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"Herzland":Erleichterung und Stolz

Simon Winder: Herzland. Eine Reise durch Europas historische Mitte zwischen Frankreich und Deutschland. Aus dem Englischen von Nathalie Lemmens. Siedler Verlag, München 2020. 559 Seiten, 28 Euro.

Wie ein Seemann auf Tour: Simon Winder, Cheflektor bei Penguin Books, reist durch Europas historische Mitte zwischen Frankreich und Deutschland. Er versteht es, die Fülle zu entdecken und das Vergangene sprechen zu lassen.

Von Stephan Speicher

Gerade erst war er in Ostende aus dem Zug ausgestiegen, so erzählt Simon Winder in seinem neuen Buch "Herzland", als "ich bemerkte, dass ich unbewusst in einen leicht wiegenden Gang verfallen war". Aber als er zum Himmel aufschaute, um zu sehen, ob ein Sturm aufziehe, und dann nach einem Bistro schaute, um dort vielleicht "einen Humpen zu leeren", da wurde ihm klar, dass "ich wieder einmal meiner übertrieben starken Beeinflussbarkeit zum Opfer gefallen war und schon der Anblick von ein paar Fahnen, Möwen und Booten dafür gesorgt hatte, dass ich mich absurderweise für eine Art Seemann auf Sauftour hielt."

So ist es schon manchem Reisenden gegangen, aber bei Winder sieht es noch einmal anders aus. Er ist der Typus, der sich vom Fremden, von der Vergangenheit und ihren Dokumenten tief bewegen lässt. Aus dieser Bewegung findet er auch wieder heraus, in Ostende und anderswo; wem wie ihm Witz zu Gebote steht, der versinkt nicht ganz so schnell. Aber bei aller Ironie des Autors ist doch sein historistischer Wunsch spürbar, das eigene Selbst für Momente auszulöschen, um eine andere Sphäre sprechen zu lassen.

Die "aufregendste, fröhlichste und unterhaltsamste Epoche"? Das Hochmittelalter!

Simon Winder, Cheflektor bei Penguin Books, hat bereits zwei Bücher zur Geschichte Mitteleuropas veröffentlicht, "Germany, oh Germany. Ein eigensinniges Geschichtsbuch" und "Kaisers Rumpelkammer. Unterwegs in der Habsburger Geschichte". Nun ist "Herzland. Eine Reise durch Europas historische Mitte zwischen Frankreich und Deutschland" erschienen, das der Autor als Abschluss der Trilogie versteht. Gegenstand ist ein Gebiet, das in seinen Anfängen auf den Vertrag von Verdun 843 zurückgeht, mit dem das Reich Karls des Großen und seines Nachfolgers, Ludwig des Frommen, aufgeteilt wurde. Zwischen Ost- und Westreich entstand ein Mittelreich unter Lothar I., ein lang gezogener Streifen, der von Friesland bis in die Provence und nach Italien reichte. Kurz vor seinem Tode 855 teilte Lothar I. dies Mittelreich unter seinen Söhnen auf, wobei der nördliche Teil bis zu den Alpen Lothar II. zufiel; dieses Gebiet wurde Lotharingien (Lotharii regnum) genannt, und was hier stattfand, das ist es, was Winder interessiert.

Die Niederlande, Belgien, Luxemburg gehören dazu, die rechtsrheinischen deutschen Gebiete, Lothringen, Elsass, Burgund und die nördliche Schweiz, es ist in der Tat europäisches Herzland. Wie lässt sich von einer so vielteiligen Region erzählen? Winder verzichtet auf den Anspruch, eine kompakte Geschichte des Raumes und seiner einzelnen Landschaften zu bieten. Seine Leser werden nicht Kenner der Geschichte Flanderns oder der Schweiz, Burgunds oder der deutsch-französischen Grenzkonflikte werden. Große Linien der politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Entwicklung herauszustellen, ist nicht Winders Sache. Doch der Autor hat anderes zu bieten.

Der Fülle und Verschiedenheit seiner Gegenstände wird er Herr durch seine Reiseeindrücke, von denen er mit Lust berichtet, sie ermöglichen den raschen Wechsel: "das alles dient mir lediglich als Überleitung zu ...". Er kann sich so als der leichte, meist gut informierte Plauderer darstellen, aber das Verfahren erlaubt es ihm auch, Geschichte an Orten, Bauwerken, Standbildern, Gemälden und dergleichen darzustellen. "Tournai ist ein Geschenk, von dem ich nie genug bekomme", heißt es, oder: "Im Freiburger Münster gibt es so viele großartige Dinge zu sehen, dass es fast einer Beleidigung gleichkommt, es jemals wieder zu verlassen." Und die Zeugnisse der Vergangenheit sind mehr als Mittel zur historischen Erkenntnis, sie sind selbst vergangenes Leben, das Aufmerksamkeit verdient.

Winder beschreibt einen Fries des Freiburger Münsters, zwei Episoden von wilder Lebendigkeit aus der Geschichte vom Wolf Isegrim, und nennt ihre Entstehungszeit, das Hochmittelalter, die "in vielerlei Hinsicht aufregendste, fröhlichste und unterhaltsamste Epoche in der gesamten europäischen Geschichte". Dem Autor ist klar, dass viele dem nicht zustimmen werden, und man muss ihm auch nicht zustimmen. Aber dass hier unborniert gedacht wird, ganz ohne den dummen Hochmut derer, die alles Leben "ohne Breitbandzugang" für vertan halten, das verdient ganz unbedingt Respekt.

In Nancy hat Winder die Statue des Kreuzfahrers Hugo de Vaudémont und seiner Frau aus dem 12. Jahrhundert gesehen. Nach 16 Jahren ist Hugo, nach langer Gefangenschaft schon für tot geltend, aus dem Heiligen Land zurückgekehrt, hager, einen Stock in der Hand, das Kreuz um den Hals, "ganz offensichtlich am Ende seiner Kräfte", sie umarmt ihn in einer "Haltung von Erleichterung und Stolz". Es ist eine ungeheuer fremde Welt, aber das heißt nicht, dass sie uns nichts anginge. Der Autor zitiert Philippe de Commynes, der das Scheitern Karls des Kühnen, Herzogs von Burgund (1433 - 1477) beschreibt. Gerade hat dieser sich bei Montlhéry gegen den französischen König behauptet, "auf dem Schlachtfeld in froher Stimmung"; in diesem Moment schaut Commynes voraus auf die Kette der Desaster, der Karl in den Untergang folgen wird. Commynes schildert Schrecken und Verwirrung der Kämpfe, "das schiere Chaos" der einzelnen Gefechte, in denen aller Überblick verloren gehe; der Sieger sei zuletzt nicht fähiger als der Unterlegene, sondern begünstigt durch göttliche Huld. "Dieses Geheimnis ist so groß, dass Königreiche und große Herrschaften dadurch manchmal in Verwüstung enden, während andere anwachsen und zu existieren beginnen." In einer alten Denkform wird reflektiert, was nicht überholt ist, die Unverfügbarkeiten, mit der jede Politik zu rechnen hat.

Winder versteht es, die Andersartigkeit des Vergangenen zu zeigen, ohne es exotisch wirken zu lassen. Er hat beträchtlichen Witz, aber er richtet ihn nicht oder selten gegen frühere Lebensformen, sondern gegen unsere Vorurteile. Der Leser lernt hier etwas: eine Form des Respekts, die der historischen Selbstkritik dienen kann.

© SZ vom 13.10.2020
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