Hermann Parzinger Bauaufsicht

Was passiert mit Berlins Museen? Warum gibt es keinen freien Eintritt? Und wann wird man am Humboldt-Forum baden können?

Interview von Jens Bisky

Seit 2007 ist der Prähistoriker Hermann Parzinger Präsident der größten deutschen Kultureinrichtung, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Dazu gehören der gesamte Komplex der Staatlichen Museen Berlin, die Staatsbibliothek und das Geheime Preußische Staatsarchiv. Die großen Baustellen der Stiftung - Sanierung der Museumsinsel, Humboldt-Forum, Museum der Moderne - prägen das Berliner Stadtbild und liefern immer wieder Stoff für Richtungsstreit und Debatten. Wir trafen Hermann Parzinger zu einem Gespräch über den Stand der Dinge.

SZ: Vor einigen Wochen konnte man im Spiegel lesen, Berlin sei die langweiligste Museumshauptstadt: viel zu wenige Besucher, zu wenig große Ausstellungen. Das kann Sie nicht kaltlassen . . .

Hermann Parzinger: Diese Polemik lässt unsere vielen Baustellen außer Acht. Es sind in Berlin so viele Museen geschlossen wie nie zuvor. Dennoch laufen tolle Ausstellungen, "ImEx" etwa in der Alten Nationalgalerie mit 100 000 Besuchern in den ersten neun Wochen oder "Das verschwundene Museum" im Bode-Museum oder, ebenfalls dort: "Ein Gott - Abrahams Erben am Nil". Das sind Ausstellungen, die unsere eigenen großartigen Sammlungen in den Mittelpunkt stellen. Wir haben ein sehr gutes, sich stets erweiterndes Programm zur kulturellen Bildung; ein neues Projekt, gefördert von der Bundeskulturstiftung, wird das Bode-Museum in ein regelrechtes Vermittlungslabor verwandeln.

Also alles in bester Ordnung?

Wir müssen auch selbstkritisch sein. Beim Marketing und in der Außendarstellung müssen wir deutlich besser werden, hier stehen die Staatlichen Museen in der Pflicht. Ich habe jetzt eine Arbeitsgruppe dazu eingesetzt. Am Kulturforum etwa ist die Neue Nationalgalerie geschlossen, weil der Mies-van-der-Rohe-Bau saniert werden muss, aber wir haben es bisher nicht geschafft, den Fokus stattdessen stärker auf die nahe gelegene Gemäldegalerie mit ihrer weltbekannten Sammlung zu lenken oder auf das Kupferstichkabinett mit seinem hervorragenden Beständen. Das müssen und das wollen wir aber leisten.

Wäre es nicht einfacher, Sie würden freien Eintritt gewähren? Dann kommen die Leute auch ohne museumspädagogische Hilfestellung.

Vermittlung und kostenloser Zugang sind ja nicht dasselbe. Museen haben eine besondere Aufgabe in der gesellschaftlichen Integration. Das Bode-Museum mit seiner Skulpturensammlung etwa wurde in Pilotprojekten als "Museum der Gefühle" vorgestellt - und zwar für Schulklassen aus Berlin-Neukölln, für Jugendliche, denen die Bildhauerkunst christlicher Prägung nicht besonders zugänglich ist. Nach einigen Wochen haben die Jugendlichen das Museum als ihr Haus empfunden, sie sind mit Familien, mit Freunden wiedergekommen. An solche Erfahrungen knüpfen wir nun an, mit einer eigenen Kuratorenstelle und Modellversuchen, die allen Museen in Deutschland zugutekommen sollen.

Gut, das ist die Vermittlungsarbeit. Wären Sie trotzdem dafür, freien Eintritt zu gewähren?

Welcher Museumsdirektor wäre nicht dafür? Aber wir brauchen die Einnahmen, auch für ständig steigende Betriebs- und Personalkosten.

Um welche Summe geht es?

Im Jahr nehmen wir um die 30 Millionen Euro ein, den Großteil davon durch Eintrittsgelder. Aufgrund der Sanierungen verlieren wir Einnahmen, außerdem kommen Kostenaufwüchse hinzu, etwa durch Tariferhöhungen, steigende Energiekosten und den Betrieb weiterer Standorte. Die Eintrittsgelder brauchen wir also auf jeden Fall, um überhaupt arbeitsfähig zu bleiben. Bei freiem Eintritt müssten die Träger der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, also der Bund und die Länder, diese Mittel zur Verfügung stellen.

Blick aus dem Rohbau des Humboldt-Forums, der Teilrekonstruktion des Berliner Schlosses: links die Friedrichswerdersche Kirche.

(Foto: Regina Schmeken)

Für ein neues Museum der Moderne wurde im vergangenen Jahr Geld bewilligt. Es soll am Kulturforum entstehen, dessen Ödnis seit Jahrzehnten beklagt wird. Zwei Standorte waren im Gespräch, welcher ist Ihnen der liebste?

Sigismundstraße oder Potsdamer Straße - darüber wurde lange diskutiert. Inzwischen geht es nur noch um die Potsdamer. Der Standort ist der beste, weil wir da eine größere Fläche haben. Wir können dort ein Gebäude mit 14 000 Quadratmetern Nutzfläche errichten, die wir brauchen. Und man kann den ganzen Ort beleben. Es wird kein eigentlicher städtebaulicher Wettbewerb vorgeschaltet, wohl aber ein offener Ideenwettbewerb mit städtebaulichen Komponenten. Für die Aufwertung des zentralen Bereichs, für die Eingangssituation mit der Piazzetta kann der Neubau viel bewirken, eine Verbindung schlagen von Mies van der Rohes Kunsttempel hin zu den übrigen Gebäuden, zu Hans Scharouns Philharmonie und Staatsbibliothek. Der Entwurf wird sich einerseits zurücknehmen müssen gegenüber diesen Ikonen der Architektur, doch er sollte eine eigene architektonische Qualität besitzen, die in dieser Nachbarschaft Bestand hat.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich gehe davon aus, dass wir noch im Sommer den Ideenwettbewerb ausschreiben, dann folgt der Realisierungswettbewerb. 2016 werden wir deutlich mehr wissen.

Viele Häuser sind derzeit geschlossen, die Neue Nationalgalerie, wichtige Säle im Pergamonmuseum. Geschlossen ist aufgrund dramatischer Schäden seit drei Jahren auch ein Museum, das längst fertigsaniert war: die Friedrichswerdersche Kirche. Was ist da schiefgelaufen?

Es ist extrem irritierend, wenn im unmittelbaren Umfeld der Friedrichswerderschen Kirche Neubauten entstehen, ohne dass vorher die möglichen Folgen ausreichend untersucht werden. Man hat ja später an einem Computermodell die Erschütterungen durch Erdarbeiten simuliert. Warum hat man das nicht vorher gemacht? Aber nachdem die Schäden erkannt waren, haben sich Bauherr, Kirchengemeinde und wir als Mieter sowie das Land Berlin zusammengesetzt und die entsprechenden Maßnahmen ergriffen. Einspritzungen in die Fundamente zum Beispiel haben Schlimmeres verhindert. Seitdem scheint der Bau erst einmal gesichert zu sein. Aber die Skulpturen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die dort wunderbar präsentiert waren, mussten wir sofort und auf unabsehbare Zeit in Sicherheit bringen. Das ist sehr unerfreulich.

Wann wird die Kirche wieder eröffnet?

Man wird über eine Eröffnung erst reden können, wenn die Baumaßnahmen ringsum abgeschlossen sind. Dann hoffen wir, dass wir das Haus schnell wieder bespielen können.

Dort hatten Sie bis zu 170 000 Besucher im Jahr.

Ja, das war für diese besondere Spielstätte der Alten Nationalgalerie enorm erfolgreich.

Die Kosten für die Sanierung und die Einnahmeausfälle übernimmt der Bauherr, die Bauwert Investment Group?

Für die Kompensation der Schäden kommt der Bauunternehmer auf.

Es gibt den schönen Vorschlag, an der Museumsinsel noch mehr zu bauen und da ein Flussbad einzurichten. Warum wehren Sie sich dagegen?

Es ist eine faszinierende Idee, diesen Spreearm ökologisch zu reinigen. Wenn man aber ein öffentliches Freibad zwischen Museumsinsel und Humboldt-Forum einrichten will, darf man dafür nicht die Schinkelsche Ufermauer neben dem Alten Museum einreißen, um dort eine Freitreppe für die Badenden zu errichten. Dann soll es unter dem Einheits- und Freiheitsdenkmal (es soll nach Bundestagsbeschluss auf dem Sockel des abgetragenen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals errichtet werden, Anm. d. Red.) ein paar Umkleidekabinen geben. Ich frage mich, wie man sich das vorzustellen hätte, denn dort würden ja nicht nur einige wenige Personen baden. Wo sollen die notwendigen Toilettenanlagen entstehen? Wollen wir wirklich, dass an der Museumsinsel gegrillt, Party gefeiert, getrunken wird? Wohin mit den Flaschen, den Dosen, dem Abfall? Ich bin neugierig, was die Unesco und das Welterbezentrum zu solchen Eingriffen sagen werden. Bei den Sanierungen im Pergamonmuseum gibt es ja Diskussionen über jede Mauer, die man verändert.

Hermann Parzinger, 1959 in München geboren, ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und einer der Absolventen des Gymnasiums.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Aber braucht die Mitte nicht einen Ort für die Berliner, inmitten der Museen und Touristenströme?

Wenn nur die Touristen in Berlin ins Museum gehen und die Berliner an der Museumsinsel nur baden wollten - dann hätten wir etwas falsch gemacht. Die Museen und das Humboldt-Forum sind doch gerade auch für die Berliner da. Und wir haben viele Besucher aus Berlin in unseren Häusern.

Haben Sie mit den Flussbad-Initiatoren gesprochen?

Vor zwei oder drei Jahren waren sie mal bei mir und haben die Idee vorgestellt. Dass das aber so weitgehende Eingriffe in die Museumsinsel zur Folge haben würde, war damals noch nicht so absehbar.

Neben der möglichen Flussbadestelle entsteht das Humboldt-Forum, zu dessen Gründungsintendanz Sie, Neil MacGregor und Horst Bredekamp gehören. Haben Sie sich schon einmal in Ruhe getroffen?

Wir haben uns bereits mehrmals getroffen, stehen in kontinuierlichem Kontakt. Aber bis Ende des Jahres hat Neil MacGregor noch sein Amt am Britischen Museum inne. Wir freuen uns alle drei auf den Moment, wenn er länger in Berlin sein wird und wir richtig loslegen können.

Wissen Sie, was das Land Berlin und was die Humboldt-Universität im teilrekonstruierten Schloss zeigen werden?

Der Humboldt-Universität stehen 1000 Quadratmeter zur Verfügung. Es soll dort Wechselausstellungen zu Fragen und Herausforderungen der modernen Wissenschaft geben. Der Berliner Bereich ist mit 4000 Quadratmetern wesentlich größer. Der neue Vorschlag "Welt. Stadt. Berlin" hatte vielleicht etwas viel Marketingsprache im Konzeptpapier. Aber ich finde es richtig, die Öffnung Berlins zur Welt zu thematisieren. Da kann man mit den Gebrüdern Humboldt anfangen, einem positiven Beispiel. Aber es gibt auch negative: etwa die Berliner Kongo-Konferenz (1884/85). Beides gehört ja auch zum historischen Hintergrund unserer Sammlungen.

Kurz vor dem Richtfest für das Humboldt-Forum hat die Stiftung Leitlinien zum Umgang mit den Sammlungen verabschiedet. Darin sprechen Sie von "shared heritage", also geteiltem Erbe. Was ist damit gemeint?

Wir haben ja in Berlin Sammlungen aus aller Welt. Das geht auf das universale Sammeln im 18. und 19. Jahrhundert zurück. Bis heute sind sie unschätzbar wertvolle Quellen des Wissens über Kulturentwicklungen in den unterschiedlichen Weltregionen. Und immer stärker interessieren wir uns auch für die Herkunft der Objekte. Unseren Blick auf die Dinge wollen wir ergänzen durch die Geschichten, die die Herkunftsgesellschaften damit verbinden. "Shared Heritage" heißt für mich gemeinsame Verantwortung bei der Erforschung und Präsentation der Sammlungen. Durch diese enge Zusammenarbeit wollen wir auch andere Perspektiven einbinden. So wird zum Beispiel der chinesische Architekt Wang Shu im dritten Geschoss den Raum zur chinesischen Hofkunst gestalten. Eine solche Zusammenarbeit ist in Europa noch nicht so häufig erprobt worden. Und unser Angebot für einen derart konkreten Dialog der Kulturen wird von allen sehr gerne angenommen.

Gibt es auch Abwehr? Rückforderungen?

Es gibt keine einzige Rückforderung, die von staatlicher Stelle vorgetragen wird. Gäbe es sie, würden wir sie prüfen. Unsere Museen sind ja keine Trophäen-Sammlungen voller Raub- und Beutekunst, wie oft unterstellt wird. Als Universalmuseum bietet die Gesamtheit der Sammlungen der Stiftung vielmehr einzigartige Möglichkeiten, die gesamte Welt zu betrachten. Der transparente Umgang mit der Herkunft der Bestände gehört zur Präsentation dazu.