Herr der Ringe (III) Und Frodo ist doch ein Mädchen!

"Keine Hobbits mehr und keine Zauberer. Nein, nein, nein. Man kann auch noch andere Geschichten erzählen." Der Mann, der so redet, heißt Peter Jackson. Richtig, der Regisseur der "Herr der Ringe"-Trilogie. Im Interview berichtet er von alternativen Elb-Träumen.

Peter Jackson, 1961 in Neuseeland geboren, ist derzeit einer der höchstbezahlten Männer Hollywoods - er ist mit seiner "Herr der Ringe"-Trilogie in eine Gehaltsklasse vorgestoßen, die sonst dem Personal vor der Kamera, Mel Gibson etwa oder Jim Carrey, vorbehalten ist. Man sieht es Jackson aber nicht an: Die Hobbits haben auf ihn abgefärbt, im Schlabberlook und barfuß gibt er Interviews zu "Die Rückkehr des Königs", dem letzten Teil der Trilogie, an der er und seine Ehefrau und Co-Autorin Fran Walsh, von der ersten Drehbuchfassung bis zum letzten Film, sieben Jahre lang gearbeitet haben.

"Ich bin erleichtert, dass es vorbei ist."

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SZ: Würden Sie sich ein solch bombastisches Unternehmen noch mal unter die Füße holen?

Jackson: Das war eine einmalige Erfahrung, sowas soll man nicht wiederholen!

SZ: Welches Gefühl überwiegt: Sind Sie froh, dass Sie es hinter sich haben, oder traurig, dass es vorbei ist?

Jackson: Ich bin erleichtert, dass es vorbei ist - dass die Leute den Film mögen. Erleichtert, dass wir das geschafft haben, was wir uns vorgenommen hatten. Dass sich die Investition finanziell ausgezahlt hat. Aber ich bin auch traurig. Mit manchen Schauspielern werde ich immer befreundet bleiben, aber die Tür für die Charaktere, für Frodo und Aragorn, ist für immer zugefallen. Das ist ein ganz seltsames Gefühl.

SZ: Es gibt ja noch "Der kleine Hobbit" - den könnten Sie ja noch verfilmen, wenn Ihnen der Abschied zu schwer fällt.

Jackson: Danach fragt mich jeder, aber die Produktionsfirma hat mich nie gefragt. Die Situation mit den Rechten ist sehr schwierig, man müsste sich erst mal mit United Artists einigen. Aber wenn das möglich wäre, würde ich schon sehr ernsthaft darüber nachdenken ...

SZ: Zumindest wäre das ein überschaubares Projekt. Wie haben Sie den Durchblick behalten, als Sie drei Filme von jeweils mehr als drei Stunden parallel und völlig unchronologisch gedreht haben?

Jackson: Es war sehr, sehr harte Arbeit. Aber ehrlich gesagt versucht man einfach, nicht sehr weit nach vorn zu schauen - ich habe nie weiter vorausgedacht als bis zur nächsten Woche, weiter nicht.

SZ: Hatten Sie während des Drehs eine ungefähre Vorstellung, wie Sie den Film schneiden wollten?

Jackson: Manchmal muss man wissen, wie man eine Szene schneiden will, um sie zu inszenieren - aber oft habe ich einfach drauflos gedreht und erst hinterher drüber nachgedacht, wie ich es montiere. Bei der Arbeit am Drehbuch entsteht der Film in mir. In meinem Kopf läuft die ganze Zeit ein kleiner Film. Ich kann jederzeit die Augen zu machen und ihn sehen, mit Special Effects und Schnitten und allem drum und dran. Und auf diesen kleinen Film kann ich mich verlassen.

SZ: Dass die Frauen zu kurz kommen in der Geschichte von Mittelerde, wird immer noch kritisiert - obwohl Sie ihnen mehr Raum geben als Tolkien. Sie haben die Bücher mit Ihrer Frau geschrieben - haben Sie die Rollen anpassen müssen?

Jackson: Viel haben wir nicht an den Rollen vergrößert, das meiste steht so in den Büchern - bis auf Arwens Part, aber den mussten wir anders gestalten, damit das, was Aragorn tut, einen Sinn ergibt. Das Buch ist ein Produkt des Mannes, der es geschrieben hat - und der war nun mal ein angestaubter, ältlicher Englischprofessor in den Dreißiger Jahren. Frauenrollen waren etwas, wovon er nicht viel verstanden hat.

SZ: Unfreundlich war das, was er geschrieben hat, ja nicht.

Jackson: Nein, nicht unfreundlich. Es hat ihn bloß nicht interessiert.

SZ: Das empfindet man als Frau eben manchmal als unfreundlich genug. Aber in "Herr der Ringe" ist der Mädchen-Part ja eigentlich sowieso vergeben - den hat Frodo.

Jackson: Wie bitte?

SZ: Er wird dauernd von den anderen herumgetragen, und in der Szene mit der Riesenspinne, wenn er eingesponnen ist und nur noch das Gesicht frei ist, sieht er aus wie eine kleine Nonne.

Jackson: Ja, das stimmt! Ich denke aber sowieso, dass diese Rollen Identifikationsfiguren über das Geschlecht hinaus sind. Eigentlich kann sich doch jeder mit dem identifizieren, was Frodo und Sam tun.

SZ: Selbst nach heutigen Maßstäben sind sie respektable Heldenfiguren.

Jackson: Das ist, für mich, ein ganz wichtiger Punkt bei Tolkiens Büchern - dass er diese lustigen kleinen Hobbits geschaffen und sie zu so ungewöhnlichen Helden gemacht hat. Das hat für mich den größten Charme an den Büchern.

SZ: Manche Filme kommen ja ohne sexuelle Spannung aus - die von Steven Spielberg beispielsweise. Aber für einen Filmemacher, der "Heavenly Creatures" gedreht hat, muss die Versuchung doch ziemlich groß sein, wieder einen Film zu drehen, der ein bisschen mehr Erotik zu bieten hat...

Jackson: Nicht in Bezug auf "Der Herr der Ringe"- ich denke nicht, dass Filmemacher ihren Geschichten ihre Ansichten aufdrücken sollten. Sowas passt entweder zum Stoff oder nicht. "Heavenly Creatures" handelte nun mal von der Beziehung zwischen diesen zwei Mädchen, die war in ihrer Spannung vorgegeben, und ich habe versucht, sie angemessen zu erzählen. Und die angemessene Art ist bei "Herr der Ringe" eben anders. Aber in Zukunft heißt es: Keine Elben mehr und keine Hobbits und keine Zauberer. Nein, nein, nein.. Man kann auch noch andere Geschichten erzählen.

SZ: Es gibt ja schon ein Projekt, "King Kong", und das klingt schon wieder so, als wäre das der Film Ihrer Träume - sind Sie immer so enthusiastisch?

Jackson: "King Kong" war der Film, der in mir als 12-jähriger den Wunsch geweckt hat, Regisseur zu werden - diese Verbindung zu dem Projekt spüre ich wirklich. Dieser Film hat mein Leben verändert, ohne ihn hätte ich "Herr der Ringe" nie gedreht. Wir wollen Anfang des Jahres am Drehbuch arbeiten, aber wir haben uns schon ein bisschen mit dem Design befasst in den letzten Wochen. Ich glaube, dass die Zeit reif ist für diesen Film: Denn die Teenager von heute interessieren sich einfach nur deswegen nicht für den alten "King Kong", weil er ein Schwarzweiß-Film ist. Und die schauen sie sich nicht an. Dabei ist die Geschichte doch einfach immer noch großartig - wir werden sie halt ein bisschen aktualisieren. müssen.

SZ: Das ist ja schon wieder ein Großprojekt.

Jackson: Ja, aber es ist nur ein Großprojekt und nicht drei!

SZ: Sie haben doch mal klein angefangen, hätten sie nicht Lust, zur Erholung mal einen kleinen Film zu drehen?

Jackson: Doch, ich bin mir ganz sicher, dass ich irgendwann wieder so einen Film drehen werde. Der Druck ist unterschiedlich je nach Größe des Projekts - aber ich denke, dass meine Rolle als Filmemacher immer die gleiche ist, egal wie viel Geld man ausgibt. Egal wie groß der Film ist, es geht immer nur ums Drehbuch, das Buch muss die Phantasie anregen, und dann entsteht dieser Film im Kopf und du versuchst, ihn so genau umzusetzen wie es geht, damit ihn auch andere sehen können. Natürlich ist bei einem großen Budget der Druck größer. Aber vieles ist auch einfacher: Du hast ein großes Team und kannst Sachen machen, die teuer sind. Ja, wirklich. Plötzlich kannst du manches Problem einfach mit Geld lösen - musst kein Genie sein. Bei einem Low-Budget-Film musst du deine Probleme immer selbst lösen. Das ist gleichzeitig gut und schlecht. Du stößt an Grenzen, die sehr frustrierend sein können. Aber mir hat auch bei den Filmen mit dem großen Budget nie jemand gesagt, wie ich sie drehen soll.

SZ: Ihr Herz scheint immer noch für die unabhängigen Filmemacher zu schlagen. Als die unabhängigen Verleihfirmen eine einstweilige Verfügung gegen das Verbot der MPAA, DVDs an Filmpreis-Gremien zu verschicken - was kleine Filme benachteiligen würde - erwirkt hatten, haben Sie sich jedenfalls auch gegen dieses Verbot ausgesprochen.

Jackson: Es sollte kein solches Verbot geben. Die ganze Idee ist blöd. Das wurde blöd angefangen, schlecht ausgeführt und ich denke nicht, dass das irgendwas mit Piraterie zu tun hat. Diese DVDs verursachen nicht das Problem mit den Raubkopien. Das ist Unfug.

Interview: Susan Vahabzadeh