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Herman van Veen:Lieder zum Trost

Sage und schreibe 179 Alben hat Herman van Veen in fast 50 Jahren veröffentlicht.

(Foto: Jaap de Boer)

Der große niederländische Sänger und Poet kommt in die Philharmonie

Von Dirk Wagner

Wäre Herman van Veen eine Band, wäre mit seinem Pianisten Erik van der Wurff im September 2014 ein Gründungsmitglied gestorben. Fast 50 Jahre standen die beiden, die sich 1961 auf dem Konservatorium in Utrecht kennengelernt hatten, gemeinsam auf der Bühne. Umso einsamer steht auf ihr nun der Konzertflügel, an welchem sich jetzt auch mal Herman van Veen selbst setzt, um mit seinem Klavierspiel einen Musiker zu ersetzen, den man gar nicht ersetzen kann. "Jemand wird begreifen, dass wer stirbt, derjenige ist, der zurückbleibt", singt van Veen auf seinem hundertneunundsiebzigsten Album "Fallen Oder Springen", das zugleich auch das erste Album nach dem Tod von Erik van der Wurff ist. Darum glaubt man auch, es könnten dessen Schuhe sein, die - von Letja Verstijnen fotografiert- das Cover der neuen Platte zieren. Ganz zart steht daneben "50 Jahre unterwegs" geschrieben, wobei im Schriftzug die Zahlen an zwei Augen erinnern, und die Worte darunter an einen lächelnden Mund.

"Als mir klar wurde, dass Erik van der Wurff, mit dem ich fast fünfzig Jahre zusammengespielt habe, unheilbar krank war, realisierte ich stärker als jemals zuvor, dass die Welt bei einem solchen Kummer nicht stillsteht. Und dass sie gnadenlos und glücklich weitermacht", sagt Herman van Veen über sein Lied "Jemand", das auf dem aktuellen Album zu finden ist. Das erschien in den Niederlanden schon vor zwei Jahren mit dem Titel "Kersvers". Auf deutsch kann das "Ganz frisch" heißen, ganz so, als wagte der 1945 geborene Herman van Veen vor zwei Jahren mit einer neuen, deutlich jüngeren Band einen Neuanfang.

Von der niederländischen Fachpresse wurde "Kersvers" als "eines der relevantesten Popalben des Jahres" gefeiert wurde. In einem anderen Kontext kann "kersvers" aber auch "gerade eben" bedeuten, so wie jemand gerade eben erst gekommen ist. Und so, wie die Augenblicke, die van Veen lyrisch zu fassen versteht, gerade eben passieren, und gerade eben, und gerade eben. Jemand stopft die Socken, jemand schreibt ein Gedicht, und jemand bringt sich um. Gerade eben.

Wenn der Tod eines Tages an seiner Tür klopft, würde er dafür sorgen, dass er nicht zu Hause ist, sagt van Veen. Und dann gelingt ihm gerade eben eines der schönsten Kirchenlieder: "Wenn du es sagst, wird es wahr sein, weil nie was anderes von deinen Lippen kam, auch wenn ich es nicht kapier", singt Herman van Veen anstelle von Josef, dem Maria gerade eben ihre unbefleckte Empfängnis offenbart hat. Gleich einem Mantra wiederholt van Veen den Text, unterlegt von einer warmen, beruhigenden Orgel. Dezent akzentuieren ein Bass und ein kurzer Hintergrundgesang die Musik, die ihre Hörer tröstend erfüllt. Und plötzlich drückt der Text nicht nur Josefs absolute Liebe zu Maria aus. Er wächst vielmehr zu einem Glaubensbekenntnis, das Kraft und Zuversicht in den traurig-lyrischen Grundton des gesamten Albums pflanzt. Tatsächlich stärkt jenes Mantra von van Veen auf eine Weise, als sei es selbst schon das ein Lied später verhandelte Wort, das "wahr ist wie Wasser". Jenes Wort also, von dem die Oma sagt, dass es immer dauern wird, "und wer es hört, ist nie alleine".

Edith Leerkes begleitet Herman van Veen in dem Lied "Oma Sagt" mit einem anmutigen Gitarrenspiel, das zeitlos schön ist, weil es mehr oder weniger die barocke Musik eines Johann Sebastian Bach mit der modernen Popmusik verbindet. Als könnte wenigstens die Musik ihre Vergänglichkeit aufheben. Aus solcher Unvergänglichkeit der Musik lächelt dann auch der ganz junge Hermann van Veen hervor, wie er 1972 zusammen mit Erik van der Wurff in München sein erstes Konzert überhaupt in Deutschland spielte.

Herman van Veen; Samstag, 22. Oktober, 20 Uhr, Philharmonie im Gasteig, Rosenheimerstr. 5

© SZ vom 20.10.2016
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