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Helmut Kraussers "Eros"':Von der Sehnsucht, bedeutend zu sein.

Reicher Unternehmersohn liebt Hippiemädchen, die Leidenschaft überdauert alle Zeitläufte und bleibt doch unerfüllt. Vom fremden Eros der Macht erzählt der Romanautor und bleibt doch hinter seiner eigenen Kraft zurück.

Es gehört zur Selbstinszenierung des Schriftstellers Helmut Krausser als Klaus Kinski des Literaturbetriebs, dass er Rezensenten, die sich von seinem großdichterischen Furor nicht umstandslos ergreifen lassen, auch mal als "Psychopathen" beschimpft. Und doch hat er sich, so scheint es, einige der Einwände zu Herzen genommen, die von jenen Verstockten gegen seine kühnen Romankonstrukte vorgebracht wurden: Sein neues Werk kann weder der Softpornografie noch der Bildungshuberei bezichtigt werden.

"Der Eros der Macht ist von den Dichtern selten angemessen besungen worden" - Helmut Krausser

(Foto: Foto: Hagen Schnauss)

Ein paar pubertäre Masturbationsszenen, die im Vergleich zu dem, was der Autor etwa in seiner "Schmerznovelle" geboten hat, geradezu jugendbuchmäßig wirken, und ein eher volksnahes Küchengespräch über Seneca - das war's auch schon. Ansonsten vertraut Krausser ganz auf seine drehbuchkompatible Erzählroutine und auf ein Thema, mit dem man in der Häschenschule für deutsche Romanschreiber grundsätzlich in der ersten Reihe sitzt: die Geschichte unseres Landes von der Nazizeit bis zur Jahrtausendwende, verdichtet in persönlichen Schicksalen.

Ein Vampir mit Zahnersatz

Wer sich von dem Titel "Eros" ein Pendant zu dem vor zehn Jahren erschienenen Romanmonster "Thanatos" versprochen hat, muss auf eine herbe Enttäuschung gefasst sein. Die genialische Kraftmeierei, die schwarzromantische Manier - wo sind sie geblieben? Dämonie und Bizarrerie, Ich-Dissoziation und mythosophischer Bluff, postmoderner Stilmischmasch, Zitatenprunk und Abstrusitätenkabinett - dahin, dahin.

Die Zeiten haben sich geändert, und Krausser mag es satt haben, als ewiges Enfant terrible und unausgegorenes Talent gehandelt zu werden. So wollte er sich diesmal offenbar damit begnügen, im Gestus eines gehobenen Lore-Romans eine mäßig spannende, wohldosiert melodramatische, mit politisch-historischen Reizsignalen durchsetzte Story zu erzählen.

In der laufenden Saison ist er nicht der Einzige, der versucht, sich mit dieser Methode auf die sichere Seite des Ladentischs zu schlagen. Und es spricht Bände, dass Bestseller-Wunderkind Daniel Kehlmann den Freundschaftsdienst übernommen hat, auf dem Umschlag "ein ganz, ganz großes Buch" zu annoncieren.

Durchaus filmreif setzt die Ouvertüre ein, aber es gibt bekanntlich auch schlechte Filme. Wer einen Schriftsteller bei Nacht und Schneegestöber auf einem einsam gelegenen Schloss ankommen lässt, wo ihn ein geheimnisvoller Auftraggeber erwartet, der muss schon einiges an Witz aufbieten, um nach Bram Stoker, Kafka und Polanski nicht wie ein armseliges Epigonenwürstchen zu erscheinen.

Klischees und Kolportagebrocken im ironiefreien Raum

Doch Krausser meint es ernst, und als wolle er uns seiner neuen Bescheidenheit versichern, entpuppt sich das Schloss bei näherem Hinsehen bloß als "zugegeben eindrucksvolles Herrenhaus neugotischen Stils". Der Hausherr Alexander von Brücken ist nicht etwa, wie der Name nahe legen könnte, ein Vampir mit Zahnersatz, sondern ein schwerreicher Industrieller mit unheilbarem Leiden, der kurz vor seinem Abgang noch dafür sorgen will, dass seine Lebensgeschichte in Buchform gebracht wird. Aber nicht von irgendeinem professionellen Biografen - auf dem oberbayerischen Anwesen, wo als Willkommenstrunk gleich ein "Petrus 1912" dran glauben muss, ist nur die Crème de la crème gut genug.

"Sie sind von allen Künstlern, die ich kenne, der beste", begrüßt der gut erhaltene Siebziger - "schlank, hochgewachsen, die Gesichtszüge straff und gebräunt" - seinen Gast, und der gibt sich als Helmut Krausser höchstselbst zu erkennen, indem er bei sich denkt: "Ich hätte nie gedacht, dass er einen solch sicheren Geschmack besaß." Später wird sein Gastgeber zu ihm sagen: "Ich weiß, dass Sie in Ihren Büchern gerne mit dem Ekel spielen", was gleichfalls auf die Personalunion von Autor und Erzähler hindeutet.