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Hendrix-Schlagzeuger Mitchell tot:Von wegen Vierviertelknecht

Mitch Mitchell ist im Alter von 62 Jahren gestorben. Als Schlagzeuger an der Seite von Jimi Hendrix galt er als einer der bedeutendsten Rockschlagzeuger seiner Zeit.

K. Bruckmaier

Es sei schwierig gewesen, in den frühen sechziger Jahren kein Genie zu sein, schreibt der Rolling-Stones-Manager Andrew Oldham. Das Buch der populären Kultur wurde eben erst aufgeschlagen, und jeder Eintrag war ein neuer Eintrag - stilbildend, frisch, jung, sexy.

Der Drummer Mitch Mitchell bei einem Konzert im vergangenen Jahr im Hippodrom in London.

(Foto: Foto: Reuters)

Ein flamboyanter Gitarrist aus Seattle namens Jimi Hendrix bekam im London des Jahres 1966 gerade LSD-bunte Klamotten und ein neues Image verpasst; für seine revolutionär anmutende Musikmischung aus Plastik-Boogie und afroamerikanischer Show-Expertise brauchte er mindestens einen Bassisten und mindestens einen Schlagzeuger.

Der 21-jährige Noel Redding wechselte für die neue Band das Saiteninstrument, zum Schlagzeuger wurde Mitch Mitchell erkoren, 19 Jahre jung, gerade aus den Pretty Things und dann aus Vincent Price' Band geflogen. Eine Münze soll es gewesen sein, die zwischen Mitchell und dem Schlagzeug-Konkurrenten Ainsley Dunbar zu entscheiden hatte - Glück gehabt?

Hendrix' Manager Chas Chandler setzte sein schwarz-weißes Trio jedenfalls auf das Hitparadengleis, und nie gehörte Töne und Attitüden begannen die Clubs und dann Stadien zu füllen, zuerst lustigerweise als Vorgruppe für die Monkees (1967 in den USA) oder den französischen Rock'n'Roller Johnny Halliday: Popmusik lebt von ihren Missverständnissen.

Ganz im Geiste Jimis

Die Jimi Hendrix Experience spielte auch bald in München; hier wurde erstmals Hendrix' Gitarre zertrümmert, und in Mitchells Worten boten sich außerdem "new dimensions in German audience freakout". Der Zauber der Experience währte nur bis 1969, dann wollte Hendrix amerikanischere, schwärzere Wege gehen, griff aber bis zu seinem unzeitigen Tod immer wieder auf Mitch Mitchell als Schlagzeuger zurück.

Hendrix' Tod scheint auch eine Katastrophe für Mitch Mitchell, den Miet-Schlagzeuger gewesen zu sein. Er arbeitete danach noch an ein paar postumen Hendrix-Editionen mit, tourte mit einigen Hendrix-Gedächtnisbands, schrieb ein Buch über seinen Bandleader und half dessen Vater, den Nachlass auszubeuten; aber als eigenständiger Musiker trat er kaum mehr in Erscheinung.

Dabei dürfte dies die größte Verschwendung gewesen sein - Mitch Mitchell galt neben Keith Moon als bedeutendster Rock-Schlagzeuger seiner Zeit, ein Robert Wyatt stellte ihm gar das Zeugnis aus, erst sein durch Elvin Bishop beeinflusstes, jazziges Spiel habe den Vierviertelknechten jener Jahre die Ohren geöffnet für die neuen Dimensionen, die der Rockmusik offen standen - damit war er ein kongenialer Partner eines Jimi Hendrix und keine Marketingmaßnahme, um weiße Teenager anzulocken. Mit 62 Jahren ist Mitch Mitchell nun in Oregon nach Abschluss einer Hendrix-Gedächtnis-Tournee gestorben.

© SZ vom 14.11.2008/ssc
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