kinder im Gesangsunterricht, sondern Tänzer, Musiker und Schauspieler, die in Werbespots für Kilimanjaro-Bier oder bei High-Society-Events auftraten.

Kompositionen von THT-Sängern wurden in internationalen Spots verwendet. In den USA nennt man das einen "360-Grad-Deal" - ein Unternehmen profitiert so gleich auf mehreren Wegen von den Künstlern, die es gefördert hat. Falls THT wirklich "nonprofit" arbeitet, fragt sich also: nonprofit für wen?

Die Rapper-Proteste begannen schließlich, als THT vorgab, für alle Musiker Tansanias zu sprechen. Als der Präsident der Republik, Jakaya Kikwete, 2009 das "Tanzania House of Talent" besuchte, hielt die bei Clouds groß gewordene Sängerin Lady Jaydee eine Rede, in der sie erwähnte, dass Tansanias Künstlern ein Mastering-Studio fehle. Die Regierung kündigte tatsächlich die Einrichtung eines solchen Studios für "die Künstler" an. Wer bald darauf eines eröffnete, war dann THT.

Der Verdacht, es handle sich bei dem Geschenk des Präsidenten für "die Künstler" um eines für Manager Muthaba, brachte der Antivirus-Bewegung Zulauf. Von nun an gab es zwei Fronten in der Bongo-Flava-Szene, eine THT- und Clouds-nahe und eine THT- und Clouds-kritische.

Eineinhalb Jahre lang war Antivirus aktiv, tourte durchs Land und fand viele Unterstützer. Im Februar 2011 endete jedoch der Protest vorerst mit der überraschenden Meldung, der Clouds-Kritiker Sugu und Mutahaba hätten sich versöhnt.

Die Musik hat nun also auch in Tansania ihr utopisches Potenzial verloren

Heute formieren sich die Hip-Hopper neu, aber es fehlt ein Aushängeschild, ein Star. Ihre Organisation ist diffus, im Grunde sind sie nur eine Ansammlung von Einzelstimmen, niemand kann für alle sprechen. 2013 kündigte die Sängerin Lady Jaydee, bei Clouds groß geworden, den Clouds-Managern auf Lebenszeit.

Professor Jay, ein weiterer Rap-Pionier, ist mittlerweile ebenfalls in die Oppositionspartei Chadema eingetreten. Und auch der einflussreiche Produzent P-Funk hat sich jüngst mit einer Clouds- und THT-Beschimpfung eingemischt. Und die Musik?

Die Musik - das ist die traurige Geschichte - hat ihr utopisches Potenzial verloren. Es gibt kaum noch Straßenjungen, die Tag und Nacht an ihren Texten feilen. Die ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft kreativ zu verwirklichen versuchen. Der tansanische Hip-Hop ist kaputt. Was ihn retten könnte, wären nur junge Menschen, die ihn retten wollen. Ihn und seine Idee von sozialer Teilhabe und politischer Freiheit.

© SZ vom 26.07.2014/cag

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