Hermann Parzingers Buch "Verdammt und vernichtet":Radikaler Raub

Hermann Parzingers Buch "Verdammt und vernichtet": Zerstörung des berühmten Baal-Tempels, seit 1980 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, durch den IS im syrischen Palmyra im August 2015.

Zerstörung des berühmten Baal-Tempels, seit 1980 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, durch den IS im syrischen Palmyra im August 2015.

(Foto: Uncredited/AP)

Als Museumschef wird Hermann Parzinger scharf kritisiert für mangelnde Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit. Sein neues Buch handelt von der Geschichte der Kulturzerstörungen. Hat er dazugelernt?

Von Mark Terkessidis

In den vergangenen Jahren dürfte Hermann Parzinger ziemlich unter Druck gestanden haben. Seit er zusammen mit Neil McGregor und Horst Bredekamp 2015 die Gründungsintendanz des Humboldt-Forums übernahm, hagelte es Kritik an dem Projekt. Kaum hatte er 2018 die Intendanz an Hartmut Dorgerloh übergeben, stand die von ihm geleitete "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" unter Beschuss, zu der unter anderem alle 15 staatlichen Museen in Berlin gehören - "dysfunktional" und "strukturell überfordert" lautete das harsche Urteil des deutschen Wissenschaftsrates. Wenn der Experte für die Geschichte der Skythen nun ein neues Buch über "Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart" vorlegt, weckt das Neugier. Unwillkürlich tauchen Fragen auf, Fragen über die Zukunft der deutschen Museen und der hiesigen Museologie: Wie hat einer der wichtigsten deutschen Museumsbürokraten die ans Mark der Institutionen rührenden Konflikte der vergangenen Jahre verarbeitet und was hat er daraus gelernt?

Die Konzentration auf "Kulturzerstörung" hat natürlich etwas mit Museen und ihrer Funktion zu tun: Das Museum soll - nach der bisherigen Definition - das materielle Erbe der Menschheit aufbewahren und schützen. Das Buch knüpft aber auch an die Diskussionen um das Humboldt-Forum an, in denen sich Parzinger wiederholt auf das "Rettungsparadigma" der ethnologischen Sammlungen im 19. Jahrhundert berufen hatte.

Adolf Bastian, der erste Direktor des Berliner Völkerkundemuseums sah die Kulturen der geschichtslosen "Naturvölker" durch die immer ausgreifendere Herrschaft der Europäer in Gefahr und wollte so viele Objekte wie möglich sammeln, um sie vor Zerstörung zu "retten". Allerdings hatte Bastian weder ein Problem mit dem Kolonialismus - es gab eben "Kulturvölker", die Geschichte schrieben und sich dabei andere einverleibten - noch mit der Belieferung seines Museums aus den deutschen Kolonien. "Gerettet" werden sollten Objekte, und genau an deren Herkunft aus einem kolonialen Zusammenhang hatte sich der Steit um das Humboldt-Forum maßgeblich entzündet.

Dass "Kulturerbe" nicht objektiv und neutral ist, kommt ihm überhaupt nicht in den Sinn

In "Verdammt und vernichtet" wirft Parzinger nun einen Blick auf alle möglichen Phänomene des Ikonoklasmus. Die Reise geht von Tempelzerstörungen im Altertum oder dem byzantinischen Bildersturm gegen die Klöster über die reformatorischen Vernichtungen kirchlichen Prunks hin zu den Verheerungen, die Revolutionen, Kriege (alte und neue) oder der Nationalsozialismus angerichtet haben. Unausgesprochen versteht Parzinger dabei unter Kultur ausschließlich Bauwerke, Bibliotheken, Tempel, Statuen, Fresken, Gemälde, Bücher, Denkmäler, Porzellan. Kulturerbe sei "materialisierte Geschichte" und daher "seit jeher eng mit kollektiver Erinnerung verbunden, für die Schaffung von Identität und deren Fortbestehen hatte es zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung".

Aber wessen Erinnerung und "Identität" wird materialisiert? Offenbar konnte Parzinger die Konflikte um das Humboldt-Forum gar nicht verstehen, weil der Begriff "Kulturerbe" für ihn so selbstverständlich ist. Angriffe auf dieses Erbe werden im Buch zwar historisch hergeleitet, aber im Grunde bleiben sie dem Prähistoriker völlig unverständlich. Dass "Kulturerbe" nicht objektiv und neutral ist, dass es permanent ausgewählt und oft gewaltsam "bereinigt" wird, dass es zumeist eine höchst perspektivische Version der Geschichte symbolisiert, die Personen ausschließt, ihre Unterdrückung relativiert oder deren Beitrag zur Geschichte unsichtbar macht - das kommt ihm überhaupt nicht in den Sinn.

Sich mit der Kulturzerstörung im Kontext kolonialer Eroberungen zu befassen, verspricht Parzinger gleich im Vorwort, das sei ja verbunden "mit dem Streben des Humboldt Forums nach einer kritischen Reflexion der kolonialen Vergangenheit". Nun gab es so ein "Streben" nicht, sondern die Einrichtung reagierte unwillig und langsam auf die massive Kritik von außen. Insofern wird der deutsche Kolonialismus im Buch auch eher gemieden. Das Thema kommt nur nur bei der Beschreibung des "Boxeraufstandes" in China vor (was eine Intervention von mehreren europäischen Nationen war). Auf zwei von insgesamt 368 Seiten. Ansonsten geht es um die Zerstörungen, die spanische und britische Eroberungen angerichtet haben.

Hier stehen wiederum zerstörte oder geraubte Objekte im Vordergrund, etwa die Benin-Bronzen. Doch die angebliche "Kulturmission" des Kolonialismus war keineswegs nur ein Angriff auf Kunstgegenstände, sondern auf die ganze Lebensweise der Personen in den eroberten Gebieten. Tatsächlich hat die von Parzinger in Sachen "Kulturschutz" oft zitierte UNESCO dieser Tatsache schon früh Rechnung getragen, als sie den Kulturbegriff über Artefakte hinaus erweiterte. Bei der Generalkonferenz von Nairobi 1976 etwa wurden Empfehlungen verabschiedet, in denen der Begriff Kultur ausgedehnt wurde "auf alle Formen der Kreativität und des Ausdrucks von Gruppen oder einzelnen, sei es in der Lebensweise oder in der künstlerischen Betätigung". Dies war verbunden mit Forderungen nach einer "Teilnahme und Mitwirkung aller Bevölkerungsschichten".

Das Zerstörungswerk des Kolonialismus zielte auch auf die immaterielle Kultur der Kolonisierten

Diese Empfehlungen waren auch ein Ergebnis der Dekolonisierung, die ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war. Bei der UNESCO wurden etwa die Gedanken des kenianischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong'o (damals noch James Ngugi) oder des kapverdischen Revolutionärs Amilcar Cabral aufgenommen, die der Kultur bei der Befreiung der Kolonisierten eine große Rolle beimaßen. Mit Kultur war nach Ngugi das "Ethos" einer Gesellschaft gemeint, das Folklore ebenso umfasste wie Riten und Zeremonien. Tatsächlich zielte das Zerstörungswerk des Kolonialismus nicht nur auf die Vernichtung oder den Raub von Gegenständen, sondern exakt auf dieses Ethos der Kolonisierten.

Um die Kolonien rentabel zu machen, wurden ständig Arbeitskräfte benötigt, für die Landwirtschaft, den Rohstoffabbau oder die Entwicklung der Infrastruktur. Um diese Arbeitskräfte zu rekrutieren, wurden anfangs Personen zu Zwangsarbeit verpflichtet, doch mehr und mehr verlegte man sich auf den systematischen Angriff auf alle Lebensgrundlagen: Zumal gemeinschaftlich genutzte landwirtschaftliche Gebiete wurden enteignet, die Jagd verboten und - ohne Gegenleistungen - Steuern erhoben. Irgendwann blieb den Bewohnern nichts anderes übrig, als für die Kolonialisten zu arbeiten. Wer würde behaupten, dass ein solcher Angriff nicht alle Landkarten der Bedeutung durchkreuzte, die Vorstellungen von Wirtschaften, Raum- und Zeitorganisation, wie auch Werte und Normen?

Die Erweiterung des Kulturbegriffs in den Siebzigern hat Hermann Parzinger komplett verpasst und ist damit leider kein Einzelfall in der deutschen Museologie. Immer geht es um Objekte, um Sammlungen, die einen "objektiven" Wert haben, der von Wissenschaftlern bestimmt wird. Doch Objekte besitzen auch eine soziale Bedeutung, die ihnen von den Personen verliehen wurde und wird, die sie verwendet oder auch nur betrachtet haben.

Gerade hat das International Council of Museums (ICOM) sich an einer Neudefinition des Museums versucht. Museen, meint der Verband, seien "demokratisierende, inklusive und vielstimmige Räume für den kritischen Dialog über Vergangenheit und Zukunft". Mit Blick auf Parzingers unhinterfragte Vorstellungen von Kultur ist es kaum verwunderlich, dass diese Definition zumal bei den Oberen der deutschen ICOM-Sektion auf wenig Gegenliebe stieß. Doch genau dieser kritische Dialog könnte das "Kulturerbe" durch kollaborative Verfahren zugänglich machen, aushandeln, erneuern - und so auch vor Angriffen schützen.

An Parzingers Buch lässt sich die Unfähigkeit eines großen Teils der deutschen Kulturbürokratie ablesen, die aktuellen Konflikte zu verstehen, geschweige denn aus dem Streit etwas zu lernen. Es wird ein langer Weg zur Erneuerung der Museen und des Kulturerbes.

© SZ/crab
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