Süddeutsche Zeitung

Helmut Schmidt als  Kunstsammler:Eingetrübt

Als Kunstfreund wollte der ehemalige Bundeskanzler sein Image aufpolieren. Eine Schau in Hamburg räumt mit Mythen auf.

Von Till Briegleb

Als 2019 in Berlin die große Ausstellung "Emil Nolde - eine deutsche Legende" endgültig mit der Vorstellung aufräumte, dieser Maler sei ein Opfer des Nationalsozialismus gewesen, wo Nolde tatsächlich als glühender Antisemit und hitlertreu bis zur Kapitulation vehement für seine Anerkennung als größter Künstler des Dritten Reichs gekämpft hatte, da tauchte auch Helmut Schmidts "Nolde-Zimmer" wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Nach seinem Einzug ins neue Kanzleramt 1976 hatte Schmidt die Gänge und Zimmer des Bonner Flachbaus mit angeblicher Wiedergutmachungskunst behängen lassen, also vornehmlich von Künstlern des Expressionismus. An seinem Amtszimmer ließ er besagtes Schild anbringen, das ihm die Gelegenheit bot, vor Noldes Gemälde "Meer III", das drinnen hing, Besucher darauf hinzuweisen, dass der große Stellenwert einst "entarteter" Kunst im Zentrum der neuen Demokratie beweise, wie ernst es ihr mit dem Guten und Rechten sei.

Wie konnte sich ein Kanzler ohne Privatvermögen diese illustre Kollektion leisten?

Dass diese Verhältnisse nicht ganz so glasklar bestanden, sowohl was die demokratische Beweiskraft expressionistischer Malerei als auch was Schmidts eigenes Verhältnis zur Kunst und seiner Vergangenheit bis 1945 betrifft, das ist jetzt wieder Thema im Rahmen der Ausstellung "Kanzlers Kunst" im Ernst-Barlach-Haus in Hamburg. Präsentiert werden rund 140 Werke, mit denen Loki und Helmut Schmidt ihr Privathaus in Hamburg-Langenhorn in engster Petersburger Hängung dekoriert hatten und die hier jetzt als vernünftig luftige Präsentation vor allem den lebendigen Lokalpatriotismus des berühmten Paars aus Hamburg belegen.

Neben einigen Lithografien von Kanonkunst des 20. Jahrhunderts, von Dali über Picasso zu Chagall, besteht diese "Sammlung" nämlich vornehmlich aus Hafen- und Heidemotiven, die in ihrer durchgängig schmutziggrauen Farblichkeit den Eindruck erwecken, als pflegte man im Hause Schmidt den depressiven Kunstgeschmack - oder als lebten Norddeutsche unter dem Aschehimmel eines ständigen Vulkanausbruchs. Kohlenkutter und Schlepper auf grauem Wasser, Birken und Kinder von der ungesunden Farbe dunklen Schimmels, trübe Radierungen von Fluten und traurigem Proletariat, an fahlem Weltschmerz mangelt es dieser Auswahl so wenig, wie es an Hochprozentigem im "zweiten Kanzleramt" gefehlt hat, wie man auf Fotos des schmidtschen Wohnmuseums mit eigener Bar erkennt.

Die Namensliste dieser Sammlung weckt trotzdem irgendwann die Frage, wie ein einfacher Bundeskanzler ohne Privatvermögen sich diese illustre Zusammenstellung leisten konnte. Diverse Skulpturen und Stiche Ernst Barlachs, Gemälde von Paula Modersohn-Becker und ihrem Mann Otto, Aquarelle von Otto Dix, Oskar Kokoschka und Karl Schmidt-Rottluff, dazu Holz- und Linolschnitte von August Macke und Erich Heckel. Und nicht zuletzt einige Noldes, darunter ein Ölbild, "Bei der Schleuse", das 1977 für 150 000 Mark in Hamburg versteigert werden sollte und das den Schmidts dann von dem Einlieferer, dem Unternehmer Werner Otto, geschenkt wurde. Zu dem Zeitpunkt war Schmidt noch Bundeskanzler. Da durfte man sich Gemälde in sechsstelligem Wert von einem Unternehmer schenken lassen? Gab es da noch nicht §33 StGB?

Aufgedeckt hat diesen dubiosen Vorgang, der den Verdacht der Bestechlichkeit erwecken könnte, Bernhard Fulda. Der Kunsthistoriker, der zusammen mit seiner Frau Aya Soika seit Jahren die historischen Wahrheiten hinter den Legenden vom widerständigen Expressionismus im Dritten Reich aufdeckt, etwa beim Röntgenbild von Noldes wahrer Gesinnung letztes Jahr im Hamburger Bahnhof, zerrupft in seinem Katalogbeitrag zu dieser Ausstellung auch ein paar Helmut-Legenden. Etwa die von Schmidt als Selbstentlastung über Jahrzehnte hinweg wiederholte Behauptung, die Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 hätte seinen Bruch mit dem Nationalsozialismus bedeutet - wofür Fulda bei Auswertung aller Dokumente inklusive Schmidts eigener Aufzeichnungen keinen einzigen Beleg finden kann.

Schmidt: "Die NS-Begeisterung Noldes bleibt gegenüber seiner Kunst ganz unwichtig."

Und Fulda hat auch ein Strategiepapier von Schmidts Pressesprecher Klaus Bölling aus dem Jahr 1975 aufgetan, in dem eine Imagekorrektur des kühlen "Machers" Schmidt durch Kunstinteresse empfohlen wird. Danach erst begann die Hängung der Expressionisten im Kanzleramt, von denen man auch damals schon wusste, dass sie keine Widerstandskämpfer waren. Schließlich hatten Nolde, Barlach und Heckel 1934 Goebbels "Aufruf der Kulturschaffenden" zur treuen Gefolgschaft für Hitler unterzeichnet. Und Noldes Parteimitgliedschaft war seit der Nachkriegszeit bekannt - im Gegensatz zu den vielen Zeugnissen seiner braunen Gesinnung, die von der Nolde-Stiftung in Seebüll und dem Kunsthistoriker Werner Haftmann systematisch unterdrückt wurden, um Nolde nach dem Krieg als Mythos des Künstler-Opfers aufbauen zu können - wie es Fulda und Soika akribisch nachgewiesen haben.

Doch Schmidt erklärte noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2015, als das meiste über diese Geschichtsfälschung schon bekannt war, "die NS-Begeisterung Noldes bleibt gegenüber seiner Kunst ganz unwichtig". Und das, so legen es verschiedene Beiträge in dem verdienstvollen Katalog dar, könnte durchaus auch eine Wunschvorstellung Schmidts zur eigenen Haltung während des Dritten Reichs gewesen sein. Was er nach dem Krieg entgegen anderslautenden Dokumenten als "innere Gegnerschaft" zum Hitlerregime beschrieb, war wohl eher ein langer schmerzvoller Ablösungsprozess, der aber im Gegensatz zu Nolde mit dem Zusammenbruch wohl abgeschlossen war.

So verschafft dieser Katalog und seine kritischen Beiträge der Ausstellung eine Relevanz, die nur die Bilderschau aus dem Hamburger Vorort nicht hätte erzeugen können. Das lokal orientierte Sammlerinteresse von Loki und Helmut Schmidt, ihre eng auf den Expressionismus norddeutscher Prägung bezogenen Erwerbungen für den mittleren Geldbeutel erlauben in den Originalräumen, die hier in Fotos zu sehen sind, sicherlich eher die atmosphärische Vertiefung in die Lebensgeschichte dieses prägenden Ehepaares. Die Fragen, die sich an den Erwerb des Öl-Noldes und die Weigerung, die NS-Geschichte der Expressionisten ernst zu nehmen, stellen, machen aus der Hamburgensie aber doch eine politische Ausstellung mit einer gewissen Brisanz.

Kanzlers Kunst. Ernst Barlach Haus, Hamburg. Bis 31. Januar 2021. Der Katalog kostet 34 Euro.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020
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