Süddeutsche Zeitung

"Herr Bachmann und seine Klasse" im Kino:So geht Schule

Was passiert, wenn man das echte Leben in den Unterricht lässt: Der Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse".

Von Alex Rühle

Das Wichtigste an diesem Film ist die Zeit. Die Zeit, die sich Herr Bachmann nimmt, immer und immer wieder: Ja, bald ist Matheklausur, aber erst mal muss jetzt Ferhan getröstet werden. Ferhan, die kaum je den dicken Mantel im Unterricht auszieht. Die permanent irgendeine Lebenslast mit sich herumzutragen scheint. Als sie stumm den Kopf in die Arme legt, setzt sich Herr Bachmann zu ihr: "Erzähl's mir. Ich hör dir zu." Ferhan schweigt. Herr Bachmann wartet. Und Maria Speth wartet mit: Dreieinhalb Stunden dauert ihr Dokumentarfilm über eine sechste Klasse im hessischen Stadtallendorf.

Eigentlich wollte Speth einen Film über die erste Liebe unter Pubertierenden drehen. Aber zum einen gab es Probleme mit der Finanzierung. Zum anderen war da Dieter Bachmann. Dieser Lehrer mit seinen gehäkelten Käppis, den Hardrock-T-Shirts und dem wilden Bart; studierter Soziologe, ehemaliger Steinmetz und Folksänger. Erst mit Mitte 40 ließ er sich ausbilden zum Lehrer für Deutsch, Mathematik, Geographie. Seine eigentlichen Hauptfächer aber sind Anerkennung, Wahrnehmen, Zuhören. Und so macht es die Regisseurin ihrem Protagonisten nach.

Speth hat mit zwei Kameras und einem Tonmann 200 Stunden Material gesammelt. Vier Erwachsene mitsamt ihrem Equipment in diesem engen Klassenraum, das ist logistisch schwierig, und doch scheinen sie irgendwann aus der Wahrnehmung der Kinder verschwunden zu sein, nie hat man den Eindruck, dass hier für die Kamera agiert wird. Maria Speths erster Rohschnitt hatte 20 Stunden, die wurden dann im Schneideraum "über drei Jahre so verdichtet, dass ich die Energie des Films nicht verliere", wie sie im Telefoninterview sagt. Das ist ihr eindeutig gelungen. "Herr Bachmann und seine Klasse" wurde auf der Berlinale im März mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, auf der Sommerberlinale kam noch der Publikumspreis dazu.

Alle Studien zeigen: Viel wichtiger als Schulform oder Klassengröße ist für die Kinder die Lehrkraft

Stadtallendorf, eine Kleinstadt mit einer besonderen Geschichte, und, damit zusammenhängend, einer Sozialstruktur, "die eher an Berlin-Kreuzberg erinnert als an deutsche Provinz", wie Speth es formuliert. Die Nazis hatten hier die größte Sprengstofffabrik des Kontinents gebaut und beuteten Zwangsarbeiter aus ganz Europa aus. In den Fünfzigerjahren eröffnete Süßwarenhersteller Ferrero hier sein erstes Werk außerhalb Italiens. Eine große Eisengießerei brauchte dringend junge Arbeitskräfte, die sogenannten Gastarbeiter aus Griechenland, der Türkei, Sizilien suchten Jobs. Und so unterrichtet Herr Bachmann in seinem letzten Arbeitsjahr 19 Kinder aus neun Nationen, einige noch ganz zart, in anderen schäumt schon ein wildpubertärer Hormoncocktail, aber auch auf den schlaksigsten Jugendkörpern sitzen noch echte Kindsköpfe. Der vorlaute Cengiz kann seine Zuneigung manchmal einfach nicht für sich behalten, immer wieder platzt es aus ihm raus, Herr Bachmann, ich hab Sie so lieb!

Man kann den Film als eindrücklichen Beleg für die Ergebnisse der einflussreichen Meta-Studie des neuseeländischen Schulforschers John Hattie sehen. Der hat 2009 über 50 000 weltweit veröffentlichte empirische Untersuchungen zur Frage "Wie gelingt erfolgreiches Lernen?" ausgewertet. Beeindruckend klares Ergebnis: Äußere Einflussfaktoren wie die Schulform oder Klassengröße beeinflussten die Schülerleistungen kaum. Zentral sei vielmehr das Können des einzelnen Pädagogen.

Immer wieder reibt man sich die Augen, welche Freiräume Bachmann im engen Unterrichtskorsett schafft. Er unterrichtet ja an keiner Montessori-Einrichtung, sondern "an einer ganz normalen hessischen Gesamtschule", wie Speth mehrfach im Gespräch betont. Es gibt große interkulturelle Probleme, man ahnt zerrüttete Familiengeschichten. Wenn die Sprache das Haus des Menschen ist, dann leben viele der hier beschulten Jugendlichen eingangs in beeindruckend windschiefen Hütten. Wie aber findet man, um im Bild zu bleiben, eine gemeinsame Hausordnung, wenn die Kinder nicht mal Wörter wie "Verantwortung" oder "Bach" kennen? Und doch ist dieses Klassenzimmer nie pädagogische Notfallambulanz, sondern ein weiter Raum, in dem irgendwie alles Platz zu haben scheint, das Leben, Musik, Jonglieren und immer wechselseitiger Respekt. Speth konstruiert in ihrer Langzeitbeobachtung nicht dramatisch kathartische Momente, sondern zeigt ein beharrliches Miteinander, Alltag, immer anders, immer gleich, aus dem eine Gemeinschaft erwächst.

Stefi ist erst im Verlauf des Schuljahres aus Bulgarien nach Deutschland gekommen. Nach einem der im Unterricht gesungenen Lieder ruft sie, schwule oder lesbische Liebe finde sie voll eklig. Nach der Stunde, eigentlich hätte er jetzt endlich mal eine Pause, verwickelt Herr Bachmann sie im leeren Klassenzimmer in ein Gespräch. Warum eklig, fragt er. "Ist eben so!", sagt sie achselzuckend. "Aber warum?", insistiert Bachmann. "Das ist eklig." "Warum denn? Erklär's doch mal." Er verbietet ihr nicht ihre Meinung, sondern will sie dazu bringen, sie argumentativ zu verteidigen. "Ich versuche zu verstehen. Du kannst es ja gar nicht ausdrücken." "Ach, ich weiß es nicht." "Das ist schon besser."

Hessen ist nicht ganz so grausam wie Bayern, wenn es um das Vorsortieren von Lebenswegen geht

Gegen Ende des Films macht Stefi eine kleine Präsentation und erzählt dazu eine selbstgeschriebene Geschichte. Herr Bachmann fragt, welche Note sie sich geben würde, sie sagt fragend, vielleicht eine Drei, und man merkt, dass sie selbst das eher anmaßend findet. Herr Bachmann gibt ihr eine Eins minus. Um zu honorieren, wie weit sie in den wenigen Monaten gekommen ist.

Rabias Mutter taucht in der Sprechstunde auf und radebrecht was von Trennung vom Vater, leider müssten sie wegziehen. Bachmanns Bestürzung in diesem Moment spricht Bände über seine enge Bindung zu den Kindern. Rabia sei doch endlich irgendwo angekommen, machen Sie das nicht, es wär' so gut, wenn sie hierbleiben könnte. Rabia sitzt mit schiefem Lächeln daneben und schielt zu ihrer Mutter. Man fiebert von dem Moment an, was aus dem Mädchen wird, und ist jedes Mal erleichtert, wenn Rabia noch im Klassenzimmer sitzt.

Hessen ist nicht ganz so grausam wie Bayern, wo immer noch entgegen allen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen nach vier Schuljahren, im Alter von zehn Jahren, darüber entschieden wird, welche Wege einem Menschen offenstehen oder eben nicht. In Stadtallendorf wird die Sortiermaschine erst in der sechsten Klasse angeworfen. In einem "Aspekte"-Beitrag zu Speths Film werden einige der Kinder heute, vier Jahre nach den Dreharbeiten, noch mal besucht. Ayman, damals so quecksilbrig vorlaut, dass Bachmann ihn immer wieder streng ermahnen muss, sagt rückblickend: "Die anderen haben über uns gelacht, ihr macht ja den ganzen Tag nur Musik. Aber die Hälfte hat es aufs Gymnasiums geschafft." Von den anderen haben fünf einen Realabschluss, zwei immerhin den Hauptschulabschluss, das ist alles weit über dem Durchschnitt. Es scheint sich also auch fachlich zu lohnen, wenn man seine Schüler einfach jeden Tag wahrnimmt.

Herr Bachmann und seine Klasse, Deutschland 2021 - Regie: Maria Speth. Kamera: Reinhold Vorschneider. Grandfilm, 217 Minuten.

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