Hilferuf aus dem Orchestergraben:Der Fagottist stirbt aus

Bram van Sambeek Fagott

Der Fagottist Bram van Sambeek will die Zukunft des Fagotts retten - auch darum lässt er sich spektakulär mit seinem Instrument zusammen fotografieren.

(Foto: Rein Langeveld)

Jemand tritt im Trickfilm auf eine Ente? Das Fagott macht "Pfrrrööööööt". Das arme Instrument wird nicht so recht ernst genommen - jetzt schlagen europäische Musiker Alarm.

Von Anja Perkuhn

Der Fagottspieler ist der Panda unter den Musikern. Sagt Bram van Sambeek, und der muss es wohl wissen, denn er ist Profi-Fagottspieler. Was Herr van Sambeek damit sagen möchte: Der Fagottspieler und der Panda haben eines gemeinsam - sie sind vom Aussterben bedroht.

Die tapsigen scharz-weißen Bären kann man allerdings eine Rutsche runterschubsen, dann quietschen Menschen verzückt und interessieren sich wieder dafür, dass es nur noch wenige Pandas gibt. Bei dem Holzblasinstrument ist das schwieriger: Ein Fagott ist nun einmal nicht niedlich und von einer Rutsche kullert es eher unspektakulär nach unten - vom Fagottspieler mal ganz abgesehen.

Darum behilft sich van Sambeek mit dem dramatischen Vergleich zwischen dem Bambusfresser und dem Holzbläser. Er befürchtet nämlich, dass immer weniger junge Menschen sich dafür interessieren, das Basslagen-Aerofon - immerhin das Instrument des Jahres 2012 - zu spielen. Save The Bassoon heißt die Kampagne, der er vorsteht - Rettet das Fagott. "Es gibt diese Gefahr", sagte der junge Niederländer dem Guardian. "Und deshalb ist auch die Zukunft des Orchesters in Gefahr." Viele Profimusiker in Europa beteiligen sich inzwischen an der Kampagne.

Fagottspieler haben kein Geld und niemand findet sie wichtig

Es gibt mehr Fagott-Witze als man so denkt - einer davon geht so: Wie schafft man es, mit Fagottspielen eine Million Dollar zu bekommen? - Man fängt an mit zwei Millionen. Oh, und noch einer: Wie nennt man einen erfolgreichen Fagottspieler? - Einen Kerl, dessen Frau zwei Jobs hat.

Prinzip erkannt? Als Fagottspieler verdient man nicht das große Geld und wichtig ist man sowieso nicht, so funktioniert das Humorbild des Instruments. Die ursprüngliche Aufgabe des Fagotts im Orchester war die Begleitung des Chores. Wagner und Mahler entdeckten es für skurrile oder komische Effekte, Trickfilme übernahmen diese Interpretation. Jemand tritt auf eine Ente? Das Fagott macht Pfrrrööööööt.

Das typische Einstiegsalter für das Fagott liegt bei 13 Jahren - auch, weil das Instrument recht groß ist. Für die Teilnahme an Wettbewerben wie "Jugend musiziert" oder das Musizieren im Jugendorchester ist das aber spät: Dort werden in dieser Altersstufe schon wettbewerbsreife Leistungen erwartet. In der Folge geht den Musikhochschulen mittlerweile der Nachwuchs an Fagottisten aus.

"Momentan erkennen nur ein Prozent der Menschen auf der Straße das Instrument", sagte van Sambeek dem Guardian. "Der Tag wird kommen, an dem kein Mensch mehr wissen wird, was es ist." Er selbst lässt sich deshalb in halbdramatischen Posen mit seinem Instrument ablichten: auf einem Felsen vor einem Sonnenuntergang, beim Radfahren. Außerdem spielt er im kommenden Jahr in London eine Rockversion von Vivaldis Fagott-Musik, davor finden noch einige andere Konzerte unter dem Slogan Rettet das Fagott statt.

In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt: Auch die Oboe ist laut Save The Bassoon vom Aussterben bedroht. Und das Waldhorn. Die Viola. Und die Posaune. Nicht zu vergessen: der Kontrabass. Es ist wirklich ein hartes Leben da draußen in der Wildnis für unbedarfte klassische Instrumente.

© SZ.de/pak/jobr
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