Herbert Achternbusch wird 70 Ein Grantler namens Herbert

Aber inzwischen ist es halt generell viel ruhiger geworden um den bayerischen poète maudit, der sich sowieso immer als "Außenseiter" fühlt und sich um Marktgängigkeit nicht schert. Man fragt sich, wovon er lebt, aber das fragt er sich selber auch.

Sein letzter Film, "Das Klatschen der einen Hand", ist von 2002 und hat selbst in Fan-Kreisen kaum begeisterte Lobbyisten gefunden; seine raren, radikal selbstbezüglichen Theatertexte gehen allenfalls als Liebhaberstücke durch (und gelangen als solche nur noch selten auf die Bühne); und malen, droht der Allroundkünstler beim Rundgang durch die Rathausgalerie, malen wolle er nun auch nicht mehr: "Was gleichbedeutend damit ist, dass ich nichts mehr zu sagen hab!"

Man muss das nicht für bare Münze nehmen. Sich trotzig zu verweigern und dies lautstark kundzutun, gehört genauso zu Achternbuschs Form des Grantlertums wie die Antwort, die er in "Servus Bayern" auf die Frage gibt, was er eigentlich in Bayern mache: "Ich leiste Widerstand." Vor allem der CSU und der katholischen Kirche - was 1983 in dem Skandal um seinen Film "Das Gespenst" kulminierte. Darin steigt Achternbusch als leibhaftiger Jesus vom Kreuz herab, um mit einer Nonne ein höchst irdisches Leben als Wirtshauskellner zu führen.

Wo alles herkommt

Der Sturm der Entrüstung ("Blasphemie!"), angeführt vom damaligem Innenminister Friedrich Zimmermann, führte dazu, dass dem Regisseur bereits bewilligte Fördergelder wieder aberkannt wurden. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, den Achternbusch erst 1992 gewann.

Achternbusch, als Filmemacher damals weitgehend kalt gestellt, wandte sich wieder der Malerei zu, jenem Fach, das er an der Kunstakademie Nürnberg und der Akademie der Bildenden Künste in München einst studiert hat. So entstand 1984 die Serie "Die Föhnforscher", Aquarelle auf Seiten der Süddeutschen, in der Münchner Ausstellung zu sehen neben den "Weihnachtsbildern", die er immer an Heiligabend malt, zuhause in seiner wie eine Höhle bemalten Wohnung in der Burgstraße, auf dem Fußboden, der ihm seit jeher das Atelier ersetzt: großformatige Arbeiten in Wasserfarbentechnik auf Papierbahnen, Bambus, Raufasertapeten, hingeworfen wie von Kinderhand, farbig, expressiv, naiv exzessiv.

Die meisten Gemälde greifen Motive aus der griechischen Mythologie auf, für die sich Achternbusch begeistert, seit er 1962 zum ersten Mal in Athen und auf der Akropolis war. "Weil von dort", sagt er, "kommt alles her, und es geht darum, dass man zu einem Ursprung zurückfindet."

Auf einem der Bilder hat er sich selbst an der Seite seiner Kinder - er hat insgesamt sechs - als Sisyphos verewigt, "weil ich gern schufte"; und zu dem abstrakten Löwen, der störrisch an der Leine von Aphrodite zerrt, erklärt er: "Der möcht' zum Saufen nach Andechs!" Womit der Kreislauf der Achternbuschbahn wieder geschlossen wäre: von Andechs nach Athen und zurück - ein Lebenslauf.

Die Hirn- und Hitler-Wut

Ohnehin bildet Achternbuschs Oeuvre im wahrsten Sinne des Wortes ein Lebenswerk: all seine Freundschaften, Liebschaften, Feindschaften, all seine Lebens- und Leidensstationen, seine ewige Hirn- und Hitler-Wut sind darin wie in einem großen, autobiographischen Roman verarbeitet: Herbert und wie er die Welt sah. Gedreht hat er fast ausschließlich mit Freunden, allen voran Sepp und Annamirl Bierbichler, mit denen er in den achtziger Jahren zusammen in Ambach lebte, am Starnberger See, dort, wo er Annamirl acht Jahre lang liebte, bevor er sie für eine 30 Jahre Jüngere verließ.

Und im Mittelpunkt seiner insgesamt 29 Filme, von denen fünf nun endlich auf DVD erschienen sind, steht immer er, Achternbusch, der Künstler, der - in welcher Verkleidung auch immer - seine eigene Existenz in einer (kunst)feindlichen Welt befragt. Seine Biographie braucht dieser Achternbusch nicht mehr zu schreiben. "Das hieße Schnee auf Raureif häufen", so formuliert er es selber in der Sprache der ZEN-Buddhisten.

Auch seine jüngsten vier Theaterstücke, versammelt in dem Band "Der gelbe Hahn der Nacht" (erschienen im Fischer Taschenbuchverlag) sind autobiographische Aufarbeitungstexte, in denen man alle wiedertrifft, die Achternbusch lieb und teuer oder eben - wie der verhasste Titelheld Hitler in dem Stück "Der Weltmeister" - ungeheuer sind: seine Oma, bei der er aufgewachsen ist, seine Mutter Luise, die erst ihre Sportkarriere vorangetrieben und sich dann erschossen hat ("wie der Hitler"), der Bierbichler, mit dem er zerstritten ist - und Annamirl natürlich, die 2005 gestorben ist. In dem Stück "Einklang" tritt er als "Mann" in Dialog mit ihr, der "Frau", die ihm eine "verletzte Kinderseele" attestiert - es ist ein Dokument ihrer Beziehung, authentisch bis zur Schmerzgrenze.

Am Ende unseres Ausstellungsrundgangs machen wir noch einen Einkaufsbummel im Kaufhaus Beck, denn Achternbusch friert und will sich einen Schal zulegen. In der Accessoire-Abteilung bleibt er plötzlich vor seinem Spiegelbild stehen, entsetzt darüber, was für ein "oider Krauterer" er doch geworden sei. Den Trost, er sei doch gesund und gut beieinander, schmettert er mit dem Selbsthass des notorischen Grantlers ab: Er sei in erster Linie "ein Depp". Das mag vielleicht sein - aber der genialste, den Bayern hat.