Hermann Kant wird 90 Ein bisschen Wirklichkeit

Von Hamburg über Warschau in die DDR: Hermann Kant.

(Foto: dpa)

Hermann Kant war einer der erfolgreichsten Autoren der DDR - und wurde nach 1989 zu einem ihrer meist geschmähten Funktionäre. Nun feiert er seinen 90. Geburtstag.

Von Jens Bisky

Es gibt im Leben des Schriftstellers Hermann Kant kaum eine uninteressante Episode und nahezu jede bietet Anlass zum Streit, zur Überprüfung deutsch-deutscher Wahrnehmungen und Illusionen.

1926 in Hamburg geboren, wurde Kant gegen Ende des Krieges Soldat, geriet 1945 in Polen in Gefangenschaft, war erst im Gefängnis Mokotów, dann in einem Arbeitslager in Warschau, wo er das Antifa-Komitee mitbegründete. Heimkehr, Entscheidung für die SED und die DDR waren eins.

Kant studierte zunächst an der Arbeiter- und- Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald. Hier sollten jene die Höhen des Wissens erklimmen, denen bis dahin akademische Karrieren verschlossen geblieben waren.

Ein Studium der Germanistik an der Berliner Humboldt-Universität folgte, Kant wurde Assistent von Alfred Kantorowicz, der zu den ersten 1933 von den Nazis Ausgebürgerten gehört und mit dem Tschapajew-Bataillon im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. Um der Verhaftung zu entgehen, floh Kantorowicz 1957 nach West-Berlin.

Kant blieb im Osten und Chefredakteur der Zeitschrift tua res, die sich an Studenten im Westen richtete. Er schrieb für Zeitungen und Zeitschriften.

Sein erster Roman "Die Aula" wurde in beiden deutschen Staaten gern gelesen

1962 erschien sein Erzählungsband "Ein bißchen Südsee", 1965 dann der Roman, der ihm seinen Platz in den Literaturgeschichten sichert: "Die Aula", eine humoristische Bilanz der ABF-Jahre.

Das Buch wurde in der DDR wie in der Bundesrepublik viel gekauft und gern gelesen. Der Fischer Verlag stellte die Taschenbuchausgabe bis 1989 (206. Tausend) so vor: "'Die Aula' des gebürtigen Hamburgers und jetzigen DDR-Bürgers Hermann Kant schildert ein Stück deutsche Wirklichkeit, das den meisten von uns kaum bekannt, aber nichtsdestoweniger Teil unseres nationalen Schicksals ist."

Musste es nicht als Fortschritt gelten, dass nun auch in der DDR-Literatur ein unsympathischer Antifaschist vorkam? Der neue Mann der Mutter des Helden hatte im KZ gesessen, aber der junge ABF-Kader kam schlecht mit ihm aus.

"Besonders geschickte Form der Verklärung"

War es nicht ein Fortschritt, dass ausführlich von einem Republikflüchtling erzählt wurde? Warum der organisatorisch und rhetorisch pfiffige Quasi Riek - den Namen kannte in der DDR jeder - die ABF in Richtung Hamburg verlassen hatte, wurde im Buch nicht verraten. Wahrscheinlich ging er im Auftrag der Staatssicherheit als Spion, als "Kundschafter" in den Westen.

Hermann Kant soll seit Ende der Fünfzigerjahre Kontakte zum MfS gehabt und als IM "Martin" geführt worden sein. Er hat dies bestritten und zugleich darauf hingewiesen, dass ihm am Schutz des Sozialismus gelegen war.

Günter de Bruyn hielt "Die Aula" für eine "besonders geschickte Form der Verklärung". Unwissende mochten sie für Kritik halten. Die "rigorosen Methoden und ideologischen Engstirnigkeiten der Anfangsjahre" seien in "putzige Kuriositäten" verwandelt, die Opfer verschwiegen worden.